~ ° ~ * ~ ° ~ 24. September ~ ° ~ * ~ ° ~

~ Nadine ~

Nadine und Ruth saßen nebeneinander auf der hölzernen, moosbewachsenen Bank beim Reitplatz und schauten zu, wie Mayflower, eines der Jungpferde, longiert wurde. Fern am Horizont dämmerte es bereits. Die Luft schmeckte kraftvoll nach aufgebrochener Erde. Ein Tigerkätzchen tobte einigen herbstbunten Blättern hinterher, die über den Boden wehten und schlug so wild nach ihnen, als ob es gegen einen gefährlichen Drachen kämpfte. Eine Libelle surrte vorbei. Längst kamen Nadine ihre Ängste von gestern albern und kindisch vor, und niemals, das hatte sie sich geschworen, niemals sollte Ruth oder Esther sonst irgend jemand hier erfahren, daß sie voller Panik die Trainingsstunde mit Ikarus abgebrochen hatte und anschließend sogar wie eine Verrückte quer über die Straße gesprintet war.
"Klasse Bewegungen!" Anerkennend deutete Nadine auf Mayflower, auf deren Brust und Flanken sich bereits die ersten schaumig-weißen Schweißflecken bildeten. "Voll raumgreifend. Und, hey, wie die jetzt schon hinten untertritt - perfekt!"
Ruth nickte. "Stimmt, das wird mal ein super Dressurpferd. Ich hab neulich mit ihr gearbeitet, Anselms hatten keine Zeit, und ich war einfach nur begeistert, wie aufmerksam sie bei der Sache war. Ich hatte den Eindruck, es macht ihr richtig Spaß, etwas Neues zu lernen!"
„Ein Trakehner, ne? Oder zumindest ein Trakehner-Misch?“
„Kann gut sein,“ bestätigte Ruth. „In ihren Papieren ist sie als Deutsches Reitpferd eingetragen, aber ich denke auch, dass da einigs vom Trakehner drin ist – schon allein der extrem schmale Kopf spricht dafür.“ Dann wechselte sie unvermutet das Thema. „Übrigens, ich muß dir was ganz Verrücktes erzählen! Du ahnst ja nicht, was ich heute schon erlebt habe..."
"Hmmja?!" Nadine beobachtete träge, wie die Hufe des Pferdes rhythmisch Staub aufwirbelten. Allmählich wurden die Schatten des Stallgebäudes länger. Ruth beugte sich zu ihr herüber. "Heute morgen, als ich Melusine von der Weide geholt habe und in den Stall bringen wollte... Stell dir vor, da lag ein fremder Mann in ihrer Box!"
"Was?! Das gibt’s doch nicht!" Nadine fuhr hoch. Die Peitschenschnur zischte in Form einer rollenden Welle durch die Luft, und Mayflower galoppierte los.
"Doch, ehrlich!“ erklärte Ruth. „Glaub mir, ich bin aus allen Wolken gefallen! Im ersten Moment dachte ich sogar, es wäre eine Leiche, weil er sich überhaupt nicht bewegt hat, aber dann haben seine Augelider so komisch geflackert und ich merkte, daß er nur schlief."
"Ach du Schreck! Wer rechnet denn mit so was?!“
"Na, ich bin natürlich fast eingegangen vor Angst, ganz alleine auf dem Hof mit dem Typen, mein einziger Gedanke war immer nur, Mist, was mache ich, wenn das irgendein Irrer aus dem St. Florian ist und der jetzt Amok läuft’...“
Nadine lauschte gebannt. „Klar, das hätte ich wahrscheinlich auch gedacht – gerade, weil das St. Florian auch ganz in der Nähe ist...“
„Eben. Und besonders vertrauenserweckend sah der wirklich nicht aus, lange Haare, verschmiertes T-Shirt, und neben ihm lag eine ziemlich ramponierte schwarze Samtjacke...“
Unwillkürlich erschauerte Nadine. „Boh, krass. Und dann, wie ging´s weiter?“
Ruth lächelte verlegen. "Naja, ich selbst wäre wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit so stehengeblieben und hätte den Kerl einfach nur angestarrt, aber zum Glück war Melusine etwas entschlußfreudiger als ich, oder sie wollte endlich ins Trockene, auf jeden Fall hat sie sich einfach losgerissen und ist schnurstracks in ihre Box marschiert!"
"Nein! Einfach so – zu dem Mann?!“
„Ja, und du wirst es nicht glauben: Der Kerl wachte auf und fragte als erstes, wieviel Uhr es ist, und als ich sagte halb acht, meinte er ganz erleichtert, na, so ein Glück, dann schaff ich´s ja noch pünktlich in mein Hoffmann-Seminar!"
"Wie? Das kapier ich nicht."
"Der vermeintliche Bösewicht war einfach nur ein ganz normaler Student, der am Abend vorher wohl ein Gläschen zu viel getrunken und sich anschließend auf dem Nachhauseweg verirrt hat!“
„Nee! Echt heftig! Wo wollte der denn hin?“
„Lach nicht: In die Oststadt.“
„Unglaublich! Das ist doch meilenweit entfernt!“
„Schon! Aber ansonsten, wirklich, ich konnt´s kaum fassen, ein total gutezogener und höflicher junger Mann! Ich hab ihn erstmal ins Haus geholt, damit er duschen konnte, und danach haben wir sogar noch zusammen gefrühstückt."
"Ihr...“ Nadine schüttelte den Kopf. „Nein, Ruth, ich fass es nicht!"
„Was denn?! Wie gesagt, ein ausgesprochen sympathischer Mensch, früher hätte man gesagt, ein richtiger Gentleman, trotz langer Haare und so, hat sich ununterbrochen bei mir entschuldigt; und ehe er gegangen ist...“
„Ein Gentleman auch noch! Ruth, hast du noch nie was von Jack the Ripper gehört?!“ Nadine war fasziniert und entsetzt gleichermaßen.
„... eigentlich wollte er mir ja unbedingt Geld geben,“ fuhr Ruth fort, „Aufwandsentschädigung für den unnötigen Schrecken, hat er gesagt, aber dann hat sich herausgestellt, dass er auch seinen Rucksack samt Portemonaie unterwegs verloren haben muß, der Spinner, und da hat er mir zumindest das hier noch aufgedrängt.“
"´ne angebrochene Packung Fisherman´s?!"
"Hmm, das war alles, was er überhaupt noch dabei hatte... Hier, ich schenk´s dir! Ich weiß doch, wie süchtig du nach dem Zeug bist!"
Nadine lachte: „Na, zumindest hat Jack the Ripper meinen Geschmack!“

(...)

 

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