3. September

~ ° ~ Sylvia Vrickschat-Höhlerien ~ ° ~

 

Straßenbahn Linie 4 in die Weststadt.
     Am Anfang stehen immer das Leid und die Sehnsucht,
dachte Sylvia, während sie aus der regenverschmierten Scheibe auf Asphalt, Leitplanken, einheitliche Häuser und Wegweiser zu Tiefgaragen starrte;
     das tiefe, profunde, unergründliche Leid, das uns stetig in seinen Strudel hineinzieht, sowie die Sehnsucht nach einem glücklichen
     Sein auf der vielgepriesenen Sonnenseite des Lebens, wo es keine schwärenden Schatten gibt, die an unseren Gedanken nagen
     und unentwegt ihre stählernen Klauen in vermeintlich friedvolle Tage schlagen... Und jedes Unheil beginnt stets damit, daß wir
     unsere Sehnsucht auf ein konkretes Ziel richten, dieses Ziel zu einem rettenden Leuchtturm im brausenden Sturm des Kummers
     stilisieren und danach streben, es zu erreichen, statt das alles durchdringende Leid, so unerträglich es gelegentlich auch sein mag,
     einfach als nicht vom eigenen Leben zu trennendes Element hinzunehmen und zu akzeptieren... Selbst die Liebe vermag auf
     Dauer keinen Schutz zu gewähren. Wie sollte sie auch? Die Liebe kann die Baracke des Daseins, in der wir hausen, nicht in einen
     prunkvollen Palast verwandeln. Sie kann sie höchstens mit schimmerndem, glitzerndem Flimmer überziehen und ihr so kurzzeitig
     eine würdevolle, märchenhafte Fassade verleihen – doch wehe, wenn dieser Schein zu bröckeln beginnt...

Die Straßenbahn bog um die Ecke. Die nächste Station war die Kasernenstraße. Sylvias neue Heimat. Sie hatte das Gefühl, ihre Eingeweide zögen sich zusammen und bildeten eine schweres, sich langsam regendes Knäuel in ihrem Inneren. 
An der Litfaßsäule prangten zwischen überlebensgroßen, bereits vom Regen ausgebleichten Bildern mit strahlend lächelnden Bikini-Schönheiten, die sich lasziv am Swimmingpool räkelten, exotische Cocktails schlürften und so für Urlaub in der Karibik oder vielleicht auch eine neue Zigarettenmarke warben, Plakate für den in Kürze anlaufenden "Undine"-Film. Stacheldrahtgesäumte Straße. Klotzartige Kasernengebäude. Irgendwo dazwischen die klägliche Karikatur eines Baumes hinter Maschendraht - "Projekt Stadtbegrünung in konfliktträchtigen Ballungsgebieten" nannte man so was wohl in der Amtssprache. Ein älterer Mann in Jogginghosen und mit Bierdose in der Hand ließ seinen asthmatischen Dackel gegen ein Einbahnstraßenschild pinkeln, und mehrere Jungs mit Armeehosen und Baseballkappen standen gelangweilt an einer Häuserecke, rauchten und spuckten ab und zu auf den Boden.
Willkommen zu Hause.
Das dumpfe Knäuel in Sylvias Inneren bewegte sich heftiger. Ihr wurde übel.

Wie schon so oft jagten die gleichen hektischen, in Panik aufbegehrenden Gedankenfetzen durch ihr Hirn: Niemand verlangte von ihr, hier zu wohnen und dieses triste, einsame Leben zu führen, welches sie derart fürchtete; rein theoretisch könnte sie jetzt auch...
Was?
Einfach die nächste Bahn nehmen und wegfahren, zurück nach Kornweiler, zurück zu Hermann, es wäre so leicht... 
Sie würde erneut ihren alten Tagesablauf aufnehmen, bräuchte nicht mehr jede einzelne ihrer Tätigkeiten zu hinterfragen und stetig neu auf deren Sinngehalt zu überprüfen - schließlich, so würde sie sich wieder und wieder beruhigen können, wären all ihre Handgriffe Dinge, die sie schon seit Jahren in dieser Form vollführte und die somit dank ihrer banalen Alltäglichkeit bereits den Status einer gewissen Legitimität besaßen; Morgens würde sie neben Hermann, ihrem geliebten, fürsorglichen Ehemann, aufwachen und...
Verdammt, Hermann! Der Gedanke an ihn schnitt wie ein Messer in ihr Herz.
Hermann mit dem wundervollen Lachen, der weichen, seidigen Haut und den tanzenden Sternchen in den samtbraunen Pupillen. Hermann, der Sonnenstrahl im Verlies ihres Lebens. Und gleichzeitig auch oft genug das Verlies selbst...
Würde er überhaupt noch weiterhin mit ihr zusammenleben wollen?
Natürlich wollte er, diese Frage stand erst gar nicht zur Debatte, antwortete Sylvia sich sofort.
Warum sollte er auch nicht?! Bloß weil sie ihn kurzzeitig – ihr Auszug aus dem gemeinsamen Haus lag nicht einmal einen Monat zurück -  verlassen hatte?!
Für Hermann wäre so etwas kein Grund. Gewiß nicht!
Hermann würde wie immer alles damit erklären, daß Frauen halt so sind - kapriziös, empfindsam, sprunghaft, launisch, unberechenbar – und daß solche Konflikte zum Ehealltag gehören. Ja, für Hermann war es stets so einfach, alles, was um ihn herum geschah, in derartige Schemata einzuordnen und als „richtig“ zu klassifizieren. Seine Erklärungen waren ein hervorragender Schutzwall, der ihn von allen Ängsten und Selbstzweifeln abschirmte. Ihr eigenes Leben dagegen war ein Tanz auf dem brodelnden Vulkan, der jederzeit auszubrechen drohte, ein rasanter Flug über dem Abgrund, ohne doppelten Boden und ohne Netz, ein irrsinniger Reigen zwischen Himmel und Hölle...

Inzwischen stand sie vor der Tür des heruntergekommenen Mietshauses, in welchem sie seit genau drei Tagen ein winziges Ein-Zimmer-Appartment bewohnte. Davor hatte sie in einem schäbigen Hotelzimmer die Stunden abgesessen, morgens die Wohnungsangebote in der Zeitung studiert und anschließend den Rest des Tages damit verbracht, die graugemusterte Wand anzustarren und ihre Tränen hinunterzuschlucken. Nichtsdestotrotz sehnte Sylvia sich zurück nach dieser Zeit. Damals hatte ihr Tun wenigstens noch einen Sinn gehabt, ihr Handeln ein Ziel, ihr Denken eine Hoffnung: Wenn ich erst mal eine richtige Wohnung habe, wird alles erträglicher... Jetzt saß sie im tiefen Krater ihres Kummers fest, ohne Ausweg, ohne Zuversicht. Nichts war besser geworden, seit sie in die Kasernenstraße gezogen war, und nichts würde sich je verändern.
Kinder kreischten. Vor den Garagen lungerten wie immer ein paar Halbwüchsige herum und zielten betont lässig mit Kieselsteinen auf Blumenkübel und Katzen. Die Mülltonnen quollen mal wieder über. Die blechernen Briefkästen verbeult und die ursprünglich schmutziggelbe Wand mit stümperhaften Graffitis übersät. Größtenteils obszöne Motive. Sozusagen eine Exklusiv-Reportage aus Sodom und Gomorrha, kam es Sylvia kurz in den Sinn.
Kaltes Neonlicht im Treppenhaus. Abgetretene Fußmatten. Der unangenehme Geruch nach Pisse und verbranntem Kohl. Am "schwarzen Brett" ein Zettel mit der Mitteilung, daß nächsten Montag aufgrund von Renovierungsarbeiten für mehrere Stunden die Wasserleitung gesperrt werden muß. Mal wieder. Diesmal benutzte Sylvia nicht den Aufzug. Sie wollte den gefürchteten Augenblick, wenn sie ihre Wohnung betreten würde, so lange wie möglich hinauszögern. Ihre Schritte wurden von Etage zu Etage langsamer und schwerfälliger. Dann erreichte sie ihr Stockwerk. Versuchte, nicht zu zittern, als sie den Schlüssel ins Schloß steckte. Sylvia wußte, wer bereits hinter der Tür lauerte und es sehnlichst erwartete, sie endlich wieder zärtlich in die Arme zu schließen: Ihre einzige Gefährtin der vergangenen Tage, die Einsamkeit.
Willkommen zu Hause!

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Randy Ray Mahrut

Randy Ray erwachte und fühlte sich beschissen. Irgendwo in der Nähe hatten ein paar total durchgeknallte Typen "Bloodhound Gang" aufgelegt und hörten jetzt ununterbrochen "FireWaterBurn", immer in voller Lautstärke, und er haßte sie dafür aus tiefstem Herzen. Dem Stand der abartig hellen Sonne nach schien es etwa gegen Mittag zu sein, die Luft im Zelt war heiß und stickig und roch nach Schweiß, Fusel und abgestandenem Rauch, und Ray glaubte, sein gottverdammter Schädel müsse jeden Moment zerspringen, so dröhnte er. Sein Mund war trocken und pelzig und schmeckte, als habe Ray die letzten Stunden damit verbracht, den vollgepissten Boden eines Gorillakäfigs gründlich sauber zu lecken. Automatisch, ohne hinzusehen, griff er nach dem Gitanes-Päckchen neben seinem Kopf, zündete sich eine Zigarette an und überlegte kurz, ob er sich ganz ungeniert auf seinen eh schon vor Schmutz starrenden Schlafsack übergeben sollte, entschied sich dann aber dagegen. Um ihn herum lagen seine schwarzen Klamotten, zusammengeknüllt und wild verstreut, dazu Rotweinflecken und Brandlöcher, und Ray, noch immer trancehaft in den öligen Klauen der Nacht gefangen und völlig orientierungslos, wie ein Fisch auf dem Trockenen, ein Raumfahrer in einer fremden Galaxis, ein Patient auf der Intensivstation des falschen Krankenhauses, hoffte für ein paar Sekunden, er möge jetzt einfach wieder in den erlösenden, halbtrunkenen Schlaf zurückfallen und so den Moment der Erinnerung an gestern, wie auch immer diese geartet sein mochte, noch etwas hinauszögern. Er wußte aus Erfahrung, selbst ohne die genaueren Details zu kennen, daß Abende, die in seinem Hirn solche Exkremente hinterließen, im Nachhinein betrachtet oft besser nicht stattgefunden hätten.
Dann ertönte ganz in seiner Nähe schrilles, kreischendes Gelächter, irgend jemand brüllte "verruchter Amphorenkönig", unwillkürlich hob Ray den Kopf und sein Blick fiel auf jenen fatalen Zettel...  "Bin schon mal gegangen, aber wir sehn uns später, A." hieß es dort in zierlichen, dunkelblauen Buchstaben, und augenblicklich hatte er den gesamten Verlauf des gestrigen Abends wieder mit peinlicher Genauigkeit sehr lebhaft vor Augen.
... Da war zuerst der Auftritt seiner Band „Libertalia“ gewesen, zwar bloß auf der Newcomer-Bühne und so, doch was soll's, trotzdem geil, das Publikum hatte geklatscht und gebrüllt und getobt und begeistert nach einer Zugabe verlangt, total abgefahren, und Backstage hatte dann diese junge Frau mit den Dreadlocks und dem katzenhaften Faunengesicht gesessen, halb hinter einem ausrangierten Lautsprecher versteckt, unauffällig wie ein Schatten, Ray kannte sie irgendwie vage, vermutlich wohnte sie ebenfalls in Brackstadt; und sie zupfte ihn am Ärmel und bat ihn verlegen um ein Autogramm, sein erstes übrigens, und da Ray sie sympathisch fand, lud er sie spontan ein zur Fete später auf dem Zeltplatz, und sie kam auch tatsächlich, zusammen mit ihrer Clique, Kai und Flori und noch 'n paar Leute, unter anderem jene A., deren Name er schon wieder vergessen hatte; gemeinsam entkorkten sie eine Rotweinflasche nach der anderen, mixten Cola-Rum und Tequila Sunrise und bauten Joints so groß wie Ofenrohre; bereit, in die Nacht einzudringen und im schwelenden Rhythmus der Erde zu tanzen, ihren stählernen Leib zu umarmen und, den Geschmack des eigenen Blutes auf der Zunge, ihre raue, uralte Oberfläche zu schürfen, auf eine gewaltige, orgiastische Weise das Leben zu zelebrieren und sich hemmungslos dem Dasein entgegenzuwerfen; ja, hey, die Nacht ist ein wildes, unbändiges Pferd mit schwarzen Augen und exotischem Kopfschmuck, das uns in sagenumwobene Gefilde trägt, ein Highway, ein Roadmovie, und Poesie ist mein Chevrolet; wir allein vermögen ein neues Pantheon zu kreieren und uns auf exzessive Weise hinauf zur Sonne zu schwingen, stolz und rauschhaft der ganzen Welt huldigend und immer in dem trunkenen Vertrauen, daß unsere selbst erträumten Fittiche aus heißem, dampfendem Metall uns tragen werden bis in Dyonesis' geheimes Reich und hunderttausend Meilen weiter; das Blut brauste pompös und golden durch die Adern und jeder neue Gedanke erschien wie eine Explosion, eine unerhörte Offenbarung; sie lachten und sangen und debattierten lautstark und besoffen über Marx, Nietzsche und van Dänicken, Inga und Harry übten den Urschrei, Norman kotzte hinter einen Baum, Stefan schmierte sich zu später Stunde Ruß und Asche ins Gesicht, bastelte ein provisorisches Pfeil- und Bogen-Konstrukt und verschwand dann stark schwankend zwischen fremden Zelten mit der Begründung, er müsse jetzt Bisons jagen, irgendwie fing Normans Schal am Lagerfeuer Flammen, und schließlich, als die Nacht sich ihrem Ende zuneigte und die schmale Wand aus Wein und Musik bereits ins Leere zu kippen begann, saß A. plötzlich direkt neben Ray und hielt seine Hand; na gut, eigentlich war sie überhaupt nicht sein Typ, aber in ihren Lotusaugen spielte der leise Mondschein, ihre Stimme, die von Isis und von namenlosen Basaren in Marrakesh sprach, klang vor dem zerrissenen Vorhang des Universums sanft wie Wind in Lindenlaub und ihr Lachen hörte sich an, als ob Regentropfen auf einen gefrorenen See prasselten, ihre Bewegungen erinnerten an die einer verstörten, einsamen Elfe, und als Ray schließlich seinen Kopf in ihren Nacken legte roch ihre Haut leicht nach Zimt und Whisky und dem Wald im Herbst und er wußte, für heute war er erneut dem Gesetz der tosenden Sterne verfallen.
Später im Zelt war dann alles plötzlich sehr schnell und sehr mechanisch vonstatten gegangen, sie küßten und streichelten sich hektisch, eher pflichtbewußt als leidenschaftlich, und sie stöhnte hysterisch und bohrte ihre spitzen Fingernägel in seine schweißnassen, zuckenden Hüften, obwohl er mal wieder viel zu früh kam, er hatte es genau gemerkt, fand die ganze Situation mit einem Mal ausgesprochen absurd und drehte sich deshalb schnell zur Seite, um weitere Peinlichkeiten zu vermeiden. Ferner erinnerte er sich dunkel, daß sie irgendwann, er selbst befand sich zu diesem Zeitpunkt noch halb im Koma, wohl versucht haben mußte, ihn zu wecken, aber da er für Frauen am Morgen, vor allem am Morgen danach, grundsätzlich nicht viel übrig hatte, ignorierte er all ihre Bemühungen und stellte er sich weiterhin schlafend, offenbar erfolgreich, da sie ziemlich bald aufgab und sein Zelt verließ, was er erleichtert zur Kenntnis genommen hatte. Klar, Ray betete die Frauen an, aber dabei sollten sie ihm gefälligst nicht selbst im Weg stehen! Er haßte es, wenn ein romantischer Minnetraum jäh zerstört wurde durch den Anblick eines verquollenen, rotgesichtigen Wesens mit Mundgeruch und strähnigen Haaren, und noch mehr verabscheute er die banalen, erzwungenen Verlegenheitsgespräche oder die geheuchelte Vertrautheit beim pseudo-romantischen Frühstück zu zweit, die schlecht gespielten, verlogenen Zärtlichkeiten, die floskelhaften Küsse und vor allem die melodramatischen Abschiede mit Adressentausch und dem billigen Versprechen, bald anzurufen.

Gequält zog er sein stinkendes T-Shirt über den Kopf.
Na, großartig! Welcome to the Pay-TV-Graveyard-Fuck-Show! Zieh der Revolution den Zylinder an, inkognito natürlich, und vergiß' nicht, regelmäßig auf den Kalender zu schauen und deine Jahrestage neu zu glorifizieren, ölige Gedankenblasen im Kerzenschein, für eine Welt, in der es nichts mehr zu betrauern oder zu feiern gibt und in der selbst Sex kein Vergnügen ist, sondern eine Trophäe; kauf´ dir pauschale Aktien am Winter, um als neuer Pausenclown im Pantheon so lange, bis es tatsächlich zu schneien beginnt, ebenfalls pro forma teilhaben zu können am kollektiven Traum von ungeweintem Blut und um, das Portemonnaie voll aufblasbarem Weltschmerz, in verrauchten Kneipen mit Zigaretten und billigem Wein und aufgekochtem Kaffee deine behaglich-pittoreske Daseinsverachtung und dein poetisches Leiden an der eigenen Existenz zu zelebrieren, zusammen mit all den anderen, die hier eloquent und wohlgebildet über Sartre diskutieren und dabei insgeheim doch nur davon träumen, ihr Leben sei ein einziger großer Pornofilm und sie die Hauptdarsteller; erklär´ "Kafka" zur neuen tschechischen Biermarke und freu´ dich über jeden weiteren kugelsicheren Tag mit glasäugigen Barbiepuppen und gefühlsechten Instantwolken und Sonnensubstitut und kindersicheren Rebellen im Sonderangebot und Raben aus Pappmachée und Zuckerwattegebeten im Abendrot und virtuellen Gartenzwergen mit abwaschbarem Schaum vor dem Mund. Scheiße. Selbst Traurigkeit ist für mich bloß noch eine Stilübung. Ich wünschte, mit Asphalt könnte man verhandeln und Eros würde nicht nur in einem Glas Rotwein und im Mondschein wohnen.

Er kroch aus dem Zelt. In dem spärlichen Schatten eines verkümmerten Baumes hockten Inga, Harry und Norman, bleich und übernächtigt, kauten Kekse und teilten sich freundschaftlich eine Tasse Kaffee, in der malerisch eine tote Mücke und mehrere aufgedunsene, helle Bröckchen schwammen, sowie eine Blechschale mit zähflüssigem, bräunlich-klumpigem Inhalt. Bei diesem Anblick fühlte sich Ray unwillkürlich an das erinnert, was Norman gestern Abend ganz hier in der Nähe von sich gegeben hatte, und sein Magen schlug eine doppelte Kapriole.
"Na, schöne Nacht gehabt?!" Inga grinste anzüglich.
"Wunderbar! Ich kann mich vor Begeisterung kaum halten! Mein Kater ist gigantisch!"
"Deine heimliche Geliebte ist übrigens schon vor über zwei Stunden hier vorbeigedüst und meinte nur, ich soll dir ausrichten, sie müßte unbedingt bis mittags um eins die Pille genommen haben, deshalb ist sie so schnell weg, ohne sich zu verabschieden, aber sie meldet sich noch mal."
"Oh Fuck!" Entsetzt ließ Ray sich auf den Boden fallen.
"Eh, komm, es ist jetzt gerade mal halb zwölf! Die packt das locker. Aber sag´ mal, ganz unter uns... Deine wievielte Süße für diesen Sommer ist das eigentlich?"
"Who cares?"
Ray verspürte keine große Lust, dieses brisante Thema weiter auszudiskutieren. Er deutete auf die undefinierbare Masse, welche Inga, Harry und Norman mit stoischem, ausdruckslosem Gesicht in sich hineinlöffelten.
"Was eßt ihr denn da Leckeres? Sieht ja aus, als wär´s einem von euch gerade aus dem Gesicht gefallen!"
"Cornflakes mit Bier," nuschelte Harry mit vollem Mund. "Das absolute Summer's End Rock-Luxus-Frühstück. Irgendein Depp muß gestern Abend im Vollrausch auf die letzte Milchtüte getreten sein!"
Entsetzt verzog Ray das Gesicht. "Boh, ekelhaft! Ihr seid ja pervers! Also, ich rühr' das Zeug nicht an! Lieber fahr ich schnell rüber nach Brackstadt und hol' frische Brötchen oder so was!"
Norman verdrehte lakonisch die Augen. "Danke, Ray, die Idee hatten wir schon vor Stunden. Nur leider befindet sich der Autoschlüssel ausgerechnet bei Stefan in der Tasche, und der ist noch immer nicht von seiner gestrigen Bisonjagd zurückgekehrt!"
"Toll! Und jetzt?!"
Inga reichte ihm ein Päckchen Gauloises und lachte. "Erst mal eine rauchen. Dann frühstücken - du hast die Wahl, Cornflakes an Bier, an Rotwein oder pur. Kaffee ist auch noch da. Und anschließend abwarten und hoffen, daß Manitu oder Dyonesis oder wer auch immer für so was zuständig ist, ein Auge auf Stefan hatte und ihn samt Schlüssel wieder sicher und wohlbehalten in unsere Arme geleitet."
In gespielter Resignation schüttelte Ray den Kopf. "Wenn's schon sein muß, an Rotwein; die Cornflakes, meine ich. Und ich sag' euch eins Leute: Sich ein bißchen amüsieren ist der härteste Job, den es gibt!"
 

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