~ °~ * ~ ° ~ 21. Oktober ~ ° ~ * ~ ° ~

~ Randy Ray ~

Randy Ray und die übrigen Mitglieder von Libertalia hatten den Tag damit verbracht, sich bei Kaffee, Brötchen, Croissants und unzähligen Zigaretten ihre alten Aufnahmen anzuhören und mit penibler Genauigkeit auf mögliche Fehler und Mängel zu achten, um zu entscheiden, welche Lieder sie für die Demo-CD noch einmal neu einspielen wollten. Nun war es Abend, und Ray und Inga standen am Herd in der Wohnküche von Randy Rays WG, den schmierigen, verkrusteten Belag um die Kochplatten ignorierend, und warfen begeistert Möhren, Paprika, Kartoffeln und Brokkoli in einen Topf.
„Und wie geht´s weiter?“ fragte Inga neugierig.
„Jetzt wird der ganze Kram erst mal zu einer homogenen Masse verkocht,“ erklärte Randy Ray. „Dann hauen wir die Creme Fraiche drauf, würzen alles mit Chili, Ingwer, Basiilikum und diversen anderen Köstlichkeiten und lassen es nochmal aufkochen. Anschließend plätte man das Chaos auf dem Tisch, befestige den Topf darauf, bewaffne sich mit einem großen Löffel, versuche, den übrigen Anwesenden beim Kampf um die besten Brocken keine dauerhaften körperlichen Schäden zuzufügen, erfreue sich an dem kunstvoll bereiteten Mahl und fröne dabei alkoholhaltigen Getränken. Oder brauchst du etwa einen eigenen Teller?“
„Nö, wieso? Das ist ein geniales Rezept,“ freute Inga sich, und Randy Ray fuhr fort: „Die Kreation heißt ‚Fraß à la Créme’ und ist eine Spezialität des Hauses. Namhafte Experten erachten es übrigens als unerläßlich, mit dem Alkoholgenuß bereits beim Zubereiten der Speise zu beginnen, um diesem Prozess so ein zusätzliches Vergnügen zu verleihen und möglichen später auftretenden Aversionen vorzubeugen.“
Inga lachte: „Aber gemäßigt, erstmal, ja?! Wir wollen´s nachher noch zur Kunsthysteriker-Party schaffen!“
Auf dem Sofa lag Kike, mit hochgesteckten sonnenblumengelb gefärbten Haaren, die Doc-Martens-beschuhten Füße ins untere Fach des Bücherregals zwischen mehrere leere CD-Hüllen, einige Asterix-Bände, ein Buch über altägyptische Sagen, einen Quelle-Katalog, ein Paar schmutziggraue Tennissocken und eine beachtliche Sammlung von leeren Joghurt-Bechern gestützt, und schimpfte mißmutig in den Telefonhörer, während sie gleichzeitig große Kaugummiblasen blies: „Nein. Ja. Nein. Nein, natürlich stehe ich nicht im aktuellen Personalverzeichnis. Ich sagte doch vorhin schon, daß ich Anfang Juli für Sie gearbeitet habe, drei Tage lang, bei so ´ner Promo-Aktion. Wie? Nein, gerade darum geht es doch, mein Gehalt habe ich noch nicht bekommen, weil meine Lohnsteuerkarte zu dem Zeitpunkt noch bei meiner alten Firma war. Ich... Eben nicht, ich habe gerade vorhin erklärt, daß ich Ihnen meine Lohnsteuerkarte nachträglich zugesandt habe, Mitte Juli, und seitdem habe nichts mehr von Ihnen gehört. Was?! Natürlich ist das eilig! Na wunderbar; ich würde mal gerne hören, wie Sie reagieren, wenn Sie sich erst die Füße in den Bauch stehen müssen und als Dank dafür monatelang keinen Lohn kriegen... Ja, gut, sprechen Sie mit Ihrem Vorgesetzten, und fragen Sie ihn doch bei der Gelegenheit mal, was er davon halten würde, so lange auf sein Geld zu warten!“ Ärgerlich knallte Kike den Hörer auf die Gabel. „So eine arrogante Zicke! Glaubt wohl, sie ist was Besseres, nur weil sie einen gesicherten Job hat und dort endlich einmal das winzige bisschen Macht auspielen kann, über das sie in ihrem erbärmlichen Alltag verfügt!“ Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit auf den Topf, den Randy Ray und Inga gerade mit vereinten Kräften zum Tisch schleppten. „Oh, super, Rays Fraß à la Créme! Darf ich auch mal probieren?“
„Klar, bedien dich, die Menge hier reicht für ´ne ganze Mannschaft samt Kapitän!“ strahlte Ray. „Ich geh mal rüber zu Schimmel und Jule und frag, ob sie auch mitessen wollen. Boris ist ja übers Wochenende wieder zu Gina gefahren, oder?! O.K., dann brauch ich bei ihm schon mal nicht zu klopfen.“

Inga hob einen Reiseführer "Griechenland selbst entdecken" vom Tisch auf. „Gehört der einem von euch?“
„Mhm,“ nickte Jule mit vollem Mund. Ihre stacheligen schwarzen Haare standen wirr vom Kopf ab, und wie immer trug sie zerrissene Jeans mit einem riesigen Nietengürtel.
„Geil!“ Inga lächelte ihr zu. „Nach Griechenland wollte ich schon immer. Wann gehts los?“
Jule seufzte. „Wahrscheinlich nie. Klar, an sich wär´s gar kein Problem, ein ehemaliger Klassenkamerad von mir wohnt da und hat mich auch schon mehrfach eingeladen, ihn zu besuchen, nur... Irgendwie kann ich mich im Moment einfach zu nichts aufraffen, ich bin viel zu träge... Das Buch lese ich eher, um mich über meine eigene Tatenlosigkeit hinwegzutäuschen und mir selbst die Illusion zu vermitteln, ich würde ein unglaublich spannendes Leben führen und sei ganz bestimmt schon bald in der Lage, meine eigene Lethargie und Resignation zu überwinden und hätte noch viele aufregende Dinge vor mir.“
Ray schaute sie verständnisvoll an. „Du warst am Hafen oder?!“
Jule nickte. „Ja, gestern - voll krass, ich hab stundenlang nur raus aufs Meer geguckt und versucht, damit fertig zu werden, wie banal und sinnlos doch meine eigene kleine Existenz hier in Brackstadt ist, und im Hintergrund klirren und rauschen die Segel der Schiffe im Wind, als ob sie sich in einer eigenen, fremdartigen Sprache über ferne Länder und wunderbare Abenteuer unterhalten, und immerzu konnte ich nur daran denken, welch ungeheure Geheimnisse der Ozean birgt, blutig, dunkel und böse, und wie nichtig im Gegensatz dazu meine Entscheidung wäre, alles hinter mir zu lassen und abzuhauen, um endlich ebenfalls ein wildes Leben voll Leidenschaft und rauschhafter Genüsse führen zu können...“ Sie lachte verlegen.
„Der Hafen!“ Ray stocherte geistesabwesend im Topf herum. „Schon komisch, eigentlich ist er so nah, sogar mit dem Zug braucht man nicht mal zwei Stunden, aber ich war schon ewig nicht mehr da.“
„Ist auch besser so. Vor allem, wenn´s dir eh schon Scheiße geht!“
„Immer noch wegen Theo?“ fragte Kike mitfühlend. Jule schüttelte den Kopf. „Nein. Oder ja. Aber andererseits auch wiederum nicht, nicht wirklich. Na ja, dass ich mich dauernd so furchtbar unglücklich fühle und mir überall einfach nur deplatziert vorkomme, wie ein Frermdkörper in einer ansonsten perfekt funktionierenden Welt, fing tatsächlich damit an, dass Theo Schluss gemacht hat. Es ist, als ob ich in diesem Moment in ein tiefes Loch gefallen bin, aus dem ich momentan einfach nicht mehr rauskomme. Aber andererseits denke ich, das dürfte mich doch gar nicht so mitnehmen... Ich meine, die Sache mit Theo hat insgesamt nicht mal ein Jahr gedauert, und dabei war die meiste Zeit sogar unklar, inwiefern wir überhaupt richtig zusammen sind.“ Sie zögerte kurz, dann sprach sie weiter. „Aber ich glaube, mir ist dadurch einfach klar geworden, dass hier einiges total schief läuft bei mir, dass es kaum etwas gibt, was mir wirklich viel bedeutet oder mich glücklich macht und dass ich mir erst recht nicht vorstellen kann, irgendwann mein Studium zu beenden und dann brav und gediegen als Lehrerin zu arbeiten... Eigentlich hatte ich doch ganz andere Pläne, aber jetzt komme ich mir vor, als ob ich in einem Zug sitze, von dem ich nicht mehr abspringen kann und so einer tristen, unerfreulichen Zukunft entgegenfahre. Wahrscheinlich hab ich mich auch deswegen derart an Theo geklammert – einfach um überhaupt etwas zu haben, wofür es sich zu leben lohnt...“
Schimmel nickte. „Klarer Fall von Sinnkrise. Das kenne ich. So was kann durch die unmöglichsten Sachen ausgelöst werden. Tut einfach scheißweh, und das Schlimmste ist, dass es noch immer keinen Ausschaltknopf für Sinnkrisen gibt – du kannst also gar nichts tun als warten, bis sie von selbst wieder vorbeigeht.“
„Danke. Ihr seid so lieb und verständnisvoll.“ Jule lächelte gequält. „Ihr und auch meine Sisters von Lilith, und alle meine anderen Freunde... Da bekomme ich oft ein richtig schlechtes Gewissen! Immer wieder sitze ich da und frage mich hey, Moment, was willst du überhaupt... Ich meine, ich gehöre zu dem verschwindend kleinen Teil der Weltbevölkerung, der genug zu essen und ein festes Dach über dem Kopf hat, ich muss nicht mein Leben lang in einem stupiden Fabrikjob malochen wie so viele andere Leute, und darüber hinaus kenne ich wunderbare, großartige Menschen – und trotzdem jammere ich rum, weil ich mir beständig einbilde, dass mir irgendwas fehlt, das ich nicht mal richtig benennen kann... Ich komme mir einfach schrecklich dekadent und verwöhnt vor!“
Für einen kurzen Moment herrschte Schweigen. Randy Ray blickte von einem zum anderen, dann hob er sein Glas. „Also, Jule, da man gegen Sinnkrisen und ein schlechtes Gewissen anscheinend eh nichts machen kann, lass uns einfach trinken – auf unsere Dekadenz, auf den Hafen, auf das Anheuern auf einem Piratenschiff, auf den Ausbruch aus einem tristen und langweiligen Lebensmodell... Ich weiß, es hilft zwar nicht auf Dauer, aber vielleicht geht es uns zumindest heute Abend etwas besser.“ Er schaute sich um. „Heh, der Wein ist ja noch zu! Wo ist denn der Korkenzieher?“
„Drüben auf der Ablage. Warte, ich hole ihn.“ Schimmel erhob sich, tappte zum Kochbereich, und dabei fiel sein Blick zufällig auf einen schmutzigen Topf mit rötlich verkrustetem Rand, der in der Spüle stand. Interessiert beugte er sich darüber. „Whow, lecker, Spaghetti mit Bolognesesoße. Geil, nach dem Gemüsekram von Ray hab ich grad richtig Lust auf was Fleischiges.“
Beinahe synchron schrieen Jule, Kike und Randy Ray auf. „Aber Schimmel, der Topf steht schon seit über einer Woche da,“ erklärte Jule. „Das ist bestimmt nicht mehr gut!“
„Echt, meint ihr?“ fragte Schimmel erstaunt. „Also, ich finde, eigentlich sieht´s noch ganz lecker aus.“ Schwungvoll platzierte er den Topf auf dem Tisch. Im Inneren schwappte eine zähflüssige, klumpige, von graubrauen Schlieren durchzogene Soße mit Fettaugen vor sich hin. Die aufgequollenen Nudeln erinnerten an dicke, schleimige Maden.
„Igitt, das ist ja widerlich!“ quitschte Kike in einer Mischung aus Ekel und Faszination, und Randy Ray schüttelte sich: „Schon der Gestank haut mich um!“
„Wirklich? Ich rieche nichts.“ Schimmel tauchte seinen Löffel in die glibberige Masse und führte ihn zum Mund. „Köstlich, absolut köstlich. Das braucht man nicht mal mehr aufzuwärmen, das schmeckt auch kalt hervorragend! Dazu noch ein Bier, und der Abend ist perfekt.“
„Uuhh, Schimmel, du bist einfach zu krass! Du hast echt Geschmacksnerven aus Eisen,“ kicherte Jule. „Aber trotzdem, lass mal, du fängst dir nur eine Lebensmittelvergiftung ein mit dem Mist. Schau lieber im Kühlschrank nach, da findest du bestimmt was Besseres – und vor allem etwas, wo auch wir dir mit Genuss beim Essen zusehen können.“ Und zu Inga gewandt erklärte sie, noch immer grinsend: „Schimmels Nahrungsvorlieben wirken auf Außenstehende manchmal etwas unappetitlich. Mach dir nichts draus, man gewöhnt sich dran. Man muss nur aufpassen, dass er sich nicht irgendwann ernsthaft schadet beim Verzehr seiner Lieblingsspeisen.“
Grummelnd und offenbar wenig überzeugt, dass die Spaghetti tatsächlich von eher fragwürdiger Qualität sein sollten, wühlte Schimmel im Kühlschrank herum. Dann hellte sich seine Miene jedoch plötzlich auf: „Oh, guten Tag Schinken. Was für eine freudige Überraschung! Dich habe ich aber schon lange nicht mehr gesehen. Ich wusste gar nicht, dass es dich noch gibt.“ Er drehte sich um und strahlte Inga an: „In unseren Kühlschrank zu gucken ist wie ein Klassentreffen – ununterbrochen trifft man auf alte Bekannte, die man schon fast vergessen hat.“
Kike lachte. „Dann ist unsere gesamte Wohnung wie ein Klassentreffen. Stellt euch vor, neulich habe ich meine rosa Wollmütze wiedergefunden, die ich seit über einem Jahr vermisst habe. Ich dachte schon, ich hätte sie irgendwann im Moriartry vergessen. Aber sie lag einfach nur da drüben auf dem Sessel, unter den ganzen leeren Bierdosen.“
Inga ließ ihren Blick durch die Wohnküche schweifen und grinste: „Stimmt, bei euch sieht´s schon ziemlich abenteuerlich aus.“
„Randy Ray hat Putzdienst, nicht ich!“ verteidigte Jule sich sofort schrill.
„Heh, das war doch keine Kritik,“ versuchte Inga sofort, sie zu beschwichtigen, „Wie schon gesagt, ich finde es trotzdem immer einfach supergemütlich bei euch. Mir selbst würde es auf Dauer zwar wahrscheinlich auf die Nerven gehen, ständig solch ein extremes Chaos um mich herum zu haben, aber das ist was ganz anderes. Ich glaube, ich könnte halt generell nicht in einer so großen WG leben. Eine Mitbewohnerin reicht mir vollkommen! Aber angenehmer als eine piekfeine, blitzeblank gescheuerte Wohnung, wo man sich gar nicht traut, irgendwas anzufassen, ist es hier auf jeden Fall. Ehrlich, ich fühle mich absolut wohl bei euch. Und ich wusste ja nicht mal, dass ihr einen Putzplan habt!“
„Doch, offiziell haben wir einen, und eigentlich wäre sogar ich an der Reihe,“ erklärte Randy Ray. „Aber Schimmel schuldet mir noch ein Mal Putzen inklusive Spülen, weil ich sein Fahrrad repariert habe. Das war so ausgemacht.“
„Am besten, du verrechnest das mit Kike,“ antwortete Schimmel, während er sich ein Stück Schinken in den Mund schob. „Ich habe mit ihr vereinbart, dass sie einmal für mich den Putzdienst übernimmt, wenn ich dafür mit ihr diesen Stand auf dem Flohmarkt organisiere, damals, als der andere Typ so kurzfristig abgesprungen ist.“
Inga lachte: „Mannomann, was für ein Tauschen und Feilschen! Bei euch geht´s ja zu wie auf einem orientalischen Basar!“ Niemand außer Randy Ray lachte mit.
„Ihr spinnt wohl!“ kreischte Kike empört. „Ihr glaubt doch nicht, dass ich das alles hier wegmache!“ Mit einer dramatischen, weit ausholenden Geste deutete sie quer durch den Raum. „Putzen – O.K., kein Thema, aber erst, wenn jeder seinen eigenen Kram weggeräumt hat. Ich seh doch nicht ein, dass ich euch euren Mist hinterhertragen muß wie Kleinkindern, damit ich überhaupt saubermachen kann! Zum Beispiel da!“ Anklagend zeigte sie auf einen Stapel von leeren, aufgeweichten, bereits mit feinen Schimmelspuren überzogenen Pizzakartons. „So was Ranziges pack ich nicht an! Derjenige, der die Pizzas bestellt hat, soll auch selbst seinen Dreck wegräumen.“
„Das waren Boris und Gina mit ihren Freunden,“ petzte Schimmel. Kike war so aufgebracht, dass sie ihn gar nicht beachtete. „Und hier, den Glibber werde ich auch ganz bestimmt nicht anfassen! Eine ganze Schüssel mit fauligen Bananenschalen! Igitt! Sowas Ekelhaftes! Wer die da gammeln gelassen hat, der trägt sie jetzt auch gefälligst selbst in den Müll! Zumindest für euren eigenen Dreck müsst ihr die Verantwortung übernehmen! Leert eure Aschenbecher aus, bringt euren Müll weg, räumt euren eigenen Kram auf, die ganzen Bücher und CDs und Comics und so, die hier überall rumliegen, dann mache ich auch sauber!“
„Na und, was bringt das?“ fragte Jule gedehnt. „Das gleiche hast du uns nämlich vor drei Wochen schon erzäht. Und Boris und ich haben daraufhin wirklich mal einen Nachmittag damit verbracht, den ganzen Scheiß wegzuräumen. Und, was ist passiert?! Nichts! Niemand hat sich weiter drum gekümmert, und nach ein paar Tagen war alles wieder genauso zugemüllt wie vorher. Also nee, dafür mach ich mir den Streß nicht noch mal.“
„Kann ich was dafür, wenn ihr die Küche immer gleich innerhalb kürzester Zeit in einen Saustall verwandeln müsst!?“ zischte Kike wütend. „Ich hab schließlich auch noch anderen zu tun, als dauernd auf Habachtstellung zu liegen und nur drauf zu waren, ob es hier mal für ein paar Stunden ausnahmsweise vernünftig aussieht!“
Schimmel schlug gereizt mit der flachen Hand auf den Tisch. „Meine Güte, jetzt stellt euch doch nicht so an, irgendwer muss den Gammelkram halt wegmachen, sonst sitzen wir in zehn Jahren noch in der gleichen Schmiere!“
Jetzt wurde auch Jule agressiv. „Ach nee, Schimmel, das sagst ausgerechnet du!“ fauchte sie. „Du bist doch ansonsten immer derjenige, der...“
Unwilkürlich musste Inga grinsen. Randy Ray zwinkerte ihr zu. „Also, Inga, gehen wir, oder?! Wir sind eh schon spät an.“
Draußen prusteten beide los. „Oh Mann,“ jappste Inga, „das war wirklich köstlich. Einfach filmreif! Ich hätte nie gedacht, dass bei vermeintlich friedliebenden Menschen, die wenige Sekunden vorher noch nett und freundlich plaudern, die Stimmung so schnell von Null auf Hundert steigen kann!“
Ray lachte schallend: „Ich geb dir einen Tip, Inga: Wenn Du jede Form von unerfreulicher Gruppendynamik vermeiden willst – sag bloß nie etwas über den Sauberkeitsgrad unserer Wohnküche!“
„Ich glaube,“ kicherte Inga, „ich glaube, für euch hat Dreck in etwa die gleiche Bedeutung wie Kriegsverbrechen für die Wehrmacht: Im Grunde genommen ist´s offensichtlich, aber niemand spricht darüber, jeder tut, als wüsste er von nichts und als ginge das gesamte Thema ihn nicht das geringste an, und wenn dann doch mal die Rede darauf kommt, will niemand für verantwortlich sein!“ Beide prusteten erneut los.
„Aber Schimmel,“ stieß Ray zwischen zwei Lachanfällen atemlos hervor, „Schimmel ist echt der Held des Chaos: Der würde den ganzen Mist sogar noch fressen , wenn man ihn ließe!“

Sie liessen sich auf die Bank an der Straßenbahnhaltestelle fallen. Autos brausten vorbei, die Leuchteklamen des Waschsalons, der Videothek, der Dönerbude und des Fahrradladens warfen einen fahlen Schein, es roch nach Abgasen und Regen und man konnte hören, wie sich im Haus hinter ihnen ein Mann und eine Frau direkt am geöffneten Fenster unterhielten, aber vielleicht war es auch nur ein Fernseher, der da lief. Eine magere Frau mit wasserstoffblonden Haaren und einem hechtgrauen Flanellhemd schlenderte vorbei und nickte ihnen wissend zu. Oben am Himmel schwelte der Vollmond.
„Übrigens, à propos Streitigkeiten,“ Inga wirkte mit einem Mal sehr ernst, „vorhin, vor den Leuten aus deiner WG, wollte ich es nicht ansprechen, aber Norman ist grad etwas angepisst von dir. Ich will jetzt keine große Staatsintrige daraus machen, dazu ist die Sache wahrscheinlich gar nicht wichtig genug - aber vielleicht könntest du trotzdem in nächster Zeit versuchen, ihn besonders sanft und rücksichtsvoll zu behandeln, O.K.?!“
Ray staunte. „Echt?! Norman ist sauer auf mich?! Das hab ich überhaupt nicht gemerkt. Was hat er bloß?“ Die Straßenbahn kam, sie stiegen ein und Ray murrte halblaut vor sich hin und schimpfte weiter auf Norman, der seiner Meinung nach furchtbar langweilig, einfallslos und unambitioniert war und dessen einziger Vorteil darin bestand, dass er einst eine hervorragende Klavierausbildung genossen und sich deswegen erstaunlich schnell sämtliche Songs von Libertalia angeeignet hatte.
„Klar, natürlich kann Norman manchmal gewaltig nerven durch seine Unzuverlässigkeit und seine zögerliche Art,“ stimmte Inga zu. „Aber vergiss nicht, er ist immerhin erträglicher als die ganzen anderen unsympathischen Typen, die schon bei Libertalia mitgemacht haben. Versuch einfach, dich nicht durch ihn provozieren zu lassen und ärgere dich nicht dauernd über ihn. Na, und jetzt bin ich mal gespannt, was für eine Band die Kunsthistoriker-Fachschaft diesmal für ihre Party aufgegabelt hat,“ bemühte sie sich, Ray abzulenken. „Ich wette, es gibt wieder irgendeine grottenschlechte Sixties-Cover-Band mit einem Sänger, der jault wie eine Banshee im Stimmbruch, genau wie in den letzten beiden Jahren, weißt du noch? Übrigens, Angela, meine Mitbewohnerin, kommt nachher auch noch zusammen mit ein paar Freundinnen. Sie wollen versuchen, eine Flasche Rum auf die Party zu schmuggeln. Wird garantiert lustig!“
Ray ließ jedoch nicht locker: „Ich kapier einfach nicht, was Norman plötzlich gegen mich hat. Ich hab ihm doch nicht das Geringste getan, oder?!“
„Soll ich schonungslos ehrlich sein?“ Inga zögerte „Oh je, genau das wollte ich vermeiden... Aber ich hab am Tag direkt nach der Probe zufällig Norman im Moriartry gertroffen, es war schon ziemlich spät und er hatte gewaltig einen sitzen, und da hat er hemmungslos abgeschimpft wegen Dir; er meinte, so was hätte er noch nie erlebt, dass ein einzelner Typ sich derart aufspielt und mit seiner herrischen, selbstgefälligen Art die gesamte Bandprobe dominiert und die Dreistigkeit besitzt, den anderen vorzuschreiben, was sie zu tun und welche Aufgaben sie zu erledigen haben, komplett rücksichtlos und so, und er könne nicht verstehen, warum wir von Libertalia uns das gefallen lassen, denn jede andere Band hätte dich schon längst wegen mangelnder sozialer Kompetenz hochkant rausgeworfen.“
„Oh. Das ist heftig.“ Ray war sichtlich verstört. Er schluckte und schaute hilflos zu Boden. „Aber... Was soll ich machen?“ presste er schließlich hervor. „Du weißt ja selbst, wie es bei Libertalia früher immer gelaufen ist – sobald es was zu tun gab, haben alle nur ganz gruppendynamisch darin übereingestimmt, dass es dringend erledigt werden sollte und es echt gut wäre, wenn irgendwer sich darum kümmern würde, aber letzendlich hat sich nie jemand verantwortlich gefühlt, und dementsprechend haben wir nichts auf die Reihe gekriegt. Das bringt doch auch nichts! Überleg doch mal, unser relativ stabiles Live-Programm, der Auftritt bei Summer´s End Rock, und jetzt das Demotape, das fast fertig ist – das sind alles Sachen, auf die wir verdammt stolz sein können, aber das wäre nie was geworden, wenn wir nicht konkret Aufgaben verteilt und uns richtig dahintergeklemmt hätten! Und ich habe garantiert nicht versucht, irgendwas gegen euren Willen durchzusetzen, alle hatten jederzeit die Möglichkeit, selbst Vorschläge zu machen, und außerdem...“
Inga legte besänftigend eine Hand auf Randy Rays Arm. „Aber natürlich, hey, genau so sehe ich das doch auch. Mich hat´s ja ebenfalls furchtbar genervt damals, dauernd dieses unergiebige Rumhängen im Proberaum, ohne dass irgendwas dabei rauskommt, und ich kann nur sagen, ich bin dir wirklich dankbar, dass du dich endlich mal ein bisschen drum kümmerst, damit auch was passiert. Ich selbst hätte definitiv nicht die Energie dafür.“
 „Das ist schön, dass zumindest du das so siehst, Inga. Wirklich, ich hab überhaupt nicht gemerkt, dass ich Norman derart verärgert habe! Was soll ich jetzt machen?“ Bedrückt schaute Ray sich um. Inga lächelte aufmunternd: „Versuch vor allem, die ganze Sache nicht so tragisch zu sehen, ja.?! Wie schon gesagt, Norman war nicht mehr nüchtern, als er mir das gesagt hat, deswegen nehme ich mal an, O.K., wahrscheinlich war er in dem Augenblick schon wütend, aber nichtsdestotrotz hat er auch etwas übertrieben. Inzwischen sieht er alles bestimmt wieder viel gelassener. Im Grunde genommen ist es ja kein richtiger Streit, sondern eher ein Interessenskonflikt. Norman sagte beispielsweise unter anderem auch, er habe gar nicht den Ehrgeiz, dass jeder Songt total perfekt klingen muss, und die Vorstellung, ständig von einem Auftritt zum nächsten zu hetzen, würde ihn eher erschrecken als mit Begeisterung erfüllen. Er will einfach nur gemütlich musizieren und dabei Spaß haben, und er meinte, der Spaß bleibt leider gewaltig auf der Strecke, wenn er dauernd herumkommandiert wird.“
„Das ist doch Unsinn!“ ereiferte Ray sich. Seine Augen blitzten, und mit einer ärgerlichen Bewegung strich er sich seine langen blonden Haare aus der Stirn. „Wir haben es ihm beim ersten Treffen deutlich gesagt, wir sind zwar keine Profi-Band, aber wir sind auch keine Feierabendrocker, wir sind ehrgeizig und wir haben auf jeden Fall den Anspruch, uns weiterzuentwickeln und was Richtiges auf die Beine zu stellen...“
„Eben,“ erklärte Inga sachlich, „und genauso hat auch Norman damals seine Einstellung dargelegt, und wir haben alle bewusst beschlossen, es trotzdem zu versuchen, weil wir musikalisch absolut übereingestimmt haben. In diesem Sinne, wir sind alle erwachsene Menschen, die möglichst konfliktfrei miteinander auskommen wollen und die wissen, dass sie dazu gelegentlich Rücksicht nehmen und Kompromisse eingehen müssen. Deswegen habe ich dir das alles auch erzählt – nicht, um dich zu kränken, sondern einfach nur, damit du vielleicht in Zukunft Norman gegenüber etwas vorsichtiger bist.“
Die Bahn bremste, und sie stiegen aus. Gegenüber, vor dem teuren Taj-Mahal-Hotel, schüttelte gerade der Portier einem Gast die Hand. In einer Seitenstraße sah man bereits zahlreiche Leute, die sich vor dem kunsthistorischen Seminar, in dessen Keller die „Kunsthysteriker-Party“ stattfand, drängten.
„Und im Übrigen soll Norman uns nicht den Abend verderben,“ meinte Inga bestimmt, als sie merkte, wie bekümmert Randy Ray noch immer aussah. „Hey, schau mal, da drüben gehen schon Angela und Flori und,“ ihr Gesicht verdüsterte sich, „oh, Esther ist auch dabei.“
„Esther? Wer ist das? Ist irgendwas nicht in Ordnung mit ihr?“ fragte Ray neugierig.
„Esther ist eine neue Freundin von Angela,“ antwortete Inga. „Ich mag sie nicht besonders. Meiner Meinung nach macht sie oft einen ziemlich arroganten und überdrehten Eindruck.“
„Wir müssen nicht hingehen, wenn du nicht möchtest,“ schlug Randy Ray vor. Er fühlte sich noch immer ziemlich erschüttert und ihm lag momentan nicht besonders viel daran, sich mit einer Masse notorisch gutgelaunter, erlebnishungriger Menschen in einen Raum zu quetschen und forcierte Fröhlichkeit zu heucheln. Aber Inga packte ihn resolut am Arm und zog ihn weiter. „Ach was. So schlimm ist´s auch wieder nicht. Wie gesagt, Esther gehört zwar nicht unbedingt zu den Menschen, die ich als meine liebsten und engsten Freunde bezeichnen würde, aber es macht mir nichts aus, mich mal einen Abend lang mit ihr zu unterhalten. Und dir wird es nur gut tun, jetzt erst mal auf andere Gedanken zu kommen!“
Inga winkte und gestikulierte eifrig, bis Angela, Flori und Esther sie bemerkten, und kurz darauf standen sie alle beieinander. Fasziniert beäugte Ray Esther. Sie trug eine grüngolden glänzende Hose mit Schlangenledermuster und ein Top mit Spaghettiträgern. Die bloße Haut ihrer Arme schimmerte so zart und hell wie ein Januarmorgen, und fächerartig breiteten sich die die blonden Haare mit den ausgebleichten blauen Strähnen über ihren zierlichen Schultern aus. Sie lachte leise über irgend etwas, was Angela gerade gesagt hatte, und ihre Stimme klang klar und rein wie tönender Kristall. Gedankenverloren riß sie ein Blatt von dem Holunderbusch neben dem Eingang ab und zerdrückte es zwischen den Fingern. Dann wandte sie sich mit strahlendem Gesicht an Ray: „Du bist also Randy Ray Mahrut?! Angela und Inga haben schon so viel von dir erzählt, und whow, du, ich finde es einfach großartig, dass ich dich jetzt endlich mal kennen lerne!“ Ray nickte bloss und stellte bezaubert fest, dass sie leicht nach Wein und Erdbeerparfüm roch. Esther fuhr fort: „Du bist der Sänger von Libertalia, stimmt´s?! Angela hat mir mal was von euch vorgespielt. Euren Sound finde ich absolut klasse, ihr klingt so... so eindringlich und geheimnisvoll. Genau mein Geschmack! Hach, ich würde auch gerne Musik machen, ich hab auch schon ein paar Mal versucht, Songs zu schreiben, aber na jah, irgendwie klappt´s nie so richtig... Weißt du, meine Songs hätten wohl stets von mir und von meinem Leben und so gehandelt, und zwischendurch kam mir dann immer der Gedanke, heh, was tue ich hier eigentlich, ich kann doch mich und mein Leben nicht in eine feste Struktur pressen, in eine starre Melodie und einen eintönigen Rhythmus, dazu bin ich viel zu frei und alles ist viel zu sehr im Umbruch, im ständigen Wandel, mein Leben und mein Geist sind einfach zu unfassbar...“ Sie lachte erneut glockenhell und zündete sich eine Zigarette an, und Randy Ray murmelte verlegen irgendwas. Esther hatte offenbar auch gar keine Antwort erwartet, denn sie redete schon wieder begeistert auf Flori ein.
Dumpfe Bässe dröhnten aus dem Gebäudeinneren, wie der rasende Herzschlag eines gefräßigen Tieres, das sie jeden Moment zu verschlingen drohte, vermischte sich mit den Stimmen und dem Gelächter ringsum und fraß sich tief in Randy Rays Gehirn. Über dem Eingang schaukelte eine Kette aus roten Lampions im Nachtwind, gleich gefangenen Irrlichtern, die versuchen, sich gegen ihre Fesseln zu stemmen und die bereit sind, jeden Moment auszubrechen... Mit einem Mal hatte Randy Ray das Gefühl, etwas Bedrohliches läge in der Luft, ohne dass er genauer erklären konnte, was es war. Unwillkürlich erschauerte er. Sein Herz klopfte hart und schnell. Der dunkle Asphalt unter ihm wirkte wie eine glatte, schwarze Wasseroberfläche, unter der sich entsetzliche Geheimnisse verbergen, und die roten Lichter der Lampions waren Blutflecken, die langsam aus der Tiefe nach oben drangen und nun gemächlich auf dem Wasser dahintrieben... Oder nein, eher Spiegelungen von längst erloschenen Flammen aus vergangenen Zeiten...
Randy Ray riß sich zusammen. Ach was, das war Quatsch jetzt! Wahrscheinlich war er einfach überreizt, das war alles. Bereits im nächsten Augenblick war die seltsame Angst wieder verschwunden, und Ray hoffte bloß, dass die anderen nichts davon mitbekommen hatten. Die Menschenschlange schob sich gemächlich weiter nach vorne, und Randy Ray versank im Gebäudeinneren. Die junge Frau an der Kasse hatte dunkle Dreads, wasserblaue Augen und ein Tattoo in Form eines liliengeschmückten Einhorns knapp unterhalb des linken Schulterblatts. Rote und gelbe Scheinwerfer tauchten den Raum in ein waberndes Inferno aus Licht, und die Musik war so laut, dass man schreien musste, um sich zu verständigen. Es roch nach Rauch, Schweiß und Bier. Esther lächelte Randy Ray zu und reichte ihm einen Cuba Libre. Das Glas glänzte golden im Licht der Scheinwerfer.

(...)

 

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