Uraufführung von Nadine Muriels neuestem Werk in Heidelberg

“Illusion” - ein Hörspiel”

“Der Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einem, wenn man hinunterschaut” (Alban Berg)

Neues aus der Heidelberger Kunst- und Literaturszene:
Tief in den düsteren Katakomben Heidelbergs fand am 25. Oktober 2002 im “Casino Cosmonaut” die Uraufführung von Nadine Muriels neuestem Werk, dem Hörspiel “Illusion” statt. Buchautorin und Dramaturgin Nadine Muriel arbeitete zu diesem Zweck mit dem Mannheimer Produzenten und Komponisten Robby Rigling zusammen. Im Gegensatz zu ihrem bisherigen Repertoire von Kurzgeschichten, Gedichten und dem Roman “AtlanticVisionCinemaIsland” sowie ihren Liedern, die während ihrer Zeit als Sängerin der Avantgarde-Band “Psychedelic Troubadix” entstanden, zielt “Illusion” auf die Kombination der Medien Musik und Literatur ab. In diesem Werk verschmelzen ihre dunklen Bilder menschlicher Abgründe mit den schwermütigen Klangkompositionen von Robby Rigling, welche durch die Pianisten des Surrealismus und den modernen Industrial-Stil geprägt sind. Weiterhin intensiviert wurde die Stimmung von “Illusion” bei der Aufführung durch das düstere Ambiente des “Casino Cosmonaut”. Muriel und Rigling waren sich wohl der Schwierigkeit bewußt, in der heutigen Zeit ein Publikum zum Genuss eines 60minütigen Hörspiels zu fesseln. Doch “Illusion” zieht das Publikum im völlig überfüllten Saal unweigerlich in seinen Bann. Man ist ergriffen von der jungen Liebe des Protagobisten Vincent und empfindet es dadurch um so beklemmender, daran teilzuhaben, wie das Gemüt des Romanciers allmählich immer mehr der Wahrheit entrückt. Eine Geschichte, die sofort unter die Haut geht! Das Erlebnis steht im wunderbaren Kontrast zu der Schein- und Glitzerwelt der angeblichen studentischen Fröhlichkeit und lässt einen mit einem Gefühl merkwürdiger Leere und Dumpfheit nach Hause gehen.

Nadine Muriel schildert die Begegnung von Vincent, einem verträumten, introvertieren, manisch schreibenden Poeten, und Undine, einer freundlichen, naiven Studentin - zwei Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten! Nichtsdestotrotz scheint sich eine Freundschaft zwischen ihnen anzubahnen: Sie treffen sich, trinken Wein und unterhalten sich über alles mögliche. Während jedoch ziemlich schnell klar wird, daß Undine all dem keine weitere Bedeutung zumisst, stilisiert Vincent sie zu einer Art “mystischen Geliebten” und nimmt die Begegnung mit ihr als Inspirationsquelle für einen neuen Roman: Er selbst und Undine sind die Hauptfiguren in diesem Werk. Im “Moulin Rouge begegnen sie einander, und Undine gesteht ihm, in Wahrheit eine Nymphe zu sein, Tochter des Königs von Atlantis. Nachdem eine Hexe, die nach der Herrschaft über Atlantis gierte, sie der Untreue bezichtigte, wurde Undine zur Strafe in die Menschenwelt geschickt, wo sie ein Dasein als Kurtisane fristen muss. Von diesem Bann kann sie nur befreit werden, wenn sie und ein Menschenmann einander über einen bestimmten Zeitraum hinweg Liebe und Treue entgegenbringen. Vincent will Undine erlösen und schwört, ewig zu ihr zu stehen.
In Vincents Welt beginnen sich Wahrheit und Phantasie zu vermischn. Die Konturen verschwimmen. Der in Leidenschaft entbrannte Student glaubt, seine “ewige Liebe” gefunden zu haben, welche Undine jedoch in Wirklichkeit nicht erwidert. Bald ist Vincent außerstande, zwischen der REalität und seiner eigenen Phantasiewelt zu unterscheiden.
Bei den tatsächlichen Begegnungen der beiden plätschert das Gespräch stets auf einer eher oberflächlichen, belanglosen Ebene dahin; die phantastische Geschichte in Vincents Kopf nimmt hingegen immer konkretere Formen an. Mit der Zeit taucht er mehr und mehr in diese imaginäre Welt ab, und es fällt ihm kontinuierlich schwerr, zwischen Phantasie und Wirklichkeit zu unterscheiden. Somit erscheint ihm auch Undines eher distanziertes, zurückhaltendes Verhalten ihm ggenüber völlig unverständlich. Den Bezug zur Realität stetig verlierend, erklärt er sich dieses Verhalten zunächst damit, daß Undine von der um ihren Platz auf dem Thron fürchtenden Hexe zum Treuebruch verführt wurde; später ist er dann überzeugt, die Hexe sei in Wahrheit Undines beste Freundin, und die beiden seinen, wie es der Wasserweibchen Art ist, vollkommen herzlos und gefühlskalt und machten sich einen Spaß daraus, ihn durch falsche Versprechungen zum Narren zu halten. Aus seiner Sicht gibt es nur noch eine Möglichkeit, sich einerseits an den beiden Nixen zu rächen und andererseits selbst die ersehnte Glückseligkeit auf Atlantis zu erlangen...

Sowohl die pathetische Musik von Robby Rigling als auch die sprachlich ausdifferenzierten Texte von Nadine Muriel ermöglichen es dem Hörer, Vincent auf seiner “Reise” in sein faszinierendes, phantastisches Traumreich zu begleiten; gleichzeitig wird aber auch immer wieder die gesamte Situation aus Undines Perspektive beleuchtet, so daß klar wird, wie wenig Vincents Gedanken mit der Wirklichkeit gemein haben. Auf diese Weise wird ein Spannungsfeld geschaffen zwischen dem alltäglichen, oft auch oberflächlichen Leben einer Studentin und der von mystischen Bildern durchzogenen Gedankenwelt eines Außenseiters, die hier abrupt aufeinandertreffen.

Zu den Künstlern:

Nadine Muriel:
Geboren in Trier. Buchautorin, Poetin, Musikerin, Model. Lebt und arbeitet seit fünf Jahren in Heidelberg. Mehrere Kurzgeschichtsveröffentlichungen

Robby Rigling: Komponist, Pianist und Sänger aus Mannheim. Arbeitet seit mehr als einer Dekade im surrealistischen Konglomerat der “Gesellschaft ohne Hoffnung”. Zur Zeit arbeitet er an einem Opernprojekt mit dem Titel “Rückkehr der Nibelungenritter. Näheres über sein Schaffen findet ihr unter www.gesellschaftohnehoffnung.com

geschrieben von Rollánd Schnell,
erschienen in “Basta”

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