16. Oktober

~ Sylvia Vrikschat-Höhlerien ~

Sylvia hockte mit angezogenen Knien auf dem Tisch, trank Milch und hörte Radio. Noch immer läutete der Wecker jeden Morgen eine neue Krise ein, noch immer war jeder weitere Tag eine neue Mutprobe, aber allmählich gewöhnte sie sich an den allgegenwärtigen Kummer. Und nein, Sylvia hatte nicht wieder bei Hermann angerufen. Sollte er doch warten, sollte er sich doch einmal, ein einziges Mal nur, mit Sorgen und Unruhe quälen und so einen Bruchteil dessen erfahren, was Sylvia in den vergangenen Jahren mit ihm durchgestanden hatte... Morgen könnte sie anrufen, damit tröstete Sylvia sich über jeden weiteren leeren, einsamen, freudlosen Tag hinweg, morgen, ganz gewiss, bloß ein paar Stunden musste sie noch durchstehen...
Zu deutlich sah sie noch jenen verhängnisvollen letzten Nachmittag vor sich, ehe sie gegangen war...

...Das ist nicht dein Ernst,
wie eine Klinge hatte dieser eine Gedanke sich immerzu durch Sylvias Bewußtsein geschnitten, permanent, eindringlich, glasklar, während sie Rollkragenpullis, Hosen und Unterwäsche faltete und in ihrem Koffer verstaute, sie hatte selbst gestaunt, wie ruhig und bedächtig sie die Kleidungsstücke auswählte, obwohl ihre Hände zitterten;
das ist nicht dein Ernst, nein, im Grunde deines Herzens willst du Hermann gar nicht wirklich verlassen, das ist nicht dein Ernst...
Draußen fuhr ein Auto vorbei, und nervös zuckte Sylvia zusammen. Jeden Moment rechnete sie damit, das Quitschen der Bremsen zu hören, dann Hermanns schwere Schritte auf dem Gartenweg, das Klicken der Tür, und von diesem Moment an würde das Schicksal seinen Lauf nehmen und all ihre Hoffnungen würden vielleicht für immer zerstieben, wie ein Kartenhaus würde ihr Alltag in sich zusammenfallen und sie hilflos und verwaist in den Trümmern ihrer Liebe zurücklassen...
Ein aquamarinblauer Rock wanderte in den Koffer. In der nächsten Schublade, die Sylvia öffnete, befanden sich einige spitzenbesetzte BHs, die Sylvia schon seit Jahren nicht mehr getragen hatte. Für einen Augenblick verzog Sylvia schmerzlich das Gesicht, sie zögerte kurz, dann packte sie mit wilder Entschlossenheit die BHs ebenfalls in den Koffer. Das Leben war ein alter, verdammt ausgebuffter Halunke, der sich nicht in die Karten schauen ließ, und wer weiß, welche Asse es noch im Ärmel versteckt hielt... Sie, Sylvia, wollte jedenfalls für alles gewappnet sein.
Nein, das ist ganz gewiss nicht dein Ernst! pochte es erneut durch Sylvias Kopf. Für dich ist das alles nur ein Spiel, und über die Folgen deines Tuns bist du dir nicht im Geringsten bewusst...
Sylvia schwitzte, und ihre Wangen glühten. Sie öffnete das Fenster. Vogelgezwitscher und das Plätschern des Springbrunnens drangen zu ihr herein. Irgendwo übte jemand Klavier, und eine Heckenschere klapperte. Es roch nach feuchter Erde und Rosen. Ganz kurz wurde Sylvia schwarz vor Augen. Sie musste innehalten.
Es stimmte, sie hatte keinerlei Vorstellungen davon, wie es war, als Single zu leben; wie es war, in eine dunkle Wohnung zurückzukehren, in der sie von niemandem erwartet wurde und wo niemand sich erkundigte, wie es ihr ging und was die den Tag über getan hatte...
Und weiterhin zischte es wie eine Schlange durch Sylvias Gedanken: Genau, es ist nicht dein Ernst, Hermann zu verlassen, du willst gar nicht wirklich gehen... Aus Eitelkeit und gekränktem Stolz spielst du ein waghalsiges Spiel, du liebäugelst mit der Idee eines heroischen Neuanfangs  und merkst gar nicht, wie hoch dein Einsatz ist...
Sylvia setzte sich auf die Bettkannte. Ihr war schlecht.
...Aber du wirst es schon früh genug kennen lernen, das Singledasein. Und du wirst bereuen... Du wirst sehen, wie es ist, nur ab und zu von anderen Paaren eingeladen zu werden... Dankbar wirst du jede Einladung annehmen, froh, aus deiner selbstverschuldeten Einsamkeit zumindest für kurze Zeit ausbrechen zu können, und doch wirst du dich dabei immerzu nutzlos und überflüssig fühlen und dich beständig fragen, ob man sich vielleicht nur aus Mitleid deiner erbarmt hat, denn schließlich scheinen deine beiden Gastgeber einander Unterhaltung und Anregung genug zu bieten und sind im Laufe des gemeinsamen Zusammenlebens offenbar eine so enge seelische Symbiose eingegangen, dass sie im Grunde genommen keiner Kontakte nach Außen mehr bedürfen; du wirst dir wie ein ungangenehmer Störfaktor ihrer harmonischen, erfüllten Zweisamkeit vorkommen, und letztendlich wirst du regelrecht erleichtert sein, wenn der Zeitpunkt kommt, sich zu verabschieden, ungeachtet der Tatsache, dass dich kein behagliches Heim erwartet, sondern nur eine leere, triste, einsame Wohnung...
Schwere, dumpfe Panik breitete sich in Sylvias Magen aus. Die Übelkeit nahm zu. Sylvia ließ sich nach hinten auf das Bett sinken. Hier hatte sie sich Nacht für Nacht in Hermanns Arme geschmiegt, hier war sie an seinem starken, muskulösen Leib zerschmolzen und auf den Wogen der Ekstase geritten, hingebungsvoll und liebestrunken, hier hatten sie einander ihre Geheimnisse und ihre Wünsche ins Ohr gewispert, bei Kerzenschein, hier hatte Hermann sie zärtlich festgehalten und getröstert, wenn sie traurig oder krank war, und oh, wie sicher und beschützt hatte sie sich immer bei ihm gefühlt... Und das alles sollte sie jetzt aufgeben?! Niemals! Nein, um nichts in der Welt könnte sie sich von Hermann trennen... Sylvia presste ihr erhitztes Gesicht gegen das Kissen. Und ja, auch daran erinnerte sie sich plötzlich, genau so hatte sie auch damals hier gelegen, vor vier Jahren, oder nein, inzwischen mussten seitdem schon mindestens fünf Jahre vergangen sein, von wildem, hilflosem Schluchzen geschüttelt, die Wangen tränenüberströmt, im Mund ein bitterer, salziger Geschmack, ihre Gedanken rasten, ihr Kopf dröhnte, alles in ihr hatte sich dagegen gesträubt, ausgerechnet in diesem Bett zu liegen, in dem Hermann es mit jener Rine oder Ricki oder Richi oder wie auch immer sie hieß getrieben hatte, hier, in diesem entweihten, geschändeten Tempel ihrer Liebe, und doch hatte ihr in ihrer Verzweiflung jegliche Kraft gefehlt, aufzustehen...
Memories bring diamonds and rust…Aber  für dich ist trotzdem alles nur ein Spiel, ein Roulette des verletzten Stolzes, und in Wirklichkeit scheust du das Risiko... Es ist nicht dein Ernst, Hermann zu verlassen...
Sylvia richtete sich auf. Ja, natürlich war ihr Beschluss, auszuziehen, nicht ernst gemeint, wie schon so oft. Sie pokerte. Sie wollte Hermann doch nur mit ihrem Zorn konfrontieren, ihn zur Auseinandersetzung zwingen, wenn sie plötzlich mit gepackten Koffern vor ihm stand. Und Hermann würde sie nicht so einfach ziehen lassen...
Sie nahm ihre drei Lieblingskleider vom Bügel und legte sie sorgfältig in den Koffer. Ihre Bewegungen waren schlafwandlerisch langsam, wie in Trance. Sylvias Herz raste zum Zerspringen, und doch fuhr sie immer weiter mit ihrer Tätigkeit fort. Alles erschien ihr so unwirklich, gleich einem schlechten, unheilvollen Traum, aus dem sie jeden Moment erwachen würde, sobald Hermann nach Hause kam... Dann würde sie ihm endlich all ihre Wut ins Gesicht schreien, würde ihn den Ärger über sein Desinteresse, seine Lustlosigkeit, seine Gleichgültigkeit spüren lassen... Dann wäre der Bann gebrochen, der sie zwang, roboterhaft ihre Sachen zu packen, wie eine Trophäe würde sie ihren Zorn vor sich hertragen, der schon seit Jahren in ihr glühte, und sie würde Hermann endlich sagen, dass...
„N´ Abend, my Honey! Na, das war ja mal wieder ein Stress heute in der Firma... Unglaublich! Diese Kunden aus Gibraltar treiben mich irgendwann noch in den Wahnsinn.“ Unbemerkt war Hermann hinter sie getreten, streifte sein Jacket von den Schultern und drückte es Sylvia in die Hand. „Hier, wenn du schon am räumen bist, kannst du das gleich mit aufhängen. Ich geh schon mal runter ins Wohnzimmer, sonst verpasse ich die Tagesschau. Was gibt´s denn nachher Leckeres zu essen?“ Er strich Sylvia flüchtig über das Haar, und Sylvia zuckte unter dieser Berührung zusammen. Hermann lachte. „Nanu, was ist los? So empfindlich heute, mein Schatz?“
Sylvia blieb wie erstarrt zurück. Ihre Hände waren schweißnass. Hermann hatte noch nichts gemerkt. Dies war ihre letzte Chance, einen Rückzieher zu machen und so zu tun, als sei nichts geschehen und als habe sie nicht die vergangenen Stunden damit verbracht, ihren Auszug vorzubereiten... Vielleicht die letzte Chance, ihre einst so gewaltige Liebe zu retten... Aber wollte sie wirklich ihren Stolz und ihre Lebensgier eintauschen gegen ein Haus mit Garten und ein paar Worte freundlicher Gleichgültigkeit am Abend?! Entschlossen stapfte Sylvia die Treppe hinab, folgte Hermann ins Wohnzimmer und stellte sich direkt vor den Fernseher.
„Es ist doch nicht zu fassen, was diese Typen, die sich Politiker schimpfen, jetzt schon wieder für einen Mist verbocken,“ knurrte Hermann mit halbgeschlossenen Augen. „Stell dir vor, Honey, sie wollen... Heh, Moment, geh mal bitte zur Seite, du stehst genau im Bild.“
Reflexartig trat Sylvia einen Schritt nach links und ärgerte sich im gleichen Augenblick über sich selbst. Sie zitterte. Starr schaute sie Hermann an. „Ich muss mit dir reden. Ich habe heute nicht gekocht. Ich habe stattdessen meinen Koffer gepackt.“
Hermann gähnte, ohne sich die Hand vor den Mund zu halten. „Jaja, schon O.K., Schatz, kannst du mir das bitte nachher erzählen? Gleich kommen die neuesten Meldungen über dieses Erdbeben in L.A., und ich will unbedingt wissen, was...“
 „Nein!“ schnitt Sylvia ihm scharf das Wort ab. „Hermann, es ist wichtig. Ich habe den Eindruck, wir beide haben uns schon lange auseinandergelebt, und im Grunde genommen stellen wir nur noch nach außen hin die Institution eines Ehepaares dar, ohne uns noch wirklich füreinander zu interessieren. Und ich kann so nicht weiterleben.“
Sylvia sah, dass Hermann für einen kurzen Moment genervt das Gesicht verzog, dann lächelte er sie liebevoll an. Es wirkte falsch wie eine Maske, fand Sylvia. „Natürlich, ich verstehe dich vollkommen, my Honey. Aber bitte, ich habe einen harten Tag im Büro hinter mir, und ich habe momentan einfach keinen Nerv für solche Gespräche. Am Wochenende können wir über alles reden, wenn du möchtest, aber nicht jetzt, ja?! Das verstehst du doch sicherlich.“ Er gähnte erneut, und als er Sylvias düsteres Gesicht sah, fügte er noch tröstend hinzu: „Und keine Sorge, es macht überhaupt nichts, wenn du deswegen heute nicht zum Kochen gekommen bist. Lass uns einfach nachher ins Little Mermaid essen gehen, ich habe sowieso Lust auf Fisch. Na, einverstanden?!“
Jetzt spielte Sylvia ihren Joker aus. „Nein, ich will nicht bis zum Wochenende warten. Ich kann unter diesen Bedingungen keinen Tag länger mit dir zusammenwohnen. Deswegen habe ich meinen Koffer gepackt: Ich möchte ausziehen, zumindest bis wir über alles gesprochen und eine Lösung gefunden haben.“ Sylvia fühlte sich innerlich eiskalt, während sie die Worte aussprach. Sie hatte das Gefühl, lediglich einen auswendig gelernten Text aufzusagen, dessen Bedeutung sie selbst kaum verstand und der sie emotional völlig unbeteiligt ließ. Irritiert schaute Hermann auf. Sein gequälter Blick flatterte hilflos zwischen Sylvia und dem Fernsehapparat hin und her. Schließlich seufzte er: „O.K., ich kann zwar nicht nachvollziehen, weshalb du plötzlich so aufgeregt bist, aber letztendlich ist es deine Entscheidung. Mach, was du für richtig hältst. Wenn du denkst, dass es dir gut tut, etwas Abstand zu gewinnen und mich eine Zeitlang nicht zu sehen, dann werde ich das akzeptieren.“
Sylvia starrte ihn fassungslos an. Nie im Leben hätte sie damit gerechnet, dass Hermann so einfach nachgab und sie gehen ließ! Sie schluckte. Warum nur flehte er sie nicht voll inbrünstiger Leidenschaft an, bei ihm zu bleiben; warum brach er nicht in Tränen aus bei der Vorstellung, fortan möglicherweise ohne sie leben zu müssen, so wie sie es am liebsten selbst getan hätte; warum war er nicht bereit, für ihre Liebe zu kämpfen? Was war aus all den großartigen Beteuerungen und Beschwörungen geworden, sie sei sein Glück und sein Lebenselixier und er könnte niemals mehr ohne sie sein und würde alles für sie geben... Hatte das Meer der Zeit tatsächlich schon so sehr an ihrer Partnerschaft genagt, dass inzwischen alles ausgehöhlt und bedeutungslos geworden war? Aber jetzt gab es kein Zurück mehr...
Und Sylvia kam sich unglaublich heroisch vor, als sie vor Hermanns Augen noch rasch die hochhackigen goldenen Sandaletten in den Koffer warf und dann ohne einen einzigen Blick zurück zur Tür hinausstolzierte, genau wie in einem einem dieser schlechten Filme, die sie sich manchmal aus Langeweile angeschaut hatte, und sie wusste nicht, ob sie lachen oder heulen sollte. Aber egal. Das Leben ist nun mal kein Kafka-Roman, sondern meistens einfach nur ungeheuer trashig und kitschig und könnte so eher einem jener Hefte, die am Kiosk um die Ecke verkauft werden, entsprungen sein...

Sylvia trank ihre Milch leer, lächelte unter salzigen Tränen und drehte das Radio lauter. Musik war Seelenfutter. Genau, heute wollte sie in die Stadt fahren und ihr letztes Geld für diesen Monat in einen einfachen CD-Player investieren und in ein paar CDs, Gäa, Velvet Underground, Aphrodites Child, Janis Joplin, King Crimson, the Doors und so, jawohl, und Blumen wollte sie kaufen, um diese triste Wohnung endlich etwas hübscher zu gestalten... Und wenn sie sich vielleicht schon morgen entschließen sollte, doch wieder zu Hermann zurückzukehren? Auch egal! Einen eigenen CD-Player hatte sie sich eh schon lange gewünscht, und auch die Blumen würde sie ja in ihr Haus in Kornweiler mitnehmen können! Was sprach also dagegen?!

(...)

 

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