23. Oktober

~ Olaf Koloman Ignaz Lindhorst ~

Oben, auf dem Speicher des St. Florian Heims lagerten, von einer dicken Staubschicht bedeckt, die Akten der sogenannten „hoffnungslosen Fälle“. Zu ihnen gehörte auch Olaf Koloman Ignaz Lindhorst.
Würde man seine Akte aufgeschlagen, so würde man, neben den Mitschriften von zahllosen Therapiesitzungen und dem Polizeibericht aus jenem unseligen Sommer, auch mehrere Fotos von Olaf Lindhorst finden. Eines ist direkt am Tag seiner Einweisung entstanden und zeigt einen drahtigen, athletischen jungen Mann von etwa Mitte zwanzig, mit unruhig lauernden Augen, schulterlangen, strähnigen Haaren und einer gerade verheilten Brandwunde auf der Stirn. Die meisten anderen Bilder sind neueren Datums: Olaf beim alljährlichen Sommerfest des St. Florian Heims, Olaf an Weihnachten, Olaf in der Kantine. Ein gebeugter Mensch, den Blick ausdruckslos in die Ferne gerichtet. Und daneben gibt es noch zwei Kinderfotos von Olaf Lindhorst, auf denen einen freundlicher, verlegen lächelnder Junge mit ordentlich gekämmtem Haar zu sehen ist...

Ja, tatsächlich, bis zu seinem elften Lebensjahr war Olaf Koloman Ignaz Lindhorst ein ausgesprochen unproblematisches Kind gewesen: Ruhig, höflich, oft etwas geistesabwesend, aber stets darauf bedacht, nicht aufzufallen und vor allen niemanden zu verärgern. Seine Eltern freuten sich darüber und wurden von allen Verwandten beneidet, dass es bei ihnen zu Hause keine haarsträubenden Auseinandersetzungen um Nichtigkeiten gab, dass sie sich nie beschämt bei Nachbarn entschuldigen mussten, weil ihr Kind fremde Gärten verwüstet, mutwillig unanständige Wörter gerufen oder irgendwelche Streiche gespielt hatte und dass Olaf niemals, selbst bei Regenwetter nicht, wild durch die Wohnung tobte und kaum zu bändigen war...  Erst im Nachhinein, nachdem das furchtbare Unglück am Strand bereits geschehen und Olaf ins St. Florian Heim eingewiesen war, hatten sie eifrig zugestimmt, als der Psychiater sie auf ihre ausführlichen Erklärungen über Olafs Kindheit hin fragte, ob man sein Verhalten vielleicht als „phlegmatisch“ bezeichnen könnte.
Die obligatorische Trotzphase übersprang Olaf auf unerklärliche Weise einfach. Kindergarten und Grundschule durchlief er, ohne je irgendwelche Schwierigkeiten zu bereiten. Bei den Hausaufgaben gab er sich zwar Mühe, war aber nie übermäßig fleißig. Es reichte gerade, damit er durchschnittliche bis gute Noten bekam und somit keinen Ärger zu befürchten hatte. Als er acht Jahre alt war, meldeten seine Eltern ihn beim örtlichen Schwimmverein an. Olaf willigte friedfertig ein, ohne jedoch besondere Begeisterung zu zeigen. Nachdem er fast ein Jahr lang jede Woche brav geschwommen, gepaddelt, gekrault und getaucht war, zwar nie widerwillig, aber auch nie besonders freudig oder motiviert, kamen seine Eltern zu dem Entschluß, dass Schwimmen vielleicht doch nicht unbedingt die ideale Freizeitbeschäftigung für ihren Sohn sei und schlugen ihm stattdessen Fußball vor. Gleichmütig akzeptierte Olaf. Diesmal beschwerte sich der Trainer allerdings schon nach wenigen Wochen über Olafs Faulheit und sein anhaltendes Desinteresse. Daraufhin versuchten seine Eltern nicht mehr, ihn für irgendein Hobby zu begeistern.
„Ich denke, Olaf ist auf seine Art eine sehr eigenwillige Persönlichkeit,“ erklärte seine Mutter. „Wahrscheinlich ist es ganz normal, dass er sich von uns zu nichts drängen lassen will. Wir müssen ihm einfach die Chance geben, von sich aus etwas zu entdecken, was ihm Spaß macht...“
Und so lebte Olaf weiter leise und brav vor sich hin. Offenbar gab es in seiner kleinen Welt nichts, was ihn besonders bewegte oder erschütterte oder ihn gar zum Kämpfen und Rebellieren veranlasste. Alles prallte irgendwie an ihm ab. Er stellte keine Ansprüche an das Leben und verlangte nichts.
Auch menschliche Nähe schien Olaf nicht allzu viel zu bedeuten. Er gehörte zu jenen Kindern, die man unbedacht auch mal einige Zeit sich selbst überlassen konnte, ohne dass sie quengelten oder sich einsam fühlten.
„Haben Sie Olaf als Kind denn viel allein gelassen?“ hatte der Psychiater Frau Lindhorst gefragt, damals, als sie ihren Sohn das erste Mal im St. Florian Heim besuchte und noch ganz erschüttert war von den leeren, abgestumpften Blicken der Kranken, von den vergitterten Fenstern, von den langen, trostlosen Fluren, in denen jeder einzelne Schritt widerhallte und vor allem von der entsetzlichen, unfassbaren Tat, die Olaf begangen haben sollte, und vehement hatte sie den Kopf geschüttelt: „Aber nein! Für mich war von Anfang an klar, dass eine Mutter zu ihrem Kind gehört. An dem Tag, als ich erfahren habe, dass ich schwanger bin, habe ich meinen Job gekündigt, um zu Hause zu bleiben und mich ganz Olaf zu widmen. Klar, selbstverständlich habe ich mich nicht ununterbrochen ausschließlich um ihn gekümmert. Ich fand es angenehm, dass er so pflegeleicht war und sich auch alleine beschäftigen konnte, so dass ich zwischendurch einkaufen gehen, in Ruhe ein Buch lesen oder die ein oder andere Nachbarin besuchen konnte, ohne mir Sorgen machen zu müssen, dass Olaf währenddessen einsam ist oder irgendwas anstellt. Aber das ist doch nicht falsch, oder?! Olaf wusste immer, wo ich bin, falls er mich braucht, und ich hatte den Eindruck, das genügt ihm.“
Ja, generell schien dem kleinen Olaf an übermäßiger Aufmerksamkeit oder Zuneigung nicht viel zu liegen. Wenn sich bei einem Familienfest mehrere Leute gleichzeitig über ihn beugten, um festzustellen, dass er aber ein hübscher Junge war, der seit dem letzten Mal ganz schön groß geworden war, wich er bloß still und sichtlich unangenehm berührt zurück. Seine Eltern konnten sich nicht erinnern, dass Olaf je wie andere Kinder versucht hatte, sich in den Mittelpunkt zu stellen. Aber ebenso tat er auch alles, um Strafen oder Streit zu vermeiden, und deswegen galt er allgemein als sehr umgänglich und einsichtig.
„Er ist halt ein eher ruhiger, zurückhaltender Typ,“ hatten seine Eltern stets betont.

Die Probleme fingen erst erst in Olafs im fünftem Schuljahr an, als er aufs Gymnasium kam. Jetzt begann er auf rätselhafte Weise, wie durch eine magnetische Kraft, ausgerechnet die dubiosesten Mitschüler anzuziehen und zu seinem engsten Freundeskreis zu machen: Rabauken, Raufbolde, Haudegen, Taugenichtse, notorische Störenfriede... Dabei waren es jedoch stets die anderen, die ihm aus unerfindlichen Gründen ihre Freundschaft antrugen, und Olaf akzeptierte widerstandslos. Man konnte also keinesfalls sagen, dass Olaf eigenständig „schlechte Gesellschaft“ suchte; vielmehr schien die „schlechte Gesellschaft“ ihn zu suchen und auch stets zu finden.
Bei den Missetaten der anderen spielte Olaf allerdings nie eine herausragende Rolle: Er fing keine Prügeleien an, er warf nicht mit Kreide, und wenn die Tafel mit obszönen Beleidigungen vollgeschmiert war, so war seine Handschrift nie darunter zu entdecken. Als seine Freunde sich in der großen Pause ins Klassenzimmer schlichen, um es über und über mit aufgeblasenen Kondomen zu dekorieren, hatte Olaf bloß Schmiere gestanden, und als sie gar auf die Idee kamen, den Erdkunderaum unter Wasser zu setzen, lief er furchtsam davon.
Olaf gehörte bloß grundsätzlich zu der Clique mit den schlimmsten Rüpeln und hoffte offenbar dennoch, sich stets aus allem Ärger heraushalten zu können.
Weder seine Eltern, noch seine Lehrer konnten verstehen, was da vor sich ging.
„An sich ist Olaf doch so ein netter, problemloser Junge – aber ich habe den Eindruck, er ist einfach völlig gleichmütig gegenüber ‚gut’ und ‚böse’, und das nutzen manche seiner Mitschüler schamlos aus,“ klagte seine Mutter, und sein Klassenlehrer stellte die fragwürdige Theorie auf, der bislang immer viel zu brave Olaf verspüre insgeheim den Wunsch, aufzubegehren und sich abzureagieren, brächte aber selbst nicht den Mut dazu auf und suche deswegen unbewußt den Kontakt zu anderen, die an seiner Stelle rebellierten und den Ausbruch wagten.
Man war besorgt, verbot Olaf den Umgang mit diesen Jugendlichen, und zum allgemeinen Erstaunen gehorchte er ohne zu protestieren. Während seine ehemaligen Kameraden wüteten, tobten und Rache schworen, schienen Olaf solche Befehle nicht sonderlich zu berühren. Freundschaften waren ihm ebenso gleichgültig wie alles andere auch.
Jetzt, im Nachhinein, konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Olaf das Leben lediglich als eine willkürliche Ansammlung von Ereignissen empfand, die hauptsächlich gesteuert wurden durch die Gebote anderer Menschen, welche diese Art von Dasein wohl als logisch ansahen, so dass sie mehr Energie aufbrachten, irgend etwas lenken zu wollen als er selbst und denen man besser gehorchte, wenn man sich keine unnötigen Schwierigkeiten einhandeln wollte. Anscheinend sah Olaf keinen Sinn darin, die sogenannte Realität zu verstehen und ebenfalls am Webstuhl seines Schicksals mitzuwirken; stattdessen versuchte er bloß, jeglichen Unanehmlichkeiten aus dem Weg zu gehen, um so in Ruhe eine eigene Welt suchen zu können, die lohnender war und mehr Intensität besaß als jenes Leben, zu dem die anderen ihn zwangen.
Nichts konnte ihn aus seiner behäbigen Lethargie aufwecken... Bis er zufällig das Feuer entdeckte!

(...)

 

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