17. Oktober

 ~ Randy Ray ~

Schuld an allem Übel war nur der Kundenwein, sinnierte Randy Ray mißmutig, während er mit dem Fahrrad quer über den abendlichen Hohenheim-Platz bretterte, vorbei an den Plastikpalmen vor dem Restaurant Little Mermaid, vorbei an Litfasssäulen, Dönerbuden und einem Plakat für den bald im Kino anlaufenden Undine- Film, vorbei an der Paracelsus-Apotheke und über dampfende Kanaldeckel im Dämmerlicht hinweg, unter Arkaden mit künstlichen Traubendolden hindurch und an luxuriösen Bars entlang, jawohl, der Kundenwein, das war die Ursache des Elends. Ray schwitzte in seiner schwarzen Samtjacke. Man sollte niemals von dem Kundenwein trinken! Der Kundenwein im Palm Tree, wo Inga kellnerte, war das reinste Gift, das wusste ja wohl jeder! Auch die Bedienung wusste das, und sogar Remo, der Besitzer des Palm Tree selbst, deswegen stand für die Abendschicht auch immer unter dem Tresen ein wirklich guter Wein bereit, sozusagen als Ausgleich, weil alle Mitarbeiter schon zahllose Überstunden hatten machen müssen und dabei sehr wohl wussten, dass Remo trotz seiner hochheiligen Versprechen niemals das Geld dafür überweisen würde. Typischer Fall von Bestechung. Überhaupt war das Palm Tree  ein ziemlich bescheuerter Schuppen, fand Ray, mit all den verkitschten Bildern von Südseestränden an den Wänden und den vielen Spiegeln dazwischen und mit den Kerzen in Glaskugeln auf den Tischen und dem gefälschten Fischernetz mit Hummern und Krebsen aus Plastik vor dem Tresen, und dann all die komischen überteuerten Cocktails, die Remo immer erfand, das Koloman zum Beispiel, oder das Vineta, oder das Fata Morgana, die eigentlich mehr Soda und Fruchtsaft enthielten als Alkohol, aber egal, so lange Inga dabei war, konnte man eigentlich überall ziemlich viel Spaß haben. Ray trat fester in die Pedale, sauste über die Brücke hinweg, unter ihm schimmerte dunkel und ölig der Fluss, und Ray überlegte kurz, ob er auf Remo erbost sein sollte, weil der diesen Fusel von Wein verkaufte, entschied sich dann aber entgegen. Remo war ein ziemlich durchgeknallter Typ, aber im Grunde genommen war er O.K. Bestimmt hatte Remo schon längst mitbekommen, dass Inga bei Randy Ray nie wirklich abkassierte, sondern immer nur so tat als ob, während Ray fröhlich Rotwein in industriellen Mengen konsumierte, und trotzdem drückte er sämtliche Augen zu und begrüßte Randy Ray stets mit Handschlag wie einen guten alten Freund. Und wenn Remo nicht da war, schenkte Inga Ray auch grundsätzlich nur von dem guten Wein ein. Sie meinte immer, sie hätte da keinerlei Skrupel, denn so viel könnte Randy Ray gar nicht trinken, wie Remo ihr inzwischen schuldete. Und sie freute sich immer, wenn sie zwischen all den hormongeplagten Teenagern mit Zahnspange und gegeelten Haaren, die ansonsten überwiegend das Palm Tree bevölkerten, auch mal Bekannte sah. So wie gestern. Randy Ray hatte den ganzen Tag lang Texte für sein Seminar „Geschichte der frühen Neuzeit“ gelesen, denn er hatte festgestellt, dass er schon lange nicht mehr fundiert vorbereitet gewesen war, und hey, so konnte das nun wirklich nicht weitergehen, nein, ab jetzt sollte alles anders werden, also hatte er, begeistert von seiner eigenen Selbstdisziplin, bereits am Vormittag begonnen, sich durch den umfangreichen Reader hindurchzuquälen, und als Belohnung hatte er sich in Aussicht gestellt, Abends noch kurz bei Inga im Palm Tree vorbeizuschauen, nicht zu lange selbstverständlich, und dann war natürlich doch wieder alles ganz anders gekommen, Remo war da, also gab´s nur Kundenwein, aber dafür hatte Inga mehr Zeit, irgendwie waren die Stunden verflogen, und ehe Randy Ray sich versah, war es drei Uhr nachts, und etwas erstaunt war er nach Hause getorkelt. Als der Wecker dann nach viel zu kurzer Zeit klingelte, hatte Randy Ray nur unwillig gegrunzt und weitergeschlafen. Bloß eine halbe Stunde noch, hatte er gedacht, eine halbe Stunde, dann wird dieses elende Pochen und Hämmern in meinem Kopf bestimmt aufgehört haben, dann wird mein Magen keine ungebührlichen Kapriolen mehr schlagen bei der Vorstellung, zusammen mit vierzig anderen Leuten in einem überhitzten Raum zu sitzen, dann werde ich mich nicht mehr so seekrank fühlen, und wenn ich mich beeile, komme ich auch fast gar nicht zu spät... Und als Randy Ray schließlich aus dem komatösen Schlaf erwachte, noch immer mit einem schalen, pelzigen Geschmack im Mund, brennenden Augen und einem Kopf, so schwer, als trüge er die Last der gesamten Weltenkugel darauf, war es längst viel zu spät für das Seminar. All seine Anstreungungen waren umsonst gewesen, der gestrige Tag war sinnlos vergeudet. Was für ein Scheiß. Er tappte benommen und lustlos in die Küche, setzte Kaffee auf und schaltete das Radio ein. Es war vierzehn Uhr dreißig, und irgendeine Hausfrau hatte gerade eine Reise nach Amsterdam für zwei Personen gewonnen und plauderte nun angeregt mit dem Moderator der Sendung, während im Hintergrund Melodien von Donovan vor sich hinplätscherten. „Ja, so eine Überraschung aber auch,“ freute sie sich, „ich hatte gerade den Abwasch gemacht, wissen Sie, wir essen immer um viertel nach eins, wenn meine Jungs aus der Schule nach Hause kommen, danach habe ich den Ältesten gleich zum Fußballtraining gefahren, und jetzt erledige ich alles, was mir liegengeblieben ist...“
Ray gähnte. Es war kaum vorstellbar, fand er, dass in der ganzen Zeit, während er seinen gewaltigen Rausch ausgeschlafen hatte, da draußen das Leben einfach so einen Lauf genommen hatte, dass Menschen zur Arbeit oder in die Schule gegangen waren, dass sie routinemäßig ihre Pflichten erfüllt hatten, dass sie einen Alltag gelebt hatten, den sie kaum jemals hinterfragten und der ihm, Randy Ray, dennoch so fremd erschien... Ja, manchmal hatte er wirklich das Gefühl, in einem Paralleluniversum zu leben und Lichtjahre entfernt zu sein von all den anderen Menschen, die doch über das Kopfsteinpflaster der selben Straßen schritten wie er, die dieselbe Luft atmeten, deren Körperwärme sich in den überfüllten Straßenbahnen mit der seinen vermischte... Dann war Jule in die Wohnküche geschlurft, angelockt vom Kaffeeduft, auch sie war gerade erst aufgestanden, ihre schwarzgefärbten Haare standen wirr und stachelig vom Kopf ab, und zu dem Pyjama-Oberteil und dem Morgenmantel trug sie die obligatorische zerrissene Jeans mit dem Nietengürtel. Inzwischen war der chronisch gutgelaunte Radiomoderator dazu übergegangen, die Sorgen hinsichtlich eines Erdbebens, das angeblich L.A. bedrohen sollte, zu zerstreuen und seinen Zuhörern mehrfach zu versichern, dass es sich ganz bestimmt nur um falschen Alarm handelte. Jule und Randy Ray hatten in der WG-Kasse nachgeschaut, festgestellt, dass sich darin noch ganze sechs Euro befanden und gemeinschaftlich beschlossen, diese in Toastbrot und ein Päckchen Zigaretten zu investieren; ohne sich umzuziehen war Jule zum Supermarkt gegangen; und dann hatten sie zusammen dagesessen, und Jule hatte irgendwas erzählt von Theo, den sie neulich zusammen mit seiner Neuen auf einer Fete getroffen hatte und dass es ihr seitdem wieder so richtig mies ging. Ray hatte das unbestimmte Gefühl, Jule hätte ihm diese Geschichte schon mal erzählt, aber vielleicht irrte er sich auch. Später war Jule dann gegangen, sie hatte Dienst im alternativen Frauenbuchladen-Projekt, und Randy Ray war mit einem unerklärlichen Gefühl der Traurigkeit und inneren Leere zurückgeblieben.

Er bremste scharf, stieg ab und lehnte das Fahrrad an die Backsteinmauer des alten Fabrikgebäudes, in dem sich der Proberaum seiner Band Libertalia befand. Die hingeschmierten Parolen an den Häuserwänden, die einst einstimmig nach Studentenrevolte und Hausbesetzung geschrieen hatten, verloren sich längst in ziellosen Forderungen nach Solidarität mit Kurdistan, Deutschland den Deutschen, Freiheit für Tibet, versprachen einer Samudra ewige Liebe und schworen einem Sindhu Rache, gezeichnet C-Man. Im Proberaum brannte bereits Licht. Ein zaghaftes Lächeln huschte wie eine scheue Eidechse über Randy Rays schmales, bleiches Gesicht.

Harry Cane, der Schlagzeuger, war gerade damit beschäftigt, den abgenutzten Kühlschrank mit Flaschen zu füllen, als Ray eintrat. Wären seine Haare nicht ausgerechnet rotblond, und hätten nicht zahlreiche Sommersprossen sein Gesicht überzogen, hätte er mit den Koteletten und der Haartolle tatsächlich eine verblüffende Ähnlichkeit mit Elvis gehabt.
„Was machst du den da?“ fragte Randy Ray mißtrausch.
Harry Cane strahlte: „Ich stell schon mal das Bier kalt.“
„Och nee... Wir hatten doch vereinbart, kein Alkohol mehr während den Bandproben,“ muffelte Ray schlecht gelaunt. „Ich meine, dass du und Inga gerne mal ein Bier zischt zwischendurch wäre ja prinzipiell O.K., aber du weißt selbst, bei den anderen bleibt´s nie bei einem Bier, und spätestens nach einer halben Stunde packt Norman seinen Russenschnaps aus, und dann ist die Probe endgültig gelaufen. Ich find´s einfach Scheiße, wir geben uns voll die Mühe - und nachher kann sich keiner mehr erinnern, was wir überhaupt gemacht haben. So wird das doch nie was mit Libertalia!“
Harry Cane grinste gutmütig: „Kein Problem, dann stell ich das Bier halt für nach der Probe kalt.“
„Ich wette, Norman kommt wieder mindestens eine halbe Stunde zu spät,“ knurrte Ray mürrisch.
Harry Cane blieb unbeeindruckt. „Was soll´s. Reg dich nicht dauernd über Norman auf, es bringt doch eh nichts. Übrigens, ich hab gestern Abend versucht, dich anzurufen, aber du warst nicht da.“
Randy Ray nickte. „Ich hab noch bei Inga im Palm Tree vorbeigeschaut.“
„Ach so, und Inga hat dir garantiert von dem Kundenwein zu trinken gegeben!“ lachte Harry.
Randy Ray staunte: „Woher weißt du das?“
„Weil du schon die ganze Zeit nur am nörgeln und mäkeln bist. Das kenne ich. Wenn du Kundenwein getrunken hast, bist du am nächsten Tag immer unausstehlich.“
„Der Kundenwein ist Mist!“ verteidigte Randy Ray sich, mehr aus Prinzip als aus Überzeugung. Er merkte bereits, wie seine Laune sich erheblich besserte.

Inzwischen waren auch Inga und Norman angekommen, nur Timon fehlte noch. Randy Ray schaute sich um und stellte wieder einmal fest, dass Libertalia so ziemlich das Beste war, was sein Leben zu bieten hatte. Vor etwa vier Jahren hatten er, Inga und Harry die Band gegründet, damals eigentlich mehr aus einer überschwänglichen Laune des Augenblicks heraus als aus der Überzeugung, tatsächlich große Rockstars werden zu wollen. Sie hatten sich ein Mal in der Woche bei Randy Ray zu Hause getroffen, in der Wohnküche, Harry hatte damals noch Keyboard gespielt, und sie hatten immer erst zusammen gekocht und dann eher planlos herumgelärmt, wobei Randy Rays Aufgabe darin bestand, seine selbsverfassten Gedichte zur Musik vorzutragen, es hatte einfach riesig Spaß gemacht, dank Harrys beständigem ermutigendem Zuspruch hatte Randy Ray sich schließlich sogar getraut, seine Texte nicht mehr nur zu brüllen, sondern auch zu singen, und Inga hatte es gewagt, ebenfalls Songs zu schreiben, und irgendwann war Kike, die sich anfangs immer nur über diese „akustische Umweltverschmutzung“ beschwert hatte, auf sie zugekommen und meinte, so schlecht klänge das Ganze ja auch wieder nicht, und überhaupt, die Fachschaft Pädagogik suche noch ein paar gute Bands für die nächste Uniparty, und sie hätte jetzt einfach mal Libertalia vorgeschlagen, weil die wirklich was Besonderes seien. Tjah, und so nahm die Sache ihren Lauf. Der Auftritt lief überraschend gut, und fortan war ihnen klar: Libertalia war kein reines Spaßprojekt mehr, ein richtiger Proberaum musste her. Ray wusste noch, er hatte tagelang sämtliche Anzeigen in der Zeitung durchforstet, Aushänge an der Uni begutachtet, mit allen möglichen Leuten telefoniert, und dann hatten sie schließlich diesen Raum gefunden, in einem leerstehenden Gebäude im alten Industriegebiet, absolut geil, Harry hatte sein Schlagzeug hergebracht, das bisher im Keller irgendeines Kumpels ungenutzt vor sich hinvegetiert hatte, etwa zu diesem Zeitpunkt war auch Timon, der Bassist, zu ihnen gestoßen, und mit ansonsten stetig wechselnder Besetzung hatten sie sich zumindest regional einen gewissen Bekanntheitsgrad erworben.

Die Tür des Proberaums flog auf, und die Welt draußen spie eine eisige Windböe, einen Schwall Regen und einen aufgeregt gestikulierenden Timon zu ihnen hinein.
„Mach die Tür zu, es zieht,“ brummelte Randy Ray. Timons Begeisterung war ungebrochen: „Es ist kaum zu glauben! Ratet mal, wen ich vorhin in der Straßenbahn getroffen habe?!“
„Was weiß ich?! Den Fliegenden Holländer?“ murrte Ray.
„Quatsch! Viel besser!“ lachte Timon. „Thoralf!“
„Nein!“
„Das ist ja zu heftig!“
Inga, Harry und Ray schrien jetzt wild durcheinander.
„Dass es den auch noch gibt!“
„Und dass der nicht inzwischen viel zu vornehm für good old Brackstadt ist!“
„Eben! Ich dachte, wer so berühmt ist wie Thoralf geht nur noch auf Welttournee!“
„Thoralf hat mal bei uns Querflöte gespielt,“ wandte Harry sich an Norman. „Noch vor deiner Zeit. Er ist aber schon nach ein paar Monaten ausgestiegen.“
Ray grinste: „Ich glaube, er hat´s einfach nicht verkraftet, dass Inga ihn mal nach einem Konzert rumgekriegt hat.“
„Das ist überhaupt nicht wahr!“ empörte Inga sich sofort.
„Ist es wohl!“ rief Randy Ray. „Du hast es mir selbst erzählt, damals, nach unserem Auftritt im RotZ, als hinterher keine Bahn mehr raus nach Kornweiler gefahren ist und er deswegen bei dir übernachtet hat, ihr habt erst noch mit dem teuren Champagner von deiner Mitbewohnerin auf den gelungenen Abend angestoßen, und dann...“
„Natürlich, dass ich ihn verführt habe steht doch gar nicht zur Debatte,“ erklärte Inga. „Aber dass er´s nicht verkraftet hätte, das stimmt nicht. Im Gegenteil, er hat das sehr gut verkraftet. Sogar am nächsten Morgen meinte er noch, so geilen Sex hätte er schon lange nicht mehr gehabt!“
Randy Ray, Harry und Timon lachten schallend, und Norman schaute pikiert zu Boden.
„Kurz danach ist Thoralf dann aus der Band ausgestiegen,“ richtete Harry erneut das Wort an Norman. „War eine ziemlich fiese Aktion, er hatte noch eine andere Band, Salamander, und er hat immer furchtbar wichtig getan, von wegen, Salamander sei viel professioneller und Libertalia wäre ja nur sein Side Project und so... Na ja, irgendwann ist ihm dann plötzlich eingefallen, dass er mit Salamander kurz vor dem Durchbruch zur Karriere als ganz großer Rockstar steht und ab sofort keine Zeit mehr für Libertalia hat. Das war etwa zwei Wochen vor einem Konzert, und du kannst dir vorstellen, wie beschissen wir da standen, von einem Tag auf den anderen ohne ihn...“
Timon nickte. „Als Musiker hatte Thoralf wirklich ganz schön was drauf, aber menschlich war er einfach ein Arschloch. Wir haben danach natürlich immer ganz gespannt drauf gewartet, wann Salamander endlich die Charts stürmt – aber nope! Man hat nie irgendwas von der Band gehört, nicht mal Konzerte hier in der Gegend haben sie veranstaltet, bei „Radio Brackstadt“ waren sie anscheinend auch nie, obwohl da echt jede Newcomer-Band ihre Demo-CDs einreichen kann – und trotzdem, wenn man Thoralf mal zufällig begegnet ist, hat er stets davon geschwärmt, wie hervorragend gerade alles läuft mit Salamander und dass ihnen alle Chancen der Welt offen stehen. Wahrhaft mystisch.“
Norman wirkte wenig beeindruckt. Ray knuffte Inga freundschaftlich in die Seite. „Gib´s doch zu – du wusstest, dass Thoralf aussteigen will, und du hast ihn nur verführt, um ihn zu überzeugen, dass Libertalia ihm weitaus mehr bieten kann als Salamander. Du hast dich sozusagen für unsere Band geopfert. Sehr löblich!“
Inga kicherte: „Aber klar! Und du hast natürlich die süße Lady nach dem Summer´s End Rock Festival auch nur deswegen vernascht, damit Libertalia einen bleibenden Eindruck bei ihr hinterlässt. Schon großartig, wie selbstlos wir uns für das Wohl der Band engagieren!“
Ray grinste und stellte verwundert fest, dass seine schlechte Stimmung sich inzwischen vollkommen verflüchtigt hatte. Am liebsten hätte er sich jetzt erst mal einen Rotwein eingeschenkt, um auf die Freundschaft, die Musik und das gewaltige, dyonisische Lachen voll unbändiger Freude anzustoßen und seine mutige, verwegene Lebenslust zu zelebrieren, doch er blieb streng. Nein, nein, nein, das Alkoholverbot während der Probe sollte keine launische Spielerei sein, sondern war äußerst sinnvoll, und dabei musste es bleiben!
„Und was gibt´s Neues bei Thoralf?“ lauerte Harry. Timon verzog höhnisch die Mundwinkel: „Na ja, zuerst kam natürlich das übliche Geschwätz, wie berühmt Salamender bald ist und der ganze Kram, aber als ich von unserem Auftritt bei Summer´s End Rock erzählt habe, wurde er doch plötzlich ziemlich still. Und jetzt kommt´s – Thoralf meinte, es gäbe da so ein Künstler-Festival, wo noch Bands gesucht werden, etwas außerhalb, irgendwo auf einem alten Bauernhof, und ob wir nicht Lust hätten, auch mitzumachen.“
Inga schüttelte ungläubig den Kopf. „Der Typ ist wirklich zu krass! Erst behandelt er uns monatelang wie die letzten Deppen, voll arrogant – und jetzt biedert er sich plötzlich an und hofft wohl, dass wir ihm nützlich sein können.“
Harry lachte: „Das ist der Ruhm, Inga, damit müssen wir in Zukunft leben.“ Dann wurde er ernst. „Aber mal ehrlich, was spricht dagegen? Ich meine, wir müssen uns ja nicht gleich in Liebe und ewiger Verbundenheit verbrüdern mit Thoralf – aber einen unnötigen Kleinkrieg anzuzetteln bringt auch nichts. Ist doch viel einfacher, wenn man sich ab und zu mal gegenseitig ein bisschen helfen und unterstützen kann... Und wir hatten sowieso geplant, uns kontinuierlich weiter um Auftritte zu bemühen.“
„O.K., und damit wären wir beim geschäftlichen Teil angelangt,“ stellte Ray fest, während er einen zerfledderten dunkelblauen Ordner aus seinem Rucksack zog. „Also, Timon, ich delegiere jetzt einfach mal an dich – du setzt dich noch mal mit Thoralf in Verbindung und lässt dir die direkte Kontaktadresse für das Festival geben. Ich finde, wir sollten nichts entscheiden, ehe wir mal persönlich mit den Leuten gesprochen haben.“ Zustimmendes Gemurmel erhob sich.
„Was stand sonst noch an für heute?“ fragte Ray, wühlte in seinem überquellenden Ordner und verteilte dabei zerknitterte Notizzettel mit Gitarrentabs, Telefonnummern, Songtexten und anderen kaum leserlichen Kritzeleien auf dem Boden. Gleichzeitig zündete er sich eine Zigarette an und verbrannte dabei fast seine langen Haare, die ihm über die Stirn ins Gesicht hingen. Hektisch fuhr er zurück.
„Das geht ja mal wieder zu wie in der Schule hier,“ maulte Norman, halb im Spaß. „Der Herr Lehrer kommt rein, zückt das Klassenbuch und prüft, ob auch alle brav ihre Hausaufgaben gemacht haben... Hey, und ich dachte immer, bei einer Bandprobe wird musiziert!“ Niemand beachtete ihn.
„Ich hab wie vereinbart in die alten Tapes reingehört,“ meldete sich Inga zu Wort. „Die meisten Songs klingen echt klasse, und gerade die Live-Mitschnitte haben einen Drive – whow, hey, genial, das kriegst du in keinem Proberaum hin. Nur die älteren Sachen müssten wir wahrscheinlich noch mal aufnehmen, wenn wir die mit auf die Demo-CD packen wollen, ihr wisst schon, Unicorn Ride, Anima, Lost Continent und so. Ich meine, nicht daß wir schlecht waren – aber die Qualität der Aufnahmen ist einfach miserabel.“
Ray nickte. „Hab ich mir schon gedacht. Ich finde aber trotzdem, das sollten wir besser gemeinsam entscheiden. Ich würde vorschlagen, wir hocken uns einfach mal in Ruhe zusammen, hören uns die Songs an, die Inga gerne neu einspielen würde, und sehen dann weiter. Was meint ihr? Nächsten Samstag bei mir? Und anschließend können wir noch alle auf die Kunsthysteriker-Party gehen.“
„Klar, ich bin dabei,“ freute sich Inga.
„Samstag Abend ist kacke,“ murmelte Norman. „Wenn wir bis um sechs fertig werden, ist´s kein Problem, aber anschließend... Nee, eher nicht.“
„Schade, bei mir geht´s auch nur bis Nachmittags,“ erklärte Harry, und Timon nickte.
Randy Ray wirkte sichtlich enttäuscht: „O.K., also lasst uns sagen, wir treffen uns gleich Samstags Vormittag um zehn in meiner Wohnung, dann werden wir auch bestimmt früh genug fertig. Ich sorge für Kaffee und Brötchen.“ Er wühlte in dem Chaos aus Zetteln herum, förderte zunächst drei Eintrittskarten für das Marinemuseum in Bremen zutage, staunte dann ein wenig, als ihm ausgerechnet hier sein Freischwimmerzeugnis aus der siebten Klasse begegnete und ein Wäschereibon für eine Jacke, die er vor zwei Jahren abgegeben und seitdem völlig vergessen hatte, und kritzelte schließlich auf die Rückseite eines halbverbrannten Briefumschlags „Sa 10“. Dann wandte er sich wieder an die anderen: „Und ihr wisst ja, falls einer von euch im Laufe der Woche mal zu viel Zeit hat und sich langweilt – es kann nichts schaden, sich schon mal ein bisschen in die älteren Songs einzuspielen. Ansonsten...“ Er warf einen zerstreuten Blick auf einen Zettel, der über und über mit kaum leserlichen Notizen bedeckt war, die eher geheimnisvollen altägyptischen Hieroglyphen als modernen Buchstaben ähnelten, „ansonsten hatten wir uns für heute vorgenommen, noch mal unser Standardprogramm durchzuspielen, damit wir auch schön in Übung bleiben, und danach eventuell noch mit Mystic Viking Ship und The Phosphor Lilly weiterzumachen.“ Er sprang auf. „Also, Leute, auf ins Vergnügen!“

Es war kurz nach elf, als Randy Ray wieder in Richtung seiner Wohnung radelte, die Luft schmeckte nach Rauch und Regen, der Wind blähte seinen schwarzen Samtmantel, zwischen den heruntergelassenen Jalousien der Boutiquen blinkten ab und zu blasse Leuchtreklamen durch den Nieselregen, und Randy Ray fand, es war einfach ein saugeiler Abend gewesen. Noch immer sang er The Phosphor Lilly vor sich hin,

At nowhentime her crystal-eyed look stroke my soul,
crossing the ocean and a million years,
we´re bound by fate,  divided by our lives,
cosmic siblings in an equinoctic kingdom,
my phosphor lilly,
my lady nonconformer,…

She´s the king of my sandcastle,
residing on a faraway star
while I am boundless in a foreign dream,
where red and dusty roads lie in front of me…
my phosphor lilly,
my lady nonconformer,…

I´m like the sea, so unpredictable, ,
raging in the evening,
gently in the morning sun…
I´m consisting of a million waves, a million tears…
For my phosphor lilly,
my lady nonconformer,
ewouhe, ehoi, ehoi,

und das letzte Ehoi schrie Randy Ray so laut, dass zwei ältere Herren in Anzug und Jacket, die gerade ein Taxi herbeiwinkten, sich entrüstet nach ihm umdrehten. Die Stadt erstreckte sich wie ein Lavafeld vor Randy Ray, ja, Treibgut der Nacht war er, und Randy Ray fand, dass das Leben eine sehr seltsame Angelegenheit war: Es war wie eine wunderschöne erhabene Dame, die er anbetete und die ihm doch meist vollkommen kalt und gleichgültig gegenübertrat. Oh, wie er sie verehrte, wie er in verzweifelter Leidenschaft um ihre Gunst warb, wie er sie gleich einem liebestrunkenen Minnesänger besang, um ihre Zuneigung zu erringen; meist erfolglos; aber die seltenen Momente, wenn sie ihm tatsächlich ein Lächeln gewährte, entschädigten ihn für alles...

(...)

 

Dir gefällt AtlanticVisionCinemaIsland und Du möchtest gerne wissen, wie´s weitergeht?! 
Klick hier, um zu Part 13 der Leseprobe zu gelangen.