~ ° ~ * ~  ° ~ 30. September ~ ° ~ * ~ ° ~

 ~ Lindhorst, Olaf Koloman Ignaz ~

Leid, Schmerz und Angst – das alles ist nur die Vorhölle.
Die wahre Hölle ist die beklemmende Monotonie, die ausweglose, unentrinnbare Langweile.
Die wahre Hölle, das ist der Morgen, der sich bleich und fahl zwischen den Gitterstäben deines Fensters hindurchschiebt und auf deinem blankgeputzten Linolfußboden spiegelt, und du weißt, auch dieser Tag wird über dir hinwegschmelzen und vergehen, ohne dass irgend etwas passiert, was dich tief im Innersten berührt. Die Stunden werden kalt vorbeiwehen, und draußen, in jener anderen Welt, werden die Menschen lachen, weinen, streiten und sich wieder versöhnen, werden singen, buhlen und zechen, ohne dass auch nur ein Funke ihres erregten, pulsierenden Lebens dich in deiner tristen Abgeschiedenheit erreichen kann...
Olaf Koloman Ignaz starrte die Wand seiner Zelle an.
Seit fünf Jahren war er nun in der psychiatrischen Abteilung des St. Florian Heim asyliert. Fünf Jahre, in denen sich die endlosen Tage aneinanderreihten, ohne dass je etwas nennenswertes geschah. Fünf Jahre, die für ihn zu einer homogenen Masse aus graugekachelten Korridoren, Milchglastüren, Spritzen, dem Geruch nach Griesbrei und Desinfektionsmitteln und uniformen Menschen mit weißen Kitteln verschmolzen waren, da es keine Ereignisse gab, die es ihm erlaubt hätten, Meilensteine der Erinnerung in seinen Gedanken aufzustellen. Fünf Jahre im Labyrith der ermüdenden Eintönigkeit und Langeweile. Fünf Jahre, in denen er zum willenlosen Gehorsam dressiert wurde und zum Schweigen verdammt war. Fünf Jahre, in denen der Stumpfsinn mit plumpen, feuchten Fingern beständig nach seimem zerbrechlichen Geist griff und ihn zu zermalmen drohte.
Man wurde morgens wach und wusste nicht, warum. Die Stunden, die vor ihm lagen, bargen keine lustvollen Geheimnisse. Olafs Leben war zu einer Melodie geworden, aus der man alle Höhen und Tiefen hinausgefiltert hatte. Namenlose Dämmerung folgte auf namenlose Dämmerung.
Gewiss hatte er anfangs noch versucht, aufzubegehren. Aber wozu? Die anderen waren doch stets in der Überzahl. Kalte Fesseln hatten sich um seine Arme gelegt, Schmerzen sich in seine Gelenke gebohrt, tausend Tode war er gestorben in jenen verwüsteten Stunden in dem entlegenen Zimmer mit dem Schrank voll Dosen und Kanülen, und niemals waren die Hände, die sich ihm näherten, in gütiger oder freundlicher Absicht gekommen...
Schließlich hatte er sich damit abgefunden, hier eingesperrt zu sein. Denn der öde Gleichtakt des Daseins, das war nur der Preis, den er bezahlen musste für jene wundervolle purgatorische Nacht, als er die Fackel geschwenkt hatte und der Strand taghell erleuchtet war und er für einen kurzen Augenblick tatsächlich geglaubt hatte, das Mädchen mit dem leichenblassen Gesicht und dem styxdunklen Meeresblick könne den strahlenden Feuermantel tragen; damals, als die wilde, fiebrige Erregung durch seine Adern gebraust war wie goldene Lava, und als die faltige, vernarbte Haut der Zeit aufgebrochen war und ihm den Blick gewährt hatte in die Unendlichkeit und er begriff, tausendfach hatte er schon im Flammenkreis getanzt, aschfarben, mit fliegenden Haaren und loderndem Blick, unter seinen rasenden Füßen das zerborstene Rückgrat der Ignoranz, während die Wellen brausten und schäumten; ja, seit ewigen Zeiten schon war er der Gebieter über das Feuer der Pharaonen, in dem die Einhörner schliefen und gefräßige Schlangen sich wanden und Salamander spielten; er allein schlug in einer Welt jenseits von Zeit und Raum die Sanduhrtrommel zum Takt der Zerstörung und ewigen Wiederkehr...
Olafs Augen färbten sich blutrot. Feurige Ringe züngelten um die Pupillen. Salziger Schweiß strömte über seinen Körper. Er legte den Kopf in den Nacken und schrie. Es war ein rasender, unmenschlicher Laut. Ein stechender Schmerz traf ihn genau zwischen den Augenbrauen, als risse dort die Haut auf. Dann war alles vorbei.

Draußen auf dem Gang zuckte die junge Frau mit den blausträhnigen Haaren zusammen. „Boh, heftig! Scheiße, hab ich mich erschreckt! Was war das denn gerade?“
Ihr Begleiter, ein zierlicher, samtäugiger Jüngling, nickte ihr beruhigend zu. „Mach dir nichts draus. Das war Lindhorst. Ein Pyro. Der schreit ab und zu. Aber der ist harmlos, wirklich – zumindest hier bei uns... Doch, bestimmt,“ fügte er hinzu, als er ihr versunsichertes Gesicht bemerkte. „Da gibt´s wesentlich Schlimmere. Ich wäre froh, wenn alle so unkompliziert wären wie der.“
Esther versuchte ein scheues Lächeln. „Um ehrlich zu sein, mir ist das alles immer noch ein wenig unheimlich auf der Station. Ich bin froh, dass ich fast nur unten in der Küche zu tun hab. Euch Zivis beneide ich echt nicht. Und ich hab verdammt großen Respekt davor, was ihr hier leistet.“ Sie wandte sich zum Aufzug und winkte dem jungen Mann zu. „Also, wir sehen und dann nachher in der Mittagspause, O.K.?!“

Olaf Koloman Ignaz Lindmann lag auf seinem Bett und grinste hohl. Für heute war sein Lebenswille zu einem winzigen Häufchen Seelenkohle heruntergebrannt, gleichmütig wollte er den freudlosen Tag ertragen, doch tief, tief in ihm drin schwelte die Glut noch immer. Und irgendwann, davon war er überzeugt, irgendwann würde er wie Phoenix aus der Asche auferstehen; er würde erneut am Strand stehen und die Fackel schwenken, und diesmal würde es ihm gelingen, dem Mädchen den rotsamtenen königlichen Flammenmantel umzulegen und so im stiebenden Funkenregen den furiosen Tanz in den Rachen des Untergangs einzuläuten... Aber das war sein Geheimnis. Nie würde er den anderen erzählen von jenem Fegefeuer, das durch seine düsteren Träume glühte und wallte und das, wenn der Vollmond sich in seinem Haar verfing, zu einer Flammensäule aufstieg und ihn zum heimlichen Herrscher über die Zeit krönte, ihn, den Träger des Dreizacks und des Tigerfells... Nein, nein, das durfte niemand wissen. Die anderen Menschen würden doch nur sein Geheimnis beschmutzen und entweihen, den Zauber aus seinen Träumen herausprügeln – genau so, wie sie durch ihren Argwohn und ihre höhnische Überlegenheit bereits seinem siechen Alltag jeden Stolz und jede Würde geraubt hatten... 

(...)

 

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