5. Oktober

 ~ Randy Ray ~

„Sag mal, Randy, weiß du eigentlich, dass du einfach immer ein unverschämtes Glück hast?“ Inga schüttelte fassungslos den Kopf. Ihre raspelkurzen, wasserstoffblond gefärbten Haare leuchteten unter der schummerigen roten Deckenbeleuchtung beinahe pink, und Randy Ray lächelte zerstreut. Es war Donnerstag Vormittag. Inga und Ray saßen im Rex Lacerte und tranken Kaffee. Es roch nach Zigarettenrauch, Erdnüssen, Honigmilch und frischen Brötchen. An den Wänden hingen alte Zirkusplakate und im Regal hinter der Theke standen wie immer das Schiff mit den geblähten Segeln in der angeschmuddelten Flasche, der Strauß aus künstlichen Lilien und die Bronzefigur von den Bremer Stadtmusikanten. Am Nachbartisch ereiferten sich gerade ein paar Psychologiestudenten über eine Klausur, die sie alle versiebt hatten, an der Bar hockten die üblichen Biertrinker und lamentierten lustlos vor sich hin, und im Hintergrund lief Nirvana, Lake of fire. Direkt neben der Tür hing das schwarze Brett, eine wurmstichige Korkpinnwand mit übereinandergeklebten Zetteln, auf denen ein semi-professioneller Bassist eine Band suchte und eine verchillte WG einen korrekten Mitbewohner und ein Donovan einen Käufer für sein Hochbett, und dazwischen forderten leuchtendrote Flyer mit Slogans wie Käfigvögel singen von der Freiheit – wilde Vögel fliegen oder Ihr habt nichts zu verlieren als eure Ketten zur Weltrevolution oder zumindest zur Teilnahme an der nächsten Demo für den Erhalt des RotZ auf. Draußen pladderte der Regen auf das Kopfsteinpflaster, während Menschen mit aufgespannten Schirmen wie langbeinige Quallen durch die Straßen und an den Schaufenstern entlang trieben.
„Doch, wirklich,“ bekräftigte Inga, „ich meine, du läufst die ganze Nacht lang stockbesoffen und komplett orientierungslos durch die Stadt, wirfst zwischendurch wild deinen Rucksasck von dir – und nein, nicht nur, dass dir dabei nicht das geringste geschieht, im Gegenteil, du lernst jede Menge nette Leute kennen, kriegst ein Frühstück auf einem Reiterhof spendiert, und nicht mal zwei Wochen später hast du schon deinen Rucksack zurückbekommen und außerdem einen neuen Job.“
Ray lachte: „Du weißt doch, was ich immer zu sagen pflege: Wenn es einen Gott gibt, dann Dyonesis – und der hat ein besonderes Auge auf die Betrunkenen und auf die Verrückten, und ich war an diesem Abend definitiv beides.“
Inga lachte jetzt auch: „Du möchtest also auf äußerst intellektuelle Weise ausdrücken, dass das Glück stets mit den Dummen ist, nicht wahr?!“
„So in etwa.“ Ray schwieg einen Augenblick, und man konnte deutlich hören, wie am Nachbartisch die Empörung über die missglückte Klausur dem Versuch wich, das eigene Scheitern zu erklären. „C.G. Jung geht davon aus, dass es im Unbewussten weder Raum noch Zeit gibt,“ erläuterte einer der Enttäuschten. „Das wäre der richtige Interpretationsansatz gewesen, um Aufgabe vier zu lösen. Hat mir zumindest die Sedna vorhin gesagt. Aber herrje, wer kommt denn auf solche Spitzfindigkeiten?! Ich hab mich beim Lernen eher auf die allgemeinen Zusammenhänge konzentriert.“ Zustimmendes Gemurmel erhob sich. „Und ich dachte sowieso, dass Freud viel stärker im Vordergrund steht, nach den Andeutungen, die die Sedna noch in der letzten Stunde gemacht hat,“ ergänzte ein anderer.
„Irgendwie,“ fuhr Ray vorsichtig fort, „habe ich oft das Gefühl, beinahe unverwundbar zu sein, so lange ich bloß nicht über mögliche Folgen oder Konsequenzen meines Tuns nachdenke. Meine unbekümmerte, überschwängliche Lebenshingabe ist sozusagen mein magischer Harnisch.“ Gedankenverloren ergriff er einen Werbeflyer für irgendeine Theateraufführung, der auf dem Tisch lag und auf dem ein stolzer Richard Löwenherz und ein wenig glücklich dreinblickender John Ohneland mit wasserblauen Augen, algenhaft herabhängenden, ausgebleichten Haaren und einem schwarzen Samtwams abgebildet waren, und begann, daraus ein Schiffchen zu falten. „Vielleicht ist unser Schicksal nur eine Spiegelung unserer Persönlichkeit. Wer zögert oder Angst hat, dem wird auch das Leben nur ungern seine Schätze enthüllen und ihm stattdessen alle möglichen Hindernisse und Widrigkeiten in den Weg legen – Hindernisse und Widrigkeiten, die eigentlich bloß seinen eigenen Gedanken entspringen - , aber wer sich mutig und unvoreingenommen und voll Vertrauen auf das eigene Glück dem brausenden Dasein entgegenwirft, dem wird das Dasein mit all seinen Freuden genauso rückhaltslos entgegentreten, und jene Gefahren, die er aus seinen Gedanken verbannt hat, können ihn nicht berühren und ihm nichts anhaben.“
„Und du bist dir da so sicher?“ erkundigte Inga sich. Randy Ray schob das Fisherman´s Friend in seinem Mund von einer Backe in die andere. Der scharfe Pfefferminzgeschmack prickelte in seinerm Hals. „Immerhin, wie du siehst, ist bei mir ja bisher immer alles gut ausgegangen, obwohl ich nicht gerade einen betulichen und risikoarmen Alltag habe,“ erklärte er und strich sich mit einer traumwandlerisch langsamen Bewegung die langen blonden Haare aus der Stirn. „Das wäre zumindest schon mal ein Beweis für meine Theorie.“
„Ich weiß nicht...“ Inga runzelte nachdenklich die Stirn, „ich glaube, ich sehe das Dasein viel geschäftsmäßiger. Das Schicksal ist uns gegenüber vollkommen gleichgültig, und es gibt uns nichts einfach nur so, aus purer Freundlichkeit, gratis. Klar, die Welt ist verdammt schön, und du kannst jede Menge Spaß haben – aber irgendwann muss jeder bezahlen für das süße Glück, das er im Übermaß genossen hat, und ja, es kostet dich vielleicht dein Seelenheil. Dann stehst du plötzlich da und erkennst, dass deine Freunde sich schon längst von dir abgewandt haben, dass deine Zufriedenheit nur trügerischer Schaum war über dem Abgrund der Verzweiflung, dass dein wilder Lebenstanz unbemerkt zu einem rastlosen, gepeinigten Taumel geworden ist, dass all deine großartigen Pläne sich als bloße Fata Morgana in einer Wüste der endlosen Traurigkeit entpuppen, und du wirst bereuen...“ Sie und stützte die hageren Arme auf den Tisch und nahm einen Schluck Kaffee. „Ja, natürlich, auch ich will mir alles ertrotzen, was die Welt zu bieten hat; ich will ebenfalls in vollen Zügen die exotischen Cocktails der Lust und Leidenschaft trinken und dabei hemmungslos mit der Faust auf den Tisch hauen – aber manchmal, Nachts, wenn im Mondschein die Sekunden zerrinnen und in der Stille mein Leben wie eine Ebene ausgebreitet liegt, muss ich unweigerlich daran denken, dass eines Tages auch der Wirt vor mir stehen und mir eine saftige Rechnung präsentieren wird, und bei Gott, ich fürchte mich vor diesem Moment...“
Ray lächelte freundschaftlich. „Aber Inga, was ist denn das für eine Philosophie?! Das Leben ist doch keine Kneipe!“
Sie kicherten beide. „O.K., ich glaube, wir können diese Frage jetzt sowieso nicht klären,“ stellte Inga versöhnlich fest. „Die Zukunft wird entscheiden, wer von uns recht behält.“ Dann wechselte sie das Thema: „Und jetzt erzähl doch mal genauer, was war das denn nun für eine Geschichte mit deinem Rucksack und dem neuen Job?“
„Wie schon gesagt, dieser Typ hat meinen Rucksack gleich am nächsten Morgen entdeckt, auf dem Weg zur Arbeit, und dann hat er darin nachgeschaut und in meinem Portemonnaie den Bibliotheks-Benutzerausweis mit meiner Telefonnummer gefunden,“ erklärte Ray. „Er hat auch sofort angerufen, aber na ja, das übliche halt, Schimmel war am Telefon, und Schimmel hat es mal wieder komplett verpeilt, mir die Nachricht weiterzuleiten. Ich hab´s dann zufällig über Jule erfahren, weil sie wohl auch dabei war und mich ein paar Tage später darauf angesprochen hat, wie die Sache mit meinem Rucksack ausgegangen ist.“
Inga staunte. „Mannomann! Und du hast dir zwischendurch keine Sorgen gemacht, wie du deinen Rucksack wiederbekommst?“
„Ach was,“ winkte Randy Ray ab. „Andere Leute sagen, das Haus verliert nichts – ich denke global und sage, die Erde verliert nichts. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis die Dinge wieder zu uns zurückkehren. Und es schadet überhaupt nichts, mal ein bisschen weniger Ballast mit sich herumzuschleppen. Auf jeden Fall,“ fuhr er fort, „ich bin dann zu dem Typen hingefahren, und wirklich, er war total nett und sympathisch, über die Geschichte mit unserem äquinoktischen Besäufnis hat er nur gelacht, und dann wollte er wissen, was ich studiere, und als ich gesagt habe, Germanistik und Kunstgeschichte, meinte er, das trifft sich gut, er organisiert gerade eine Ausstellung, aber einer der Mitarbeiter ist kurzfristig abgesprungen, und ob ich nächste Woche für vier oder fünf Tage aushelfen könnte. Ansonsten ist er wohl ein knallharter Geschäftsmann, wenn ich ihn richtig einschätze, aber nebenbei hat er ein Faible für Kunst und Literatur. Scheint eine ziemlich spannende Sache zu werden – es werden moderne Großstadtfotografien gezeigt, und dazu Texte aus den zwanziger Jahren, in denen es ebenfalls um Stadtbeschreibungen geht, und er will wohl beweisen, dass es da viele Parallelen und Gemeinsamkeiten gibt. Ich selbst mache das übliche - rumstehen, streng gucken, damit niemand es wagt, die Bilder anzufassen, Kataloge verkaufen, Fragen beantworten und so, ja, und zur Eröffnung werden wir einige der Texte, die mit ausgestellt sind, vortragen. Guck mal, den da lese ich.“ Ray wühlte hochmotiviert in seinem Rucksack herum, förderte eine Boxershorts, ein Lederarmband, ein paar verbogene Kerzen, eine Postkarte von den Azoren, eine Handvoll Schachfiguren sowie eine beachtliche Menge an benutzten Taschentüchern und leeren Zigarettenschachteln zu Tage und zog schließlich ein zerknittertes Blatt hervor, das er Inga in die Hand drückte.
Inga las:

Straßenlaternen werfen ein kaltes, milchiges Licht.
Die Häuserfassaden hoch und glatt.
Ich bin alleine.
Meine Schritte auf dem Asphalt hallen durch die Dunkelheit und begleiten mich, ohne irgendwo ein Echo zu hinterlassen.
Verschmierte Türen, geborstene Mülleimer, ausgebrannte Briefkästen. Die Deckel von Abwasserschächten klappern unter meinen Füßen.
Mich fröstelt, und ich hülle mich tiefer in meine Jacke. Zünde mir dann eine Zigarette an.
Ja, ich bin ein Fremdkörper in dieser Stadt. Niemand hat mich gebeten, hierher zu kommen, und niemand würde mich vermissen, wenn ich wieder ginge.
Über mir wölbt sich ewig und unermeßlich groß und fern das Himmelszelt.
Der Dampf der StraßenschIuchten riecht nach Rauch, verkohltem Holz und billigem Schnaps.
Ich drücke mich dichter gegen die steinernen Wände.
Schwarze, abweisende Fensterhöhlen starren wie tote Augen auf mich herab. Dazwischen vereinzelt hell erleuchtete Scheiben, funkelnde Lichtpunkte mit freundlichen bunten Gardinen, aber mit mindestens genauso abweisendem Blick. Weil hinter ihnen eine friedvolle Idylle und Behaglichkeit zelebriert wird, zu der ich niemals dazugehören werde. Der ewige Schritt meiner eigenen Füße schließt mich aus.
In einer schmalen, finsteren Gasse macht sich ein Obdachloser an einem Altpapierkontaimer zu schaffen und zieht mühsam einen aufgeweichten Stapel Zeitungen nach dem anderen heraus. Sein Bett für diese Nacht. Ein wütender, rotgeäderter Blick trifft mich, als ich unauffällig wie ein Schatten an ihm vorbeischleiche. Weiß er, daß ich ein Parasit seines Elends bin; daß ich jene Heimatlosigkeit, die qualvoll seinen Alltag bestimmt, meinem verworrenen, einsamen, unruhigen Dasein als pittoresken Schmuck anlege? Meinem Dasein, in dem es, wenn auch kein zu Hause, so doch zumindest eine Aneinanderreihung von frischgebohnerten Hotelzimmern und gutbürgerlichen Mahlzeiten aus fremden Küchen gibt?
Ich gehe weiter. Auf der anderen Straßenseite hält ein Auto, ein junges Liebespaar steigt aus, kichernd, turteln, selbstvergessen. Ihre Stimmen verklingen in der Dunkelheit, ohne daß sie mich überhaupt wahrgenommen haben.
Mich, dessen Gesicht nur ab und zu im trüben Schein einer Straßenlaterne aufglänzt, um schon im nächsten Augenblick wieder mit der Dunkelheit zu verschmelzen.
Ja, ich bin der Reisende, der ewige Fremde. Ich verlasse Häuser ohne Bedauern und so leise, dass man nicht einmal die Tür hinter mir ins Schloß fallen hört. Wie ein unruhig lauerndes Tier streife ich durch meinen Alltag. Schon wieder schmiede ich Pläne, dieser unfreundliche Stadt bald zu entrinnen. Und doch weiß ich, daß ich überall fremd und heimatlos sein werde. Ein Stück Treibholz im Sog der Erdumdrehungen bin ich, und mein bißchen Mut und Waghalsigigkeit setze ich gegen die Einsamkeit, die der Croupier lachend in seiner Hand versteckt. Egal, wohin ich gehe, mein einziger Gefährte ist doch immer nur der Klang meiner eigenen Schritte, der kein Echo hinterläßt und mich ewig weitertreibt...

„Klingt ziemlich düster und beklemmend,“ stellte Inga fest. „Weißt du, von wem der Text ist?“
Ray schüttelte den Kopf. „Es ist mir schon richtig peinlich, aber ich kann mir den Namen einfach nicht merken. Irgendwas ziemlich Exotisches auf jeden Fall. Und es ist auch kein bekannter Autor. Also, ich kann nur sagen, ich find´s absolut genial. Weißt du was – das hier ist das erste Mal, dass ich mich wirklich auf einen Job freue!“

(...)

 

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