25. Oktober

~ Randy Ray Mahrut ~

 

Randy Ray wühlte in seiner Tasche nach dem Schlüssel, während er die Treppe hinauf stapfte, schloß die Tür auf und stellte fest, dass seine Mitbewohner zum Glück alle die Wohnung verlassen hatten. Der Geruch nach Bratenfett und warmer Milch schlug ihm entgegen. Es war Mittwoch Mitttag, und Ray war erleichtert, dass er vor der Bandprobe mit Libertalia noch ein paar Stunden Zeit hatte, um zur Ruhe zu kommen. Gedankenverloren ließ er sich auf das Sofa in der Wohnküche fallen. Versuchte, gegen die Bilder in seinem Kopf anzukämpfen, doch vergeblich. Immerzu rührte die bittersüße Erinnerung an sein Herz. Es kam ihm vor, als seien tausend  Weltzeitalter vergangen, seit er und Inga losgezogen waren zu jener verhängnisvollen Fete, und oh, wie unbedarft und ahnungslos war er damals gewesen... Er griff nach irgendeiner Zeitschrift, die auf dem Tisch zwischen einem Quelle-Katalog und einem Buch über die Kolonialisierung Südamerikas lag, und begann, einen Artikel über das Erdbeben, das wohl in Kürze über L.A. hereinbrechen würde, zu lesen, um sich abzulenken. Gierig wie ein Verdurstender sog er den Text auf, doch als er umblättern wollte, bemerkte er, dass er kein einziges Wort bewusst wahrgenommen hatte. Sein gesamtes Denken kreiste noch immer ausschließlich um Esther. Esther, die Schwester der tanzenden Mondstrahlen, die sonnengefiederte Prinzessin seines Herzens...
Es war einfach unfassbar, dachte Ray, wie selbstverständlich plötzlich alles zwischen ihnen gewesen war, nachdem sich ihre Hände berührt hatten, denn im nächsten Augenblick schon hatten sie sich wie zwei Ertrinkende aneinander geklammert und waren in einem Kuß versunken, der endlos dauerte. Mit einem Mal bedurften sie keiner Worte mehr; ohne jegliche Verlegenheit oder Scham waren sie Hand in Hand zu dem Bett getappt und ließen sich in den Dschungel aus Kissen gleiten, während ihr Schicksal neben ihnen herzuschreiten schien, majestätisch, auf nachtschwarzen Kothurnen und mit glühenden Fittichen. Alles war ihm so natürlich, so richtig vorgekommen; sanft, fast schon andächtig berührte Ray Esthers zarten, lilienweissen Leib und die weinroten Spitzen ihrer göttlichen Brust; er konnte ihren Atem auf seiner Haut spüren und war überzeugt, dass noch nie ein Mann eine Frau derart schmerzlich begehrt hatte wie er diese einzigartige, zauberhafte Feenkönigin, die sich hier so anmutig und wunderschön gleich einer Mensch gewordenen Träne an ihn schmiegte. Mit zitternden, flüchtigen Fingern strich Esther über seine Lenden und über die Inenseite seiner Schenkel, und er presste sie an sich und glaubte, der salzige Geschmack ihrer Haut und ihr wunderbar wilder Geruch müssten ihm jeden Augenblick den Verstand rauben und ihn vor Lust in den tiefsten Wahnsinn stürzen. Sie umarmten und umschlangen einander in stetig wachsendem Verlangen, hingebungsvoll, liebestrunken; in Leidenschaft entbrannt schwangen sie sich tanzend und taumelnd empor ins Reich der funkensprühenden Sterne und sein Dasein war eine einzige Detonation, als sie gemeinsam die glühende, lodernde Oase eroberten.
Später lagen sie nebeneinander und Ray spürte noch immer jenes wonnevolle und schmerzliche Ziehen in seiner Brust, so schön, dass er glaubte, daran ersticken zu müssen. Liebevoll strich er über Esthers leicht gerötete Wange. „Du. Du, meine ewige, einzigartige Seelenschwester!“
„Ach was!“ Unwillig drehte sie sich zur Wand.
„Heh, was ist los?“

Und dann hatten sie schließlich doch gesprochen, über Dinge, die nicht hierher zu gehören schienen, die nicht passten zu der mystischen, weltentrückten Atmosphäre, in welcher sie ihren Atem vermischt und Herz an Herz getanzt hatten, und die doch gesagt werden mussten...
Verzweifelt biss Ray sich bei der Erinnerung daran auf die Lippen. Er konnte es noch immer kaum fassen.
Dennis. Sein Name war Dennis.
Esther hatte einen Freund.
Dennis, der zur Zeit für ein Jahr in den USA war, in Atlanta, und dort ein Praktikum absolvierte.
Während in Rays Innerem bei dieser Nachricht eine Welt zerbrach, Kontinente versanken und Vulkane der Eifersucht rotglühende Qual ausspien, bemühte er sich angestrengt, seine Würde zu wahren und keine Enttäuschung, keinen Kummer zu zeigen. Benommen streifte er sein schwarzes T-Shirt über und zündete sich eine Zigarette an. „Na dann... Ich denke, ich geh jetzt besser...“
„Bitte nicht!“ Verzweifelt hatte Esther ihn am Arm festgehalten, wie in einem schlechten Film, und ihm dann noch mal ausführlicher alles erklärt: Dass es schon seit einiger Zeit kriselte zwischen ihr und Dennis und sie inzwischen auch längst nicht mehr sagen konnte, ob jene Entfremdung erst nach Dennis´ Abreise eingetreten war, oder ob sie nicht vielleicht schon vorher begonnen hatte, sich kaum merklich, aber unaufhaltsam zwischen ihnen auszubreiten. Nichtdestotrotz, jetzt war es offensichtlich: Dennis´ Mails handelten von oberflächlichen Dingen, die sie nicht interessierten, von Leuten, die sie nicht kannte und von Ereignissen, die nichts mit ihrer Welt gemeinsam hatten und die ihr bedeutungslos und langweilig erschienen. Alles, was er zu sagen hatte, kam ihr so nichtssagend vor. Und ebenso wenig verstand er offenbar, worauf es Esther in ihren Mails ankam, denn auf wichtige Sachen ging er nie ein und Banalitäten bauschte er unnötig auf. Aber vielleicht waren es ja auch bloß Missverständnisse, und wenn Esther und Dennis sich erst einmal von Angesicht zu Angesicht gegenüber ständen, würden sie merken, dass sie noch immer zusammengehörten... Esther wusste es nicht, war schon seit Wochen hin- und hergerissen zwischen Hoffnung und Angst.
Und welche Rolle spielte nun Ray in diesem schlecht inszenierten, völlig falsch besetzten Stück?
Sie hatte nicht die geringste Ahnung. Möglicherweise nur ein Seitensprung; vielleicht dramatisierte sie ihre Probleme mit Dennis zu sehr und war deshalb in solch einer ungewissen Situation leicht geneigt, die Begegnung mit Ray zu einer wundersamen Liebe zu stilisieren und so Trost zu suchen; vielleicht verhielt es sich aber auch genau umgekehrt und nur weil Dennis weit fort war und es somit nie zu einem offenen Konflikt oder einer direkten Aussprache kam, konnte sie noch immer an die Macht ihrer Liebe glauben... Wie gesagt, sie wusste es nicht. Konnte jetzt noch keinen klaren Gedanken fassen. Fühlte sich wie betäubt. Die Zeit sollte für sie entscheiden.
Ray hatte bloß monoton genickt, während Esther hektisch auf ihn einredete. „Und jetzt?“ fragte er schließlich heiser.
Esther lächelte traurig: „Jetzt?! Jetzt ist ein Augenblick, von dem ich wünschte, dass er nie vorübergeht.“ Sie schmiegte ihren nackten Körper an ihn, und mit einem Mal wusste Ray, dass er längst keine andere Wahl mehr hatte, als bei ihr zu bleiben, so lange er nur durfte. Machtvoll hatte Esther ihren farbenfrohen Triupmphzug in sein Herz angetreten und sich dort zur Königin krönen lassen, und er war ihr ausgeliefert.

Die Welt schien aus den Fugen geraten.
Sie blieben im Bett, entkorkten eine Flasche Wein und redeten. Über die kleinen Dinge des Lebens. An die großen wagten sie nicht zu denken. Schon bald würden sie sowieso von ihnen eingeholt werden. Warum also zu viele Gedanken daran verschwenden; warum nicht ein Mal, ein einziges Mal nur, voller Unbeschwertheit mit geschlossenen Augen am Drahtseil über dem Abgrund tanzen, alle Zweifel in den Wind schlagen und so tun, als ob es kein Morgen gibt...
Nur der Moment zählt.
Live every minute as if it were your last, because it is already your first!
Sie tauschten Kindheitserinnerungen aus, sprachen über Musik, die sie gerne hörten, berichteten einander verschämt kichernd von ihrer ersten großen Liebe und ihrem ersten Mal, und die ganze Zeit über konnte Ray kaum glauben, dass dieses vollkommene kleine Glück bloß geborgt war, dass er lediglich ein Spion war, der kein Anrecht darauf hatte, hier zu sein, dass er unerlaubt fremde Früchte genoß und nur für eine kurze Weile an diesem närrischen, trügerischen Gaukelspiel teilnehmen durfte...
Als sie erneut zu erglühen begannen, lieben sie sich wieder, diesmal sanfter, langsamer, weniger ungestüm; gemeinsam suchten sie auf den verwunschenen, verschlungenen Pfaden der Zärtlichkeit den Weg ins Reich der Genüsse; Rays Leib, ja, sein gesamtes Dasein schien in grellen Flammen zu lodern, es war ein himmlisches Brausen, als ob tausend weiße Schwäne über ihn hinwegflogen; und anschließend hielten sie einander wortlos im Arm, und Ray dachte, das könnte vielleicht ein Ziel sein: Die Geliebte so intensiv erkennen wollen, bis man irgendwann in ihren Pupillen nicht mehr lediglich das eigene Spiegelbild zu sehen glaubt, sondern abtauchen kann in die dunklen Schächte, welche tief in ihre Seele führen...
Irgendwann stellten sie dann beide fest, dass sie Hunger hatten, inzwischen war es längst dunkel geworden, und zusammen kochten sie, noch immer nackt, Spaghetti mit Tomatensoße, die einfach köstlich schmeckten, und tranken Unmengen an Rotwein dazu; die Nacht schmolz über sie hinweg und gewann an Intensität, viel getrunken, viel geraucht, viel geredet, Worte glommen auf wie Leuchtreklamen und erloschen wieder in der Dunkelheit; Ray erinnerte sich, dass Esther zu ihm gesagt hatte, sie bewundere sein inniges Verhältnis zur Welt, einfach seine Art, die Dinge mit allen Sinnen wahrzunehmen, leidenschaftlich und gleichzeitig oft so sensibel; und nachdenklich entgegnete er: „Ich weiß nicht... Manchmal ist die Welt mein ärgster Feind, von dem ich überzeugt bin, dass er mich vernichten, zermalmen und unter seinen Füßen zerstampfen will und gegen den ich erbittert ankämpfe; dann wiederum erscheint sie mir als eine geile Hure mit mächtigen Brüsten, die ich einfach nur bis zur Besinnungslosigkeit ficken will, und manchmal wirkt die Welt wie eine wundersame Prinzessin, die ich ergeben liebe, sehnsüchtig anbete, mit Minneliedern besinge und der ich völlig verfallen bin, doch auf deren Gunst ich kaum hoffen darf...“
Esther lächelte: „Vielleicht ist es ja gerade die Kombination von diesen drei Sichtweisen, die wahre Liebe ausmacht?“
„Ich weiß nicht...“ Ray trank sein Glas in einem Zug leer und schenkte sofort nach, „es gibt Tage, an denen ist mir alles zuwider, aber trotzdem, immerhin liebe ich die Welt und mein Leben genug, um mich vollkommen hinzugeben. Ich will nichts planen, will nicht alles unter Kontrolle haben... Ich bin ein Schiff mit geblähten Segeln im Wind, das sich zu fernen, fremden Kontinenten treiben lässt, bin ein Kiesel in der tosenden Brandung, der umhergespült und nach und nach abgeschliffen wird... Und wenn ich einmal alt bin und auf mein Leben zurückblicke und meine Biographie hoffentlich einem Gesamtkunstwerk im Patchworkstil gleicht, dann will ich nicht stolz sein auf das, was ich erreicht habe, sondern dankbar für das, was das Dasein mir geboten hat. Ich bin ein ewige Wanderer zwischen den Zahnrädern der Zeit; ich will nichts fraglos akzeptieren, will in keiner Nom festkleben, will stattdessen ständig auf der Lauer liegen und bereit sein, auszubrechen; ich will mich in Chaos und Rebellion auch gegen mich selbst vestricken, so dass mein Alltag ein Spiel mit Dynamit ist...“  
Später schlief sie dann ein, den Kopf in seiner Armbeuge vergraben, wie ein Ozean ergossen sich ihre Haare über Rays nackte Brust, und er lauschte ihren sanften Atemzügen, draußen wurde es bereits wieder hell; ja, unbemerkt war der nächste Tag herangebrochen, und ganz kurz kam Ray seine heutige Linguistik-Vorlesung in den Sinn und er dachte nur Scheiß drauf; alles war jetzt unbedeutend außer der Tatsache, dass er hier mit Esther liegen durfte, zu kostbar war jede einzelne Sekunde mit ihr, als dass er sich mit solchen Nichtigkeiten wie der Uni herumplagen wollte, und unhörbar murmelte er „ich liebe dich“ in Esthers Haar, ehe er ebenfalls einschlummerte. Zwischendurch wachte er einmal kurz auf, sein Blick fiel auf dass Fenster und er stellte fest, dass draußen Wolken vorbeizogen, die irgendwie aussahen, als ob der Himmel ein Arschloch hätte, und Ray presste die Lippen zusammen, um nicht zu kichern. Er wollte Esther nicht wecken. Nein, er wollte jeden Moment auskosten, den er bei ihr sein konnte und hoffen, dass das Glück noch ein klein wenig länger dauern möge...
Schließlich erwachten sie beide. Esther streckte und räkelte sich, Ray spürte ihren schlafwarmen Körper an seiner Seite, und ein Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie die Augen öffnete und Ray erblickte. „Ich konnte die ganze Zeit hören, wie dein Herz klopft!“
„Und hast du auch das Feuer gespürt, das darin für dich brennt?“
„Du bist einmalig!“
Sie wandten sich erneut gierig zueinander hin, Ray wollte sie sie berühren, wollte sie riechen, wollte sie schmecken, am besten alles gleichzeitig, er konnte gar nicht genug von ihr bekommen, sie verstrickten sich in süßen Spielen und zerschmolzen aneinander, und anschließend trank Ray gleich zum Frühstück einen Rotwein; er fand, anders wäre die Auswegslosigkeit seiner Situation nicht zu ertragen, ihn quälte die Vorstellung, dass diese Seligkeit schon bald ein Ende haben würde und dass er keine Hoffnung hegen durfte auf ein Glück, das länger dauerte als ein paar flüchtige Atemzüge; und sehr viel später war er dann aufgestanden und mit Esthers klapprigem alten Fahrrad zum Supermarkt gefahren, um die Rotwein- und Chipsvorräte aufzustocken; ja, wenn er es recht überlegte, hatten sie sich fortan ausschließlich von Rotwein und Chips ernährt; sie verharrten in Esthers Zimmer, ihrer privaten Minnegrotte, die Tür war verschlossen und sie blieben in ihrem Venus geweihten Bett; zwischendurch war sogar die Uhr an Esthers Wand stehen geblieben, sie wussten jetzt beide nicht mehr wie spät es war, sie hatten die Grenze der Zeit überschritten und befanden sich in einer Welt jenseits der Wirklichkeit; alles geriet immer mehr außer Kontrolle; inbrünstig und atemlos fielen sie wieder und wieder übereinander her, unersättlich, und Rays Gewissen starrte ihn dabei aus dumpfen Betonaugen ausdruckslos an; gewiß, er wusste, er würde später leiden, unendlich leiden, aber es kümmerte ihn nicht, er war bereit, jeden nur erdenklichen Schmerz in Kauf zu nehmen, wenn er sich nur ein einziges Mal noch Esther hingeben durfte; zwischendurch dösten sie eng umschlungen, doch an Schlaf war nicht zu denken, zu heftig und erregt pulste das Blut in ihren Adern, sie waren beide wild entflammt, alles war verzaubert; und dann war es wieder dunkel, und dann irgendwann auch wieder hell, und plötzlich fiel Ray mit Schrecken ein, dass ja inzwischen Mittwoch sein musste und somit heute Abend die Bandprobe mit Libertalia anstand. Er wusste, es war Zeit für ihn, zu gehen.

Der Abschied von Esther war für Randy Ray kaum zu ertragen. Fröstelnd kuschelte sie sich in ihre Decke und murmelte, ja, er habe schon Recht, schließlich könne das eh nicht ewig so weitergehen und sie müsse sowieso dringend bei Nadine und Ruth anrufen und klären, wer von ihnen sich diese Woche um Ikarus kümmert, und dann liebten sie sich ein letztes Mal in hingebungsvoller Verzweiflung. Ray hatte keine Ahnung, ob Esther ihm inzwischen genauso verfallen war wie er ihr.
„Also dann... Mach´s gut,“ er winkte ihr von der Tür aus zu, während er das Gefühl hatte, sein Herz würde in tausend Stücke zerreißen.
„Du auch. Wir können ja demnächst mal telefonieren, O.K.?!“
„Klar.“
Sie wussten beide, dass das nicht der Fall sein würde.

Und nun sass er also wieder hier, in der schmutzigen Wohnküche, verschwitzt, übernächtigt, mit strähnigen Haaren, und konnte noch immer kaum fassen, was eigentlich geschehen war. Alles war so unglaublich schnell gegangen! Ray vermochte an nichts anderes mehr zu denken als an Esther, seine rätselhafte Geliebte mit dem Abglanz eines mystischen, nicht von dieser Welt stammenden Feuers im Blick. Sein gesamtes Bewusstsein erschien ihm wie ein See, dessen ewig rollende, sich zusammenziehende und ausdehnende Wellen immer nur Esthers bewegtes Spiegelbild reflektierten. Irgendwo in weiter Ferne, jenseits, hinter dem Mond, hatten ihre Augen sich tief in sein Herz gebohrt und ihrer beider Träume hatten einander umschlungen und umarmt...
Mit zitternden Fingern zündete Ray sich eine Zigarette an. Die Geschehnisse hatten ihn völlig überwältigt.
Tausend Meilen würde er reiten, durch Flammenwälle und strudelnde Gewässer, bloß um Esther ein einziges Mal im Schlaf lächeln zu sehen und dann lautlos im Morgengrauen wieder aufzubrechen, so dass sie niemals wissen würde, er war da...
Verdammt, warum nur hatte sie den Frieden seines Herzens gestört?!
Er summte leise vor sich hin:
I am just a dreamer, and she is just a dream,
she could have been anyone to me…
Vielleicht... Ja, vielleicht hätte an solch einem langweiligen, von trübsinniger Einsamkeit bedrohten Sonntag tatsächlich jede beliebige Frau Esthers Rolle übernehmen und ihn vor der Leere des eigenen Daseins retten können, schoss es Ray durch den Kopf; möglicherweise wäre er an einem Tag wie jenem bereit gewesen, irgendeine Frau, die ihm zufällig begegnete, zu einem Wesen seiner Träume zu stilisieren und ihr bedingungslos zu folgen, alle Normen und Konventionen ausser Acht lassend - nicht, weil es sich bei dieser Person tatsächlich um ein derart atemberaubendes Geschöpf handelte, sondern weil er sie mit Hilfe seiner verzweifelten Phantasie dazu gemacht hatte, um so den trostlosen, zermürbenden Stunden in seinem Zimmer zu entgehen...
Und doch: Warum war er dann so lange bei Esther geblieben? Und warum konnte er sich nicht mit dem Geschehenen zufrieden geben; warum gab es so viele Dinge, die er noch gerne mit Esther erlebt hätte; Banales, Alltägliches... Ray wünschte, er könnte mit Esther durch die Stadt schlendern, einfach so, und ihr anchließend einen Kaffee im Rex Lacerte spendieren; er wünschte, er könnte Gruselfilme mit ihr gucken und dabei ihre Hand halten, sie vor wichtigen Klausuren abfragen, und für sie da sein, wenn sie krank war...
Sie sollte die Quelle sein, in der er seinen brennenden Weltschmerz kühlen und lindern wollte, aber stattdessen nährte sie seinen Kummer nur noch mehr.
Ray drückte seine Zigarette aus, zog die Beine hoch und legte sich auf das Sofa. Verdammt, das Leben kann so unglaublich kitschig sein! Er knüllte seine schwarze Samtjacke zusammen und schob sie als Kissen unter seinen Kopf. Jetzt in sein eigenes Zimmer zu gehen, wo es kalt war und nach abgetandenem Rauch stank, war ihm zu deprimierend. Aber er wollte hier in der Wohnküche noch ein wenig ausruhen, ehe es Zeit war, zum Proberaum zu radeln. Ray griff nach der Fernbedienung, schaltete den Fernseher ein und schloß die Augen.
Ja, dachte er, während lautstark ein Werbespot für irgendeine Unfallversicherung über den Bildschirm flackerte; ja, ihr da draußen, ihr Taxifahrer und Bankangestellten und Schichtarbeiter und Firmenchefs, ihr alle, die ihr von Lottogewinnen träumt und von einer steilen Karriere, von der großen, ewig währenden Liebe oder einfach nur von einer leidenschaftlichen Affäre; wie unterschiedlich unser Leben auch aussehen mag und wie sehr wir einander belächeln und verspotten, letztendlich sind wir doch alle Brüder im Geiste, die gleichermassen verloren auf dem Erdball umherirren und sich dabei irgendeiner Illusion hingeben, in der Hoffnung, dass sie unser erbärmliches Leben in dieser tristen, traurigen Welt zumindest etwas erträglicher gestaltet...

(...)

 

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