~ ° ~ *  ~ ° ~ 21. Oktober (Fortsetzung) ~ ° ~ * ~ ° ~

 

~ Sylvia Vrikschat-Höhlerien ~

Sylvia konnte das zierliche junge Mädchen nur undeutlich erkennen. Aber sie sah das lange, weiße Kleid mit der nassen Borte, das beinahe wie ein Nachthemd wirkte, die strähnigen, algenhaft herabhängenden Haare und die Augen, die seltsam starr und leblos waren, mit winzigen Pupillen, wie der Blick einer Schlafwandlerin, und unwillkürlich erschauerte sie. Als Sylvia versuchte, sich mit der Hand abzustützen, um sich aufzurichten, griff sie ins Leere; ja spürte nicht einmal, dass sie ihre Hand bewegt hatte... Ihr war, als befände sie sich in einem unerklärlichen Seinszustand jenseits von Zeit und Raum, in dem nicht einmal ihr eigener Körper noch irgendeine Bedeutung hatte...
 „Wo bist du?“ fragte Sylvia das Mädchen, bebend vor Furcht.
„Ich weiss es nicht.“ Die Stimme klang seltsam dumpf, als käme sie von weit, weit weg. „Aber ich höre das Knarren der Taue und das Tosen der Wellen, die Matrosen schreien in einer mir unbekannten Sprache, und es riecht nach Rauch, Seetang und Moder...“
„Also bist du auf einem Schiff?!“
Ein fernes, fremdes, tonloses Schluchzen war die Antwort. Und dann, leise: „Die Prophezeihung wurde wahr, der Vulkan ist ausgebrochen. Der Verrat unserer Vorväter wurde an uns gerächt.“
„Wer bist du?“ wollte Sylvia wissen. „Bist du eine Priesterin oder eine... Eine Schamanin?“
„Ich war die Hüterin der Einhörner,“ flüsterte die kleine somnambule Schönheit, und ihre Stimme klang so unendlich traurig, dass es Sylvie tief ins Herz schnitt. „Nun bin ich eine Gefangene von ihnen.“
„Wo sind deine Einhörner jetzt?“ wollte Sylvia wissen.
„Sie sind verbrannt.“ Das Schluchzen wurde immer verzweifelter. „Sie waren so schön, so unschuldig und so frei... Niemand kann sich einen treueren Gefährten wünschen als ein Einhorn. Und doch habe ich es geschehen lassen, dass das Feuer über sie hereinbrach. Weh mir, hätte ich gewusst, welches Unheil droht, ich hätte nicht die Nacht damit verbracht, den betörenden Liedern des Barden zu lauschen und heimlich vom Glanz seiner seeblauen Augen zu zehren, ich wäre geeilt und hätte versucht, die Einhörner zu retten. Doch nun sind sie alle tot, alle. Und nur bei uns, auf dem glückseligen Eiland, konnten sie leben... Nie wieder wird ein Wesen von dieser Welt die Freude haben, ein Einhorn erblicken zu dürfen.“
„Und was wird aus dir?“ fragte Sylvia voll Sorge.
„Man hat mich verschleppt. Ausgerechnet mich, die ungebunden und unfassbar war wie das Meer... Bei allen Elementen, ich hatte geschworen, nie unser Eiland zu verlassen, doch es waren einfach zu viele von ihnen, die mich fassten, als ich am Strand saß und klagte, als ich immer und immer wieder voll blinder Wut die Fingernägel in meine Haut schlug und mich dafür verdammte, dass ich die Einhörner im Stich gelassen hatte...“
„Wer hat dich gefangen genommen? Wer sind sie?“
„Die Menschen. Plumpe, grobknochige Kreaturen mit ausdruckslosen Gesichtern und einem einfältigen Gemüt. Ich verachte sie aus tiefster Seele. Schon allein bei dem Gedanken, dass sie in meiner Nähe sind, wird mir übel.“
„Warum haben sie dich entführt?“
„Sie glauben, es sei aus Liebe. Seit unsere Vorfahren ihre Welt betraten, beteten sie uns an. Sie kamen von Nord, Ost, Süd und West, auf ihren merkwürdigen Schiffen mit dem hohen Bug und den hässlichen Kreaturen als Gallionsfiguren... Wochenlang durchpflügten sie das Meer, kämpften gegen Seestürme und ertrugen klaglos Zeiten der Flaute, nur um eine kurze Weile bei uns bleiben zu dürfen. Und glaub mir, wer einmal unser verwunschenes Eiland betrat, vergaß es nie wieder. Sie erzählten Geschichten und fertigten Bilder an von den Wundern, die sie bei uns schauen durften, von Fischen so groß wie Drachen, auf denen wir ritten, von zauberhaft schönen Nixen mit funkelnden Fischschwänzen und Kränzen aus Muscheln und Seesternen, von riesigen, strahlendweißen Lilien, und ja, auch von meinen Einhörnern...“ Das Mädchen schüttelte den Kopf. Sylvia fiel auf, dass ihre Haut unnatürlich bleich war, fast schon gespenstisch durchsichtig. „Aber ich glaube, in Wahrheit haben die Menschen uns insgeheim gehasst, weil wir anders waren als sie und sie allein durch unsere Anwesenheit daran gemahnten, dass jene kläglichen Errungenschaften, die sie stolz als „Zivilisation“ bezeichnen, bedeutungslos sind angesichts der unaussprechlichen Schönheit unseres Reiches. Nun werden sie sich groß und mächtig fühlen, weil es ihnen gelungen ist, mich in ihre Gewalt zu bringen und mir ihren Willen aufzuzwingen.“
„Hast du Angst?“
„Vor dem, was sie mit mir tun werden?! Niemals! Sobald sie auf mich losgehen, werde ich mich in meine eigene Seele zurückziehen, dorthin, wo keine Schläge und keine Demütigungen mich je treffen können. Dieser Körper ist bloß eine bedeutungslose Hülle, ein Gewand, das ich zufällig und gedankenlos überstreift habe und an dem mir nichts liegt, doch mein Geist ist frei und unbezwingbar wie eine Schwalbe, die ihre Flügel ausbreitet und sich über alles erhebt... Nein, was mich ängstigt ist der Gedanke, dass sie mit mir Kinder zeugen könnten. Ich will nicht ihre Frucht in mir spüren! Schon unsere Vorfahren hätten sich nicht von ihren süßen, verliebten Worten einlullen lassen dürfen... Welch ein Frevel, auf die beschwörenden Reden der Menschen zu hören und sich mit ihnen einzulassen! Nun sind wir schon längst degeneriert, denn in unseren Adern fließt menschliches Blut... Und das erzürnt die Götter! Ich bin mir sicher, sie werden nicht ruhen, bis wir und auch unsere Nachkommen völlig aus der Welt der Menschen verschwunden sind.“
„Und was wird mit dem Barden geschehen?“ erkundigte Sylvia sich, nur um überhaupt etwas zu sagen. Sie spürte, dass ihre seltsame Gesprächspartnerin sich langsam immer weiter von ihr entfernte, ihr entglitt und in der Unendlichkeit zerrann, und auch wenn Sylvia vor Furcht kaum zu atmen wagte, so strahlte dieses Mädchen doch ein unnennbares, bittersüßes Glück aus, das sich tief in Sylvias Herz bohrte... Nein, auf keinen Fall wollte Sylvia sie jetzt schon fortziehen lassen.
 „Der Barde?! Er ist freiwillig mit den Menschen gegangen, obwohl er wissen müsste, dass er bei ihnen ebenfalls stets als Außenseiter leben wird. Niemand wird ihn ehren und bewundern, niemand mehr seine klangvollen Lieder verstehen. Doch er ließ sich blenden, als sie ihm Ruhm, Juwelen und edle Pferde versprachen. Er will nicht wahrhaben, dass sie ihn bloß als Kuriosum vorführen wollen; so, wie sie auf ihren Jahrmärkten Hunde mit zwei Schwänzen, Affen in Uniformen oder missgestaltete, verwachsene Kinder ausstellen.“ Die Stimme des Mädchens klang jetzt undeutlich, wie ein zerfetztes Echo aus längst vergangenen Zeiten. „Nie hätte ich mich hinreißen lassen dürfen, seinetwegen die Einhörner zu vernachlässigen! Und ich hasse ihn dafür, dass er so eitel und unbedacht war! Gewiß wird er versuchen, sich die Achtung und Freundschaft seiner Peiniger zu erschleichen, indem er unsere Balladen singt und unsere Sagen erzählt. Und immer wird es zumindest einen Menschen geben, der fasziniert ist von dem Gedanken an jenes freudvolle Reich, das einst von stolzen Wasserwesen gegründet wurde und dann dem Zorn der Götter zum Opfer fiel und schmählich unterging... Dieser Mensch wird mehr und immer mehr über uns erfahren wollen, wie ein Süchtiger, der stets nach weiterem Wein begehrt und sein Verlangen doch nie zu befriedigen vermag, so unstillbar ist seine Gier; und irgendwann wird er beginnen, sein Wissen an andere weiterzugeben, an die jüngere Generation vielleicht, zur Ergötzung und Erbauung... Und auch dort wird es stets jemanden geben, der bereit ist, zu glauben und unsere Geschichte weiterzutragen... Aber das Unglück wird ewig anhalten, solange nicht sämtliche Erinnerungen an uns getilgt sind. Alles, was ich will, ist, dass wir vergessen werden. Warum kann man die Menschen nicht einfach schlafen lassen; was bringt es, sie aus ihrer zufriedenen Lethargie aufzuwecken...“

Sylvia schreckte auf. Es war stockdunkel, und noch immer konnte sie die allmählich verblassende Anwesenheit des Mädchens spüren, so flüchtig und unfassbar wie ein Windhauch aus fernen Ländern. Die Leuchtziffern ihres Weckers standen auf halb vier. Was für ein seltsamer, verstörender Traum! Aber... Wenn alles bloß ein Traum war, warum hatte Sylvia dann das Gefühl, weiterhin den modrigen Geruck der fauligen Holzbalken und des abgestandenen Salzwassers im Kielraum riechen zu können?

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~ Nadine Kühleborn ~

Barfuss, nur mit ihrem weißen Nachthemd bekleidet, tappte Nadine in die Küche und setzte so leise wie möglich das Wasser für einen Johanniskraut-Tee auf. Sie wollte Richie auf keinen Fall wecken, aber sie hielt es nicht mehr aus, länger in der bedrohlichen Grotte ihres Bettes zu liegen. Behutsam goß sie das heiße Wasser in ihre Tasse. Ein paar Tropfen spritzten auf den Saum ihres Nachthemdes, aber Nadine bemerkte es kaum. Sie konnte sich nur noch an einzelne Fragmente ihres Traumes erinnern, doch das genügte vollauf, damit eiskalte Gänsehaut ihren gesamten Körper überzog. Nadine verabscheute diese grauenvollen Träume, in denen sie hilflos und gefesselt irgendwo lag und sich aus irgendeinem Grund eines entsetzlichen Vergehens schuldig fühlte, und noch mehr haßte sie es, wenn ihr hinterher war, als sei zwischendurch plötzlich ein fremdes Wesen in ihre Träume eingedrungen und habe sie beobachtet, sich mit voyeuristischer Neugier an ihrem Elend gelabt und zu allem Überfluß auch noch dämliche Fragen gestellt... Als ob es nicht genügte, dass sie so etwas schon tagsüber ununterbrochen erlebte!

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~ Lindhorst, Olaf Koloman Ignaz ~

 

Das fahle Licht des Vollmonds fiel durch das Gitterfenster in die Zelle, und unruhig wälzte Olaf Koloman Ignaz Lindhorst sich auf seinem Bett umher. Irgend etwas war geschehen. Irgend etwas musste geschehen sein, Olaf wusste es genau. Denn jetzt war er plötzlich wieder da, der rauchige Schwefelgeruch in seiner Kleidung, seinen Haaren, auf seiner Haut; so intensiv, dass es ihm manchmal fast den Atem raubte. Begonnen hatte alles beim letzten Vollmond, in jenen unseligen Träumen, als er die beiden Pferde in Empfang genommen hatte, die Pferde des Barden, die Sonnenpferde, ihren göttlichen Vorfahren längst so unähnlich...
Auch die anderen Patienten des St.-Florian.-Heims hatten offenbar gemerkt, dass irgend etwas sich verändert hatte, denn seit Neuestem wichen sie stets furchtsam zurück, sobald Olaf einen Raum betrat, und Renfield, sein Zimmernachbar, weigerte sich sogar beharrlich, beim Essen neben Olaf zu sitzen. Nur die Pfleger und Schwestern begriffen natürlich mal wieder nichts. Olaf kicherte leise, und es klang wie das Aufprasseln eines Feuers im Wind.
Ja, gewiss, noch war ein Vogel mit gestutzen Schwingen, versklavt im fremden Kontinent, doch schon bald würde der Banner seines Seins machtvoll durch alle Lüfte wehen... Anfangs war es nur eine vage Ahnung gewesen, die seinen Geist gestreift hatte, gleich dem weit entfernten Schall eines Muschelhorns, aber nun hatte er Gewissheit, denn er hatte sie gesehen. Sie, die betörende Narrenkönigen, die ahnungslose Himmelsbotin mit der milchweißen Haut, den gazellenhaften Bewegungen und den blaugesträhnten Haaren, der Stern an seinem Firmament, auf den er schon so lange gewartet hatte und dem er bedingungslos folgen würde bis zu jenem einsamen, verkümmerten Baum in den Dünen und dem blut- und aschebedeckten Meer...
Es war vorgestern gewesen; sie hatte gemeinsam mit ein paar anderen Pflegern und Küchenhilfen in der Cafeteria gesessen und einen Schokoriegel gegessen. Zuerst war er bei ihrem Anblick zurückgeschreckt, glühender Schweiß trat auf seine Stirn und er begann zu zittern, aber dann hatte er sich zusammengerissen, er hatte Renfield, der wie immer zusammengekauert in der Ecke saß und rauchte, um eine Zigarette angeschnorrt, und obwohl Renfield ansonsten ein ausgemachter Geizhals war, hatte er es nicht gewagt, sich Olafs stolzem, gebieterischen Flammenblick zu widersetzen; und dann war Olaf mit seiner Beute auf sie zugetreten. Im ersten Augenblick hatte sie ihn überhaupt nicht bemerkt und weiter unbedarft auf einen bärtigen Pfleger mit Hornbrille eingeredet: „Doch, ehrlich, an sich fände ich es wirklich eine gute Idee, nach Schichtende noch irgendwo zusammen einen Kaffee trinken zu gehen, ein andermal komme ich gerne mit, nur heute ist es halt extrem ungünstig; ich bin für Abends mit ein paar Freundinnen verabredet, und vorher wollte ich auf jeden Fall noch nach Hause, um mich zu duschen und vielleicht auch noch mal für eine Stunde oder so aufs Ohr zu legen, ich bin ziemlich geschafft grad...“
Genau in diesem Augenblick war Olafs Schatten auf sie gefallen, und mit einem verwirrten Gesichtsausdruck war sie emporgeschreckt.
„Hast du mal Feuer?“ Raubtierzähnig grinste er sie an, und sie schaute hilfesuchend von einem zu anderen, sichtlich überfordert. „Ich... Ich weiß nicht...“
Olaf weidete sich an ihrer Fassungslosigkeit. Ja, tatsächlich, offensichtlich begriff sie, wer hier vor ihr stand, denn oh nein, er war kein gewöhnlicher Kranker, er war der ewige Tänzer im Flammenkreis, der Gebieter über einen fast vergessenen Mythos, er war ein glänzender, erhabener Feuerwurm, der sich in all seiner Pracht vor ihr aufbäumte...
„Aber klar, Olaf, natürlich gibt Esther dir Feuer,“ mischte sich der Bärtige nun gutmütig ein.
Die kleine Flamme zischte empor, und Olafs Blick kreuzte sich mit dem des jungen Mädchens. Sie stammelte irgendwas Belangloses, doch Olaf achtete nicht darauf, was sie sagte. Er sah die Glut, die sich gleichzeitig in ihrer und einer seiner Pupille spiegelte, und ein lautloses Beben ging duch die Welt. Schwärende Abgründe taten sich auf und tausend Fackeln leuchteten in der Dunkelheit. Dann war alles vorbei. Olaf taumelte davon. Er hörte, wie einer der Pfleger ihr zuraunte: „Das ist schon O.K., hier im Gemeinschaftsraum kann Olaf ruhig rauchen. Er darf bloß kein eigenes Feuerzeug besitzen, und wir müssen aufpassen, dass er mit seiner brennenden Zigarette nicht nach draußen in den Garten oder hoch in sein Zimmer geht; du weißt ja, er...“
Es kümmerte Olaf nicht. Er wusste, er und seine engelgleiche Botin, die nicht einmal erahnen konnte, dass sie eine Spielfigur auf dem Schachbrett des Untergangs war, hatten soeben eine geheime Schwelle überschritten, und von nun an gab es endgültig kein Zurück mehr, das Schicksal würde seinen Lauf nehmen...

(...)

 

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