Nimm dein Herz aus dem Kühlschrank und den Blattspinat
von Michaela Adick

Neulich, spät in der Nacht im Industriegebiet, die Sterne funkeln und man möchte aufstöhnen. Diese spätgeborenen Blumenkinder, sind sie nicht reizend. Sie hassen Schubladen, Herkömmliches, Unoriginelles. Ganz wie die Großen. Aber sie sind staubtrocken und das finden sie cool.

“Wir wollen selbst errichtete Konventionen umstoßen, um ein eigenständiges, sinnvolles Ganzes zu gestalten... Unsere Zielgruppe sind wir”, sagen Blumen in Erichs Garten, eine flippige Band mit flippigem Namen und flippigem Genre-Typ: Blumen-Pop. Falls in der Selbstauskunft ein ironischer Unterton verborgen gewesen sein sollte: Blumen in Erichs Garten, Höhepunkt des 9. Betonbruch-Festivals im Rahmen der Youth Art im Mobilat Heilbronn, wissen diesen Unterton in Worten, Werken und Gesang gut zu verstecken.

Die Blumenkinder, die von Kristina Flöge an Akkordeon und Querflöte unterstützt werden, spielen unbekümmert wie eine Schülerband auf, verpacken deutsche Texte in Desert Rock à la ZZ Top. Fünf Bands haben die Veranstalter um Tim Siebert (Betonbruch) engagiert. Bands wie die Weird Moonlemons (Psycho-Rock), Alternative-Rocker wie Tonfusion, Liedermacher wie Siggi Stern und Thomals Göltz, Indie-Rocker wie Counter-Statement.

Das Publikum stimmt mit den Füßen ab und flaniert. Ein paar Takte Tonfusion im Keller des Club Mobilat, knallharte Gitarrenriffs, klasse Stimmen. Ein paar Wagemutige tanzen Pogo, anstoßen, wegstoßen wie beim Auto-Scooter und dann hüpfen, hüpfen, hüpfen. Auf den orangenen Stühlen im Hinterhof lümmeln sich Besucher, eine Fackel beflackert den Büchertisch, ein Paar spielt ungerührt Schach.

Weiter hinten in der aufgelassenen Halle werden vor einer Backsteinwand gruselige, eidechsenhafte Wesen angestrahlt. Ach ja, die Kunstausstellung. Eine gestrenge Frau ruft zur Ordnung. Das Experiment lauert, das Gewagte: Ein psychedelisch anmutender Film von Frank Nagel, der von einem Hörspiel von Nadine Muriel (Idee, Text und Regie) und Robbie Rigling (Musik) begleitet wird.

Mit gut und gerne 25jähriger Verspätung ist Multimedia angekommen. Da lobt man sich die ehrlichen Aussagen eines Siggi Stern, der flehend in den echten Sternenhimmel ruft: “Nimm dein Herz aus dem Kühlschrank und den Blattspinat dazu!” Eine Botschaft, die auch bei der wie auch immer geratenen Zielgruppe ankommt. Garantiert. Unsere Zielgruppe sind wir: Bands und Multimediakünstler stellen beim Betonbruch-Festival im Mobilat Heilbronn ein gewagtes Programm zusammen.

(erschienen bei www.stimme.de)

vincent

      Vielen Dank an Rollànd, der mir diesen Bericht hat zukommen lassen