atlantis

Ich ritt auf dem Schatteneinhorn durch die Lüfte. Unter seinen Hufen stoben Wolken auf wie Meeresschaum. Die schwarze Mähne peitschte mir ins Gesicht. Der Geruch von Äpfeln und Zimt umhüllte mich. Am liebsten hätte ich gejubelt vor Glück.
„Ursula, bitte wiederhole, was ich soeben gesagt habe!“
Ich schreckte auf. Hinter mir kicherten meine Klassenkameraden. Frau Fato, meine Erdkundelehrerin, schüttelte den Kopf.
„Was ist in letzter Zeit nur in dich gefahren, Ursula?
Du warst doch früher immer so eine gute Schülerin, aber inzwischen haben sich sogar schon andere Lehrer über deine Unaufmerksamkeit beklagt. Wenn das so weitergeht, muss ich wirklich mit deinen Eltern reden. Schließlich wäre es eine Schande, wenn du die zehnte Klasse wiederholen müsstest.“
Ich nickte und versprach, mich zu bessern, aber es erging mir wie schon so oft: Bereits wenige Minuten später wandte das Schatteneinhorn mir erneut den Kopf zu, seine honigfarbenen Augen funkelten verheißungsvoll, und ehe ich mich versah, hatte ich mich auf seinen Rücken geschwungen...

Endlich war der Unterricht beendet. Fluchtartig verließ ich das Schulgebäude und schwang mich auf mein Fahrrad. Inzwischen machte ich mir ernsthaft Sorgen. Ich konnte einfach nichts dagegen tun - egal, wo ich mich befand und wie sehr ich mich konzentrierte, immer schob sich nach kurzer Zeit das Schatteneinhorn in meine Gedanken, jenes fahlschwarze Wesen, das nach Äpfeln und Zimt duftete, und so sehr ich mich auch wehrte, jedes Mal erlag ich der Verlockung, seinen Rücken zu erklimmen ... Wenn ich bloß wüsste, was mit mir los war!
Begonnen hatte alles vor etwa zwei Monaten an dem Tag, als Mama mir verkündete, dass sie sich von Papa trennen und bei uns ausziehen würde.
Ich seufzte. Letzte Woche hatte ich sogar meine ältere Cousine Nadja, die Psychologie studierte, angerufen und sie um Rat gefragt. Aber Nadja meinte nur, dass ich durch diese Tagträume wohl meinem eigenen unerfreulichen Alltag entfliehen wolle. Immer fand sie solche Erklärungen! Verdrossen wich ich einer Pfütze aus und bog in unsere Strasse. Klar, anfangs hatte ich es tatsächlich genossen, auf dem Schatteneinhorn mit dem Wind um die Wette zu fliegen. So konnte ich zumindest für kurze Zeit alles andere zu vergessen, beispielsweise die ständigen Streitereien mit Papa oder dass unser Haus ohne Mama so leer und trostlos wirkte ... Aber schon bald gerieten meine gespenstischen Ausritte völlig außer Kontrolle. Ich fühlte mich wie eine Besessene. Allmählich fürchtete ich mich vor meinen eigenen Gedanken. Wie konnte es sich da noch um einen Tagtraum handeln, wenn die Vorstellung, auf dem Schatteneinhorn zu reiten, mir keinen Trost brachte, sondern mich nur noch mehr beunruhigte? Und überhaupt, Träume können doch nicht nach Zimt und Äpfeln riechen …

Der darauf folgende Mittwoch war der erste warme, frühlingshafte Tag in diesem Jahr. Ich beschloss, nachmittags mit dem Rad in die Stadt zu fahren, um einige Bücher in der Leihbibliothek abzugeben. Vielleicht würde dieser kleine Ausflug mich ja ablenken? Inzwischen wurde es mir immer unheimlicher, dass ich kaum noch an etwas anderes denken konnte als an das Schatteneinhorn. Stets drängte es sich wie ein ungebetener Gast in meine Gedanken und raubte mir so allmählich den Verstand. Wenn ich nur wüsste, was dieses geisterhafte Wesen mit den honigfarbenen Augen von mir wollte! Außerdem war die Stimmung zu Hause kaum auszuhalten, denn Papa war noch übellauniger und reizbarer als sonst.
Die Sonnenstrahlen kitzelten mein Gesicht, während ich über den Feldweg radelte. Bei den Gartenhäusern bog ich ab; schwungvoll nahm ich die Kurve um die verwilderte Brombeerhecke und blinzelte in die tief stehende Sonne ... Und erschrak: Mitten auf dem Weg stand, in einiger Entfernung, das Schatteneinhorn! Entsetzen durchzuckte mich wie ein Blitzstrahl. Mir wurde übel vor Furcht. Meine Hände krallten sich um den Lenker und ich rang nach Luft.
Erst Sekunden später erkannte ich, dass meine Wahrnehmung mir bloß einen Streich gespielt hatte: Ja, gewiss, da stand ein schwarzes Pferd auf dem Weg, aber bei dem vermeintlichen Horn handelte es sich lediglich um einen kahlen Ast, der genau hinter seiner Stirn hervorragte. Nun sah ich auch, dass dieses Tier nicht die geringste Ähnlichkeit mit meinem eleganten, graziösen Einhorn hatte, im Gegenteil: Es handelte sich um einen grobknochigen Rappen mit langsamen, schwerfälligen Bewegungen. Ich kicherte nervös. Himmel, flippte ich jetzt etwa komplett aus? Ich glaubte doch nicht wirklich, dieses verflixte Wesen aus meinen Träumen könne sogar in die Wirklichkeit eindringen, um mich zu verfolgen ... Oder?
Ich ignorierte das wilde Pochen meines Herzens und fuhr weiter.
Nun konnte ich auch den Besitzer des Pferdes sehen, einen alten, buckligen Bauern, der vor dem Rappen ging und ihn am Halfterstrick sich führte. Ich setzte an, die beiden zu überholen. Höflich nickte ich dem alten Mann zu. Für einen kurzen Moment fiel das Sonnenlicht direkt auf die Augen seines Pferdes und ließ sie honiggolden schimmern ... Und da geschah es: Das Pferd, das bisher so gleichmütig dahingetrottet war, warf plötzlich den Kopf hoch, legte die Ohren zurück, drehte mir das Hinterteil zu und keilte wütend in meine Richtung. Geistesgegenwärtig riss ich mein Fahrrad zur Seite. Es gab einen heftigen Ruck, und im hohen Bogen wurde ich über den Lenker geschleudert.
Benommen rappelte ich mich auf. Der Mann beugte sich über mich.
„Ist alles in Ordnung?“ Seine Stimme schien aus weiter Ferne zu kommen.
Ich nickte. Er reichte mir die Hand und murmelte dabei, er wisse auch nicht, was plötzlich in sein Pferd gefahren sei, so was habe es noch nie gemacht, und die ganze Angelegenheit tue ihm natürlich furchtbar Leid …
Ich schulterte meinen Rucksack. In die Bücherei konnte ich so nicht mehr gehen, meine Kleidung  war von oben bis unten voller Matsch, und selbst in meinen Haaren klebte Schlamm. Also schwang ich mich auf mein Rad und fuhr wieder zurück nach Hause, noch immer wie in Trance. Die schlechte Laune meines Vaters hatte ich inzwischen vollkommen vergessen.
„Papa, stell dir, vor, was mir passiert ist!“, rief ich, kaum dass ich die Haustür geöffnet hatte. Niemand antwortete mir. „Da war dieser Typ mit seinem Pferd, und plötzlich ...“, erklärte ich, während ich die Tür zum Arbeitszimmer aufriss. Im nächsten Augenblick erstarrte ich. Mein Vater lag über seinem Schreibtisch, unnatürlich bleich, das Gesicht zu einer grotesken Fratze verzerrt.
„Papa! Was ist los?“
Ich schüttelte ihn heftig, doch er reagierte nicht. Panik flutete in wilden Wogen über mich hinweg. Ich stürmte zum Telefon und rief den Notarzt.

Später erfuhr ich, dass Papa einen leichten Infarkt erlitten hatte. Sogar meine Mutter kam dazu, während ich im Warteraum des Krankenhauses saß und sorgenvoll an meinen Fingernägeln kaute. Schließlich teilte ein Arzt mir mit, Papa sei jetzt außer Lebensgefahr, ich brauche mir keine Sorgen mehr zu machen.
„Was für ein Glück, dass du deinen Vater gefunden hast. Hätte er länger dort gelegen, stünde  es nun wesentlich schlechter um ihn“, sagte er.
Ich nickte bloß stumm und dachte an das schwarze Pferd, das meinem geisterhaften Schatteneinhorn für einen Moment so ähnlich gesehen hatte. War alles wirklich reiner Zufall gewesen? Ich konnte es kaum glauben.

Diese Nacht verbrachte ich bei meiner Mutter. Zuerst war ich überzeugt, keine Sekunde schlafen zu können, aber kaum hatte ich die Augen geschlossen, sah ich erneut das Schatteneinhorn vor mir. Ich bebte jetzt vor Furcht, und doch übte das Wesen weiterhin eine unerklärliche Faszination auf mich aus. Gegen meinen Willen schwang ich mich auf seinen Rücken. Unter seinen Hufen zerbarsten die Wolken und stoben auf zu schimmerndem Rauch. Ich konnte kaum noch sehen, wohin wir rasten. Die Angst schlug gleich einer wilden Bestie ihre Klauen in mein Herz. Der Nebel verdichtete sich immer mehr, und plötzlich glaubte ich, darin eine Gestalt zu sehen, einen Jungen, etwa in meinem Alter, mit schulterlangen Haaren, einem langen Mantel und einem schmalen, gütigen Gesicht ... In diesem Moment bäumte mein Einhorn sich auf und stieß einen schrillen, triumphierenden Schrei aus. Verzweifelt krallte ich mich in seiner Mähne fest, doch ich konnte mich nicht mehr halten. Ich fiel herab und stürzte in die Unendlichkeit, während der Junge mit dem langen Mantel seine Arme nach mir ausstreckte ...
Ich erwachte. Es war viertel nach neun. Offenbar hatte meine Mutter also beschlossen, mich nach der Aufregung des gestrigen Tages nicht in die Schule zu schicken.

Ich nahm mir kaum die Zeit, richtig zu frühstücken und fuhr sofort ins Krankenhaus. Mein Vater schlief, als ich mich auf Zehenspitzen in sein Zimmer schlich, aber die Krankenschwester beteuerte erneut, dass alles O.K. sei. Also begab ich mich in die Cafeteria. Erst jetzt, da die Anspannung allmählich von mir abfiel, merkte ich, wie hungrig ich war.
Ich bestellte eine Tasse Kaffe und ein Mandelhörnchen und verzog mich an einen Tisch in der Ecke, wo ich mich sogleich in eine der ausgelegten Zeitschriften vertiefte. Plötzlich jedoch schreckte ich auf: Der vertraute Geruch nach Äpfeln und Zimt
durchzog den Raum. Augenblicklich keimte die Furcht in mir empor. Ein flaues Gefühl breitete sich in meinem Magen aus.
„Bitte sehr, hier ist ihr Apfelplunder und ihr Tee. Sie hatten doch einen Zimt-Tee
bestellt, nicht wahr?!“
„Oh ja, vielen Dank. Hmm, das duftet ja köstlich.“
Wütend schlug ich meine Zeitschrift zu. Himmel, ich führte mich mal wieder schlimmer auf als ein Huhn beim Gewitter! Es wurde wirklich Zeit, dass ich aufhörte, mich immerzu wegen diesen seltsamen Träumen verrückt zu machen. Ich hob den Kopf, um zu sehen, wer sich, von mir unbemerkt, am Nachbartisch niedergelassen hatte – und zuckte zusammen: Es handelte sich um einen Jungen mit schulterlangen Haaren und einem schmalen Gesicht. Eindeutig, das war er, der geheimnisvolle Retter aus meinem Traum! Und tatsächlich, auch der lange Mantel hing über seiner Stuhllehne.
Jetzt hatte der Junge meinen Blick bemerkt. Freundlich lächelte er mir zu und kam dann an meinen Tisch.
„Hi, ich bin David.
Ist´s O.K., wenn ich mich zu dir setze?“
„Klar. Ich heiße übrigens Ursula“, stammelte ich. Noch immer traute ich meinen Augen nicht.
„Du kommst mir irgendwie bekannt vor. Kann es sein, dass wir uns schon mal begegnet sind?“, fuhr er fort.
Ich nickte bloß fassungslos.
 „Ich glaube, ich erinnere mich ... Du warst gestern auch hier im Krankenhaus, nicht wahr? Besuchst du Freunde oder Verwandte?“, fragte er.
Verlegen nippte ich an meinem Kaffee. Mein Herz hämmerte, als wolle es jeden Moment meinen Brustkorb sprengen. Dann brach plötzlich alles aus mir heraus, und noch ehe ich mich versah, hatte ich ihm die ganze Geschichte erzählt: Dass mein Vater schon lange unleidlich war, dass ich gestern in die Stadt fahren wollte, weil ich es in dieser Atmosphäre zu Hause einfach nicht mehr aushielt, dass ich unterwegs einen Unfall hatte und deswegen umkehren musste, und ja, natürlich erzählte ich auch, was für ein furchtbarer Schock es gewesen war, meinen Vater zu finden, der reglos und mit verdrehten Gliedmaßen über der Schreibtischplatte hing ...
Ich holte tief Luft. Was war bloß mit mir los? Normalerweise war ich nie so gesprächig. Wenn meine Mitschülerinnen unbedarft plauderten, stand ich meist bloß schweigend daneben und rang nach den passenden Worten. Allein Davids Lächeln bewirkte jedoch, dass ich mich mit einem Mal so geborgen fühlte, als sei ich nach einer langen Reise endlich zu Hause angekommen.
Anschließend erzählte David mir, dass er hier im Krankenhaus seine Oma besuchte.
„Müsstest du jetzt nicht in der Schule sein?“, erkundigte ich mich.
David nickte. „Eigentlich schon. Aber die zweite und dritte Stunde fallen für mich heute aus. Stell dir vor, unsere Mathelehrerin ist gestern vom Pferd gestürzt und hat sich den Arm gebrochen. Ich wusste nicht mal, dass sie überhaupt reitet!“ Er zwinkerte mir zu. „Aber so leid es mir auch für die arme Frau Moira tut - ich finde, es ist ein verdammt schöner Zufall, wenn man bedenkt, dass wir beide uns dadurch begegnet sind. Was hältst du davon, mal zusammen was zu unternehmen?“

Am nächsten Samstag traf ich mich mit David. Ich trug an diesem Abend eine schimmernde, honigfarbene Bluse zu meinen obligatorischen Jeans. Meine Mutter hatte mir geholfen, meine Haare in einer komplizierten Frisur hochzustecken, wobei sie unentwegt kicherte und von ihrem ersten Rendezvous erzählte, das wohl ein absoluter Reinfall gewesen war. Schließlich konnte ich nicht anders, als in ihr Lachen einzustimmen. Mit einem Mal fühlte ich mich so froh und unbeschwert wie schon lange nicht mehr.
David lud mich in irgendeine Bar ein, in der eine seiner Lieblingsbands spielte. Ich kannte weder die Bar, noch die Band, was jedoch kein Wunder war, wenn man bedenkt, wie selten ich überhaupt ausging. Nichtsdestotrotz genoss ich den Abend von der ersten bis zur letzten Minute. Noch immer konnte ich kaum fassen, wie glücklich ich mich allein durch Davids Gegenwart fühlte. Wir waren so vertraut miteinander, als ob wir uns schon ewig kannten, und gleichzeitig lag ein unerklärlicher, fremdartiger Zauber über allem, der uns manchmal sprachlos zurückließ …

Von da an trafen David und ich uns oft. Wir gingen zusammen Kaffee trinken, unternahmen lange Spaziergänge, und irgendwann legte David im Kino behutsam einen Arm um meine Schultern. Von diesem Moment an war uns beiden klar, dass wir zusammen gehörten.
An das Schatteneinhorn dachte ich kaum noch. Die rätselhaften Heimsuchungen hatten von dem Tag an, da ich David begegnet war, aufgehört. Inzwischen war ich selbst der Meinung, dass ich mich lediglich in irgendwelche Tagträume hineingesteigert hatte.
Dann kam jedoch der Tag, an dem David mir seine Bilder zeigte …

David hatte oft davon gesprochen, dass er gern zeichnete und später Kunst studieren wollte. Auf dem Dachboden hatte er sogar ein Atelier eingerichtet.
Nervös nestelte er an den Bändern seines Kapuzenpullis, während er die Speichertür aufschob und das Licht einschaltete.
Ich erstarrte: Eine ganze Reihe von Bildern zeigte ein Einhorn, das aus lodernden, wogenden Flammen bestand. Seine Augen glänzten honigfarben. Mit einem Mal hatte ich das Gefühl, ein schwacher Geruch nach Kaffee und Mandeln durchzöge den Raum. Von draußen konnte der Duft bestimmt nicht kommen, denn die Fenster waren geschlossen. Ein eisiger Schauer kroch meinen Rücken herab.
„Und, wie gefallen dir meine Bilder?“, fragte David.
Vor Schreck brachte ich kein einziges Wort hervor. Rasch vergrub ich meine Hände in den Hosentaschen, damit David nicht sah, dass sie zitterten.
David lächelte verlegen. „Ich weiß, diese Zeichnungen wirken vielleicht etwas seltsam, aber... Es gab eine Zeit, da habe ich oft von diesem Feuereinhorn geträumt, und ...“ Er zögerte. „...und jetzt träume ich zum Glück von anderen Dingen“, beendete er den Satz. „Von schöneren Dingen.“
In seinen Augen lag alle Zärtlichkeit der Welt, als er den Arm um meine Schulter legte und mich näher zu sich heranzog.

Im Hinausgehen warf ich einen letzten Blick auf Davids Bilder. Noch immer nahm ich wie aus weiter Ferne den Duft von Kaffee und Mandeln wahr. Und ich dachte, dass ich vielleicht auch versuchen sollte, die Erlebnisse mit meinem Schatteneinhorn festzuhalten, jenem rätselhaften Wesen aus unbekannten Gefilden, das mich im wilden Galopp in meine eigene Zukunft hineingetragen hatte. Ich weiß, ich bin keine besonders gute Zeichnerin, aber anstatt ein Bild zu malen könnte ich ja auch alles aufschreiben...