~ ° ~ * ~ ° ~ 23. September (Fortsetzung) ~ ° ~ * ~ ° ~

~ Sylvia ~

Die Rolläden heruntergelassen. Cognacflecken auf dem Kopfkissen. In der Nachbarwohnung schreit schon seit einer halben Stunde ein Kind. In der Spüle stapeln sich ungewaschene Kaffeetassen. Mitten auf dem Küchentisch die angebrochene Großpackung Binden, die man nicht wegzuräumen braucht, weil eh kein Besuch kommt, vor dem man sich deswegen schämen müsste. Auf dem Nachttisch und dem Boden zahllose Zeitschriften und Bücher, Relikte aus jenen ersten Tagen in der Kasernenstraße, als es Sylvia noch gelegentlich gelungen war, sich in Momenten von akutem Optimismus selbst zu belügen - Ich bin eine selbstbewusste alleinstehende Frau. Ich werde jetzt genügend Zeit und Muße haben, all das zu tun, was ich schon immer wollte. Ich werde mein Alleine-Sein genießen und voll auskosten. Ich werde all die Bücher lesen, die mich schon lange interessierten und mich endlich weiterbilden in Literatur und Philosophie. Vielleicht werde ich auch Kurse an der Volkshochschule belegen; oder ich kann mich als Gasthörerin an der Uni einschreiben. Zwischendurch werde ich ausgedehnte Spaziergänge unternehmen und gelegentlich mal schwimmen gehen...
Sie hatte nie mehr gelesen hatte als die ersten Zeilen. All ihre hochfliegenden Pläne wurden vom Gleichtakt der ereignislosen Tage erdrückt. Kummervolle Lethargie bestimmte ihr Leben. Das ersehnte Alleine-Sein war in qualvolle Einsamkeit umgeschlagen. Jede Stunde türmte sich vor ihr auf wie ein gewaltiger Berg, den zu bezwingen sie sich kaum in der Lage fühlte...
Wozu lesen, wenn es doch niemanden gab, mit dem sie würde darüber sprechen können? Wozu rausgehen, wenn sie doch unterwegs an nichts anderes würde denken können als an die Leere in der Wohnung, die ihr entgegenschlug, sobald sie zurückkehrte?
Niemand hatte sie besucht, seit Sylvia in der Kasernenstraße lebte. Die Menschen auf der Straße schienen regelrecht durch sie hindurchzuschauen, ohne sie überhaupt wahrzunehmen. Gesichter schwommen täglich an ihr vorbei und waren alle gleich – gleich fremd. Manchmal fragte Sylvia sich, ob sie überhaupt tatsächlich existierte, oder ob ihr eigenes Sein nicht bloß eine traurige Illusion war, von niemandem bemerkt außer von ihr selbst...
Wenn Sylvia einkaufen ging, wählte sie grundsätzlich die Kasse mit der längsten Warteschlange, um so zumindest wenige Minuten länger beschäftigt zu sein und der Langeweile zu entfliehen. Sie kaufte zahllose Fertiggerichte, als Vorrat für künftige Zeiten, wenn sie glücklich und vielbeschäftigt von einem interessanten Termin zum nächsten eilen würde und keine Zeit zum Kochen haben würde, und wusste doch, dass ihr Leben nie diesen Glanz erfahren, das diese Zeit nie kommen würde.
Sie schlief bis Mittags um 12, wie sie es früher gerne hin und wieder zu tun pflegte, wenn Hermann auf einer mehrtägigen Geschäftsreise war, sie gammelte den ganzen Tag im Morgenrock vor sich hin und ernährte sich von Schokokeksen und Kaffee mit Rum. Doch das alles bereitete ihr keine Freude mehr. Es war ein verdammt großer Unterschied, ob man einen einzelnen Tag auf diese Weise verbrachte, heimlich, als verwegene kleine Rebellion gegen die bürgerliche Routine täglicher Pflichten, oder ob die träge, schleppende Dekadenz selbst zur lustlosen Routine wurde. Bereits beim Aufwachen fürchtete Sylvia sich, weil sie nicht abzuschätzen vermochte, was der kommende Tag an möglichem Leid bereithalten könnte... Der erste Gedanke galt stets dem eigenen unstillbaren, allgegenwärtigen Kummer. Bonjour Tristesse!
Sylvia wünschte, sie könne ihr Herz durch immerwährende Beschäftigung von ihrem Schmerz ablenken, doch ihr fehlte die Kraft, sich aufzuraffen. Jeder Gedanke war ein furchtbarer Abgrund, ein Martyrium.
Und dann hatte sie es nicht mehr ausgehalten. Hatte versucht, Hermann anzurufen. Wollte ihn bitten, nein, anflehen, zu ihm zurückkehren zu dürfen. Alles hätte sie darum gegeben, sie wäre bereit gewesen, ihm seine Wünsche von den Augen abzulesen, jede Gleichgültigkeit, jedes Desinteresse zu ertragen, nur um endlich nicht mehr so alleine zu sein. Tatsächlich hatte er beim dritten Klingeln abgehoben. Er wirkte etwas hilflos, erschüttert, beinahe überfordert damit, plötzlich eine hysterisch schluchzende Sylvia am Telefon zu haben. „Wer... was... Oh, du bist´s, mein Honey. Gott, was ist los? Ist irgendwas passiert?“ Zusammenhanglos hatte sie versucht, ihm die Last der einsamen Tage, ihre Sehnsucht, die sie regelrecht zu zerreißen drohte, ihre Angst vor jedem weiteren Erwachen ohne ihn, zu schildern. Konnte zwischendurch vor Tränen kaum weitersprechen. Er seufzte. „Also... Ich versteh zwar nicht so ganz, um was es geht, aber ja doch, ich sehe ein, daß es sehr wichtig ist für dich mein Schatz... Ja, natürlich können wir darüber reden. Aber sorry, Honey, du, da ist ein Kunde aus Übersee, der jeden Moment hier anruft, warte... Ist es O.K., wenn ich mich nachher noch mal melde? Es ist doch nichts Dringendes bei dir, oder?! Na also, bis später, ja?! Ciao!“
Und Sylvia saß da, mit dem Hörer in der Hand, und hatte das Gefühl, als habe man gerade ihre letzte Verbindung zur Außenwelt abgeschnitten. Sie zitterte am ganzen Körper. Hermann... Seine Stimme, so vertraut und doch so weit entfernt...
Nein, um nichts in der Welt würde sie sich jetzt erneut ihren qualvollen Gedanken hingeben. Sie wollte warten. Warten, bis Hermann anrief, sonst nichts. Sylvia legte sich ins Bett und starrte die Wand an. Nichts denken, nichts fühlen... Der Wecker tickte die Sekunden hinweg. Nichts geschah. Selbst Hoffnung, Verzweiflung oder Langeweile konnte Sylvia jetzt nicht mehr empfinden. Alles in ihr war wie ausgelöscht. Sie gab sich ganz der tröstlichen Monotonie hin. Wenn Hermann sich nicht mehr meldete, würde sie halt für immer hier liegen bleiben... Auch egal. Die Welt hatte sie enttäuscht, hatte sich von ihr abgewandt, hatte ihr nur schale, talgige Tage serviert, als Sylvia danach strebte, den Nektar des Daseins zu kosten... Nein, sie gehörte nicht mehr hierher, war eine Fremde... Und war es nicht besser, in einem Zustand völliger Emotionslosigkeit gleichmütig langsam dahinzudämmern, als sich in einem kräftezehrenden Kampf um das eigene Glück, bei dem man doch nur würde verlieren können, selbst zugrunde zu richten?
Allmählich fielen ihr die Lider zu, und sie sank in einen unruhigen Schlummer. Seltsame Bilder zogen durch ihre Gedanken, sich stetig drehende Räder und ein Karussell mit aufwendig verzierten weißen Pferden, tigeräugige tanzende Nixen im Sonnenuntergang, die Leiche eines jungen Mädchens mit verbrannten Gliedmaßen und einem nassen Kleid, ausgenommene Fische, ein Flussbett, das ausgetrocknet ist, so das der Mond sich nicht mehr darin spiegelt; Sylvia wusste selbst, dass sie träumte, und sie erinnerte sich sogar noch, dass Hermann sie früher immer um ihre intensiven, buntbebilderten Träume beneidet hatte, „das ist ja wie im Kino, ohne dass man Eintritt bezahlen muss,“ hatte er einmal scherzhaft gesagt, und Sylvia hatte gelacht und geantwortet, „nein, eben nicht, im Kino kann man sich aussuchen, welchen Film man sehen will“; und dann wieder, ein phososphorheller Funkenregen über dem Meer, aber vielleicht war es auch nur ein Feuerwerk, Schlangen winden sich in Schlick und Treibsand, Lilien, Runkelrüben und eine schwarze Amphore, papierne Türhüter heben warnend die Hand und geben dann den Weg fei zum Land der Pharaonen, ein Changeling hält in seiner feingliedrigen Hand ein Chamäleon; zwischendurch schreckte Sylvia kurz auf und war unsicher, ob nicht gerade das Telefon geläutet hatte, aber sie war viel zu träge, um deswegen aufzustehen, und dann befand sie sich plötzlich in einer Sumpflandschaft, es roch nach Moder und Verwesung, große, ölige Blasen stiegen aus der schwarzen Erde auf, Fliegen surrten träge, überall wucherten Farne und Sumpfschachtelhalme, eine Hydra hob ihren schleimigen, feuchtgefiederten Kopf, und da waren Felsen aus rotem, weißem und schwarzem Gestein, und darin eine Grotte, in der eine Frau kauerte, in Felle gehüllt, mit einem gnomenhaften, rußverschmierten Gesicht, bernsteinfarbenen Augen und langen, verfilzten Haaren, sie nährte ein Feuer, und trotzdem, etwas seltsam Bedrückendes lag über der gesamten Szenerie, als ob irgend eine furchtbare Gefahr hier lauerte, unsichtbar und doch allgegenwärtig, jemand schien sie zu beobachten und sich heimlich an ihrer Furcht zu ergötzen, dunkle Schatten rollten gleich Wellen über den Boden, und dann war da plötzlich dieses Schloß, und Sylvia dachte, hier muss der Prinz wohnen, der mich vor der Bedrohung rettet, und im nächsten Moment sah sie die Feuerströme, die von den Berghängen herabströmten, glühende, brodelnde Bäche, die alles verschlangen, sie wollte fortlaufen und merkte, dass sie sich nicht bewegen konnte, und dann tauchte plötzlich ein Einhorn auf und rieb seinen großen, lilienweißen Kopf an Sylvias Schulter, und obwohl Sylvia wusste, dass sie verloren war, fühlte sie sich mit einem Mal beschützt und getröstet. Die Frau an der Feuerstelle lachte schallend.
Sylvia erwachte und sah, dass die Anzeige des Anrufbeantworters blinkte. Hermann! Sie sprang auf, stolperte über den Waschkorb und stürmte zum Telefon. Die Zeit, bis die Kassette des Anrufbeantworters zurückgespult hatte, erschien ihr endlos. Ungeduldig trat Sylvia von einem Fuß auf den andren und knetete ihre schweißnassen Hände. Dann ertöte eine Stimme, blechern, verzerrt und ihr eindeutig unbekannt: „Guten Tag, wir sind von der Atlantis-Filmgesellschaft und möchten Sie bitten, sich an unserer Unfrage über Kinogewohnheiten zu beteiligen. Unter den Teilnehmern werden zehn Eintrittskarten für den Undine-Film verlost. Das weiteren möchten wir Sie informieren über unsere neuesten Angebote, beispielsweise den Friends ´n Fun-Geschenkgutschein...“
Am liebsten wäre Sylvia in Tränen ausgebrochen. Verdammt, warum rief Hermann nicht zurück?! Ein geschäftliches Telefonat konnte doch beileibe nicht so lange dauern! Was war nur los? Aber möglicherweise hatte er es ja einfach nur vergessen im Sog der Pflichten... Vielleicht wäre es am Besten, sie versuchte noch einmal, ihn zu erreichen... Und da meldete sich plötzlich, noch zaghaft, aber dennoch unüberhörbar, ihr längst begraben geglaubter Stolz zurück, und trotzig biß Sylvia sich auf die Lippen. Von wegen! Sie würde es nicht nötig haben, Hermann hinterherzulaufen und ihre Verzweiflung, ihre Einsamkeit offen und schutzlos vor ihm auszubreiten! Sie war nicht sein Schatten, nicht seine Gallionsfigur im Ausverkauf, nicht sein Seelensubstitut, sie war nicht sein Wandelstern und nicht eine fehlerhafte Kopie seiner Träume, das sollte er jetzt endlich zu spüren bekommen! Nein, sie würde sich nicht seinen Utopien von einer funktionierenden Partnerschaft unterwerfen! Schon seit über drei Wochen ertrug sie dieses Dasein und war noch nicht daran zugrunde gegangen – da würde sie es auch noch ein paar Tage länger aushalten. Ja, sie könnte nächste oder übernächste Woche noch einmal anrufen, aber nicht heute, nein, gewiss nicht heute, zuerst einmal soll er leiden, so, wie sie gelitten hatte...
Sie schaltete das Radio an und tanzte zum Immigrant Song von Led Zeppelin den Wänden all ihre Wut entgegen:

We come from the land of the ice and snow,
From the midnight sun where the hot springs blow.
The hammer of the gods
Will drive our ships to new lands,
To fight the horde, singing and crying:
Valhalla, I am coming!

(...)

 

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