Schattenwald
 

 

Schattenwald

Du stehst auf dem Feld, von Sonnenlicht umflutet, und lächelst stolz. In Deinem Haar fängt sich der Sommerwind. Hier bist du zu Hause, auf den Ländereien deiner Vorväter. Du weißt, was Du zu tun hast, um das beste Getreide, den ertragreichsten Weizen zu erhalten. Bienen surren und Vögel singen und jubilieren mit apollinisch klarem Klang. Hinter dem Feld beginnt der Schattenwald, das unbekannte Gefilde, dessen Grenze man nicht zu überschreiten wagt; auf den anderen Seiten wird dein Acker begrenzt durch Wege, die zur Stadt führen. Dein Vater hatte einst dazu beigetragen, diese Stadt aufzubauen und ihr zu jenem Glanz zu verhelfen, den sie heute hat. Er war es auch, der die Menschen lehrte, Pflüge und Webstühle zu anzufertigen und in der Freizeit Zither zu spielen, er hat dafür gesorgt, dass die alten Feuerschäden behoben wurden und er ließ Straßen pflastern und Brücken und Stege bauen.
In der Ferne schlägt die Turmuhr. Mittlerweile bist Du vom langen Stehen in der Sonne müde geworden. Du schließt die Augen und legst Dich hin. Unter Deinem Leib spürst Du die Furchen des Ackers und Du atmest den feuchten, modrigen Geruch der Erde. Dann breitet auch schon der Schlaf seinen Mantel über Dir aus.

Als Du wieder erwachst, ist einige Zeit vergangen. Das Surren der Bienen und das Zwitschern der Vögel sind verstummt. Die Sonne steht nun tief und schwelt als gewaltige Feuerkugel blutrot. Die Bäume werfen Schatten, die wie finstere Finger nach Dir greifen. Zum ersten Mal in Deinem Leben kommt Dir der Gedanke, dass es gewiss herrlich wäre, den Wald zu erforschen, anstatt immer nur über Straßen zu wandern... Dein Wagemut erschreckt Dich, und doch, Du kannst Dich dem Locken Deiner eigenen Neugier nicht entziehen. Unwillkürlich setzt Du einen Fuß vor den anderen, traumwandlerisch, wie in Trance. Die einsetzende Dämmerung beginnt, die einst so klaren, scharfen Konturen zu verwischen. Die Umrisse verschwimmen. Du schaust zurück und kannst die hinter Dir liegende Welt nur noch schemenhaft erkennen. Einen Augenblick zögerst Du, dann schreitest Du entschlossen weiter. Was soll Dir schon geschehen, beruhigst Du Dich; Dir, die stets so stark ist und niemals die Kontrolle verliert?
Im Waldesinneren ist es angenehm kühl. Die Luft schmeckt nach Blüten, überreifen Früchten und Pilzen. Efeu rankt an der zerfurchten Reptilienhaut der Bäume empor. Verwitterte, mit Moos bewachsene Steine säumen Deinen Weg. Allmählich stellst Du fest, dass die Schatten des Zwielichts Dir nicht nur Kühle spenden, sondern auch Deine Sinne täuschen und Dir Trugbilder vorgaukeln, hinter denen der Wald sein wahres Gesicht verbirgt... Glühwürmchen funkeln wie Irrlichter, die Wurzeln gleichen ruhenden Schlangen, im Gesträuch kannst Du Fratzen mit hervorquellenden Augen und weit aufgerissenen Mündern erkennen, und einmal glaubst Du sogar, einer Gruppe von Gnomen und Faunen gegenüber zu stehen, bis Du erkennst, dass es sich lediglich um verwachsene Bäume handelt. Mit der Zeit gewöhnst Du Dich jedoch an den vermeintlichen Spuk und genießt es, Dich dem Labyrinth Deiner Visionen hinzugeben, immer in dem Wissen, dass Du jederzeit in Deine vertraute Heimatstadt zurückkehren kannst...
Dann erreichst Du einen kreisrunden Platz. Der Duft nach Rosen und Granatäpfeln ist hier betäubend. Genau in der Mitte der Lichtung befindet sich ein See, der Dir gleich dem geöffneten Maul eines Drachens entgegengähnt. Auf dem schwärzlich schimmernden Wasser treiben Lotusblumen. Am Ufer ruht unter einem Lorbeerbusch ein Pfau. Der anschwellende Mond taucht alles in ein geheimnisvolles, milchiges Licht. Du erschauerst, und doch bist Du gleichsam fasziniert. Langsam schreitest Du auf den See zu. Ein Windhauch streicht über die Wasseroberfläche, Wellen kräuseln sich, du siehst Dein eigenes zerfetztes Spiegelbild, und für einen kurzen Moment glaubst Du zu erkennen, wie daneben  ein lachendes Gesicht mit wehenden schwarzen Haaren, heraushängender Zunge und einem glühenden Stirnmal auftaucht... Schon im nächsten Augenblick ist der Zauber vorbei, der Wind hat sich gelegt, und das rätselhafte Antlitz löst sich in Algen und Schaumkronen auf. Ohne weiter darüber nachzudenken legst Du Dein Gewand ab und lässt Dich in das glänzende, funkelnde Wasser gleiten. Wellen umschmeicheln und liebkosen deinen Körper. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl durchströmt Dich.
Deine Bewegungen haben Schlick und Algen aufgewirbelt, und plötzlich ist dir, als tauchten um dich herum phantastische Geschöpfe auf, so wunderlich und grotesk, wie Du sie Dir früher nicht einmal in Deinen kühnsten Träumen hättest vorstellen können: Wassermänner mit angriffslustig gezücktem Dreizack und kolibribunten Haaren, in die Muscheln und Hibiskusblüten geflochten sind, buhlen um muskulöse Nixen. Ein janusköpfiger Kobold spielt Flöte. Dickbäuchige Wesen mit Bocksbeinen, krummen Nasen und blutunterlaufenen Augen jagen wolfsgesichtige Libellen. Dazwischen tummeln sich winzige Zentauren, die in ihren fingerhutgroßen Köchern stecknadelähnliche Pfeile tragen. Noch ein letztes Mal holst Du tief Luft und lässt Dich dann in die Tiefe sinken, um diese unbekannte Welt zu erforschen, das Dir fremde Spiel weiter auszukosten... Auf einmal spürst Du jedoch, wie eine Alge sich um Deinen Fuß wickelt. Panisch zuckst Du zusammen, doch schon winden sich weitere Schlingpflanzen um Deine Arme und Beine. Wie eine Wahnsinnige schlägst Du um Dich, strampelst verzweifelt, um wieder freizukommen, spürst immer neue Algen, die Dich festhalten. Blinwütiges Entsetzen durchzuckt dich, mit aller Kraft strebst Du hinauf zur Wasseroberfläche, Du willst hinaus ins Freie, wieder auf festem Boden stehen... Doch Du wirst von einem starken Sog gepackt und nach unten gerissen; jetzt gab es endgültig kein Entkommen mehr, unter Deinen Füßen ist keine Erde, über Dir kein Himmel; alles um Dich herum strudelt und wirbelt, schwarze, ölige Blasen steigen auf, der bacchantische Reigen dreht sich schneller, in Deinen Ohren braust und dröhnt es, und während Du verzweifelt nach Luft schnappst, erscheint zwischen den Algen kurz ein lachendes Gesicht mit fliegenden Haaren, heraushängender Zunge und einem phosphorgleichen Stirnmal...

 

atlantis