AtlanticVisionCinemaIsland - Part 6

 

~ ° ~ *  ~ 23. September (Fortsetzung) ~ * ~ ° ~

~ Randy Ray ~

Randy Rays Wecker hatte um acht Uhr geklingelt und Ray erinnerte sich während er aus dem Schlaf emporschwamm vage, irgendwas vom Meer geträumt zu haben, von mächtigen Galeonen mit prachtvoll verziertem Bug, von Piratenschätzen in finsteren Grotten, von gewaltigen Feuersbrünsten, von Wellen, die gleichmütig über den Sand rollten und davon, daß er zum Schluß ganz alleine an einem menschenleeren Strand gesessen und auf irgend etwas Großartiges, Wunderbares gewartet hatte, das dennoch unwiderbringlich verloren war. Noch im Liegen zündete er sich eine Gauloises an. Draußen rauschten die Autos vorbei, ein paar Straßen weiter jaulte eine Sirene, es roch nach Benzin und angebrannter Milch, im Badezimmer seiner WG pfiff jemand My Bonny is over the Ocean vor sich hin, so falsch, daß es in den Ohren weh tat, und irgendwer schimpfte, es sei eine Schande, wie sogar der Flur zugemüllt ist und daß es mal wieder keiner auf die Reihe kriegt, seine Telefon-Einheiten korrekt in die Liste einzutragen. Dann knallte die Haustür. Scheiße. Gleich also „Geschichte der frühen Neuzeit“ bei der Sonn. In wenige Zeilen und abstrakte Theorien gepresste menschliche Schicksale. Ray überlegte, ob er wirklich hingehen sollte und stellte fest, daß ihm dazu kein zwingender Grund einfiel. Letztendlich war es gleichgültig, ob er sein Seminar besuchte oder nicht. So, wie eigentlich alles gleichgültig war. Die Welt würde nicht aufhören sich zu drehen, wenn er zu Hause blieb, und auch sein eigenes Leben würde in keiner Weise erfreulicher werden, nur weil er heute in zur Uni ging. Für die Gesamtheit des Seins hatte die Tatsache, ob er dort anwesend war oder nicht, keinerlei Bedeutung. Ray drehte sich schläfrig auf den Rücken. Sollte er also zu Hause bleiben? Nein, entschied er, das war auch keine Lösung. Der Tag war zwar eh schon seltsam schäbig und sinnlos, ehe er überhaupt richtig begonnen hatte, aber wenn er jetzt liegenbliebe, hätte er später ein schlechtes Gewissen, und dann würde er sich erst recht miserabel fühlen. Was für eine seltsame Erfindung, grübelte Ray, so ein Gewissen, das einen daran hinderte, sich wohlig dem Leben hinzugeben, ohne Ehrgeiz und Ziel, einfach träge schwimmend im gemächlichen Strudel des Seins, sondern das immer wieder anspornte zu Taten, die im Grunde genommen weder einen besonderen Sinn hatten, noch dazu beitrugen, daß man selbst sich wohler fühlte... War es da nicht das beste, sich beizubringen, dieses Gewissen systematisch abzuschalten, etwa so, wie man einen Radioapparat abschaltet? Einfach lernen, zu vergessen... Ray erhob sich und zog sich ein T-Shirt über den nackten, schmalen Oberkörper. Welche Bedeutung, sinnierte er vor sich hin, mochte all sein Tun dann überhaupt haben, wenn es kein Ziel gab, zu dem das Gewissen ihn hindrängen sollte? Gähnend kratzte er sich am Rücken und rieb sich die seeblauen Augen. Wahrscheinlich gibt es keinen Sinn. Letztendlich ist alles nichtig. Egal, ob er heute seine Vorsätze ausführt oder nicht - es würde sich nichts ändern, weder in seinem eigenen kleinen Dasein, noch sonstwo auf der Welt.. Das Konstrukt eines angeblichen "sinnvollen" Tagesablaufes ist nur dazu da, sich selbst Sicherheit zu geben und sich vor Zweifeln wie diesen zu schützen, indem man sich einreden kann, es sei wichtig, etwas Bestimmtes zu tun und man dürfe keinesfalls etwas anderes machen. Das ganze soziale Leben basiert auf einer kollektiven Lüge, die uns zwar einengt und uns keinesfalls glücklich macht, aber die dennoch die einzige Möglichkeit ist, die eigene Existenz zu ertragen... Denn wenn wir uns tatsächlich darüber bewußt wären, wie sinnlos alles ist, würde uns die Absurdität des Seins irgendwann in den Wahnsinn treiben.
Er tappte in die Wohnküche. Auf dem Sofa lag Kike, im pinkfarbenen Rüschen-Pyjama mit aufgedruckten Engelchen, die zierlichen Füße in großen flauschigen Tigerpuschen, und schaute sich eine Wiederholung der „Sendung mit der Maus“ an. Dabei löffelte sie Müsli, während neben ihr im Aschenbecher eine Kippe vor sich hinqualmte. Die sonnenblumengelb gefärbten Haare hatte sie im Nacken zusammengebunden.
„Na, so früh schon auf?“ Ray gähnte und überlegte, ob er heute zufällig irgendwie depressiv war. Nein, stellte er fest, im Grunde genommen waren es die gleichen Gedanken, die er jeden Morgen hatte. Offenbar neigte er in letzter Zeit dazu, nach dem Aufstehen zu philosophieren und sich existentiellen Sinnfragen zu widmen, und das Ergebnis fiel immer sehr trübsinnig aus. Wenn diese Gedanken sich im Laufe des Tages verflüchtigten, war´s O.K. Kike streckte genervt die gepiercte Zunge heraus. „Voll der Mist. Um halb fünf bin ich plötzlich wach geworden und konnte nicht mehr einschlafen, frag mich nicht, warum.“
„Wer ist denn da im Bad? Mein Gott, das Gepfeife ist ja furchtbar.“
„Gina. Die Neue von Boris. Die duscht echt ewig. Schimmel hat sich deshalb schon an der Spüle die Zähne geputzt.“
„Mannomann,“ Ray warf einen angewiderten Blick auf die Spüle, wo zwischen Bergen von Tassen, Tellern und Töpfen mit angekrusteten Essensresten eine schmierig-bräunliche Brühe vor sich hindümpelte, „Schimmel ist echt hart im Nehmen, oder?!“
„Da guck mal,“ Kike wippte auf dem quitschenden Sofa auf und ab. „Jetzt erklären sie, wie Gummibärchen hergestellt werden! “
„Ah ja.“ Randy Ray interessierte das herzlich wenig. Das penetrante Pfeifen schien noch lauter geworden zu sein. „Wie lange will die denn noch das Bad blockieren? Ich kann ungewaschen nicht rausgehen.“ Er zündete sich eine neue Zigarette an, mußte prompt husten, stellte fest, daß er zu viel rauchte und sah aber auch keinen triftigen Anlaß, die Zigarette wieder auszudrücken, also nahm er noch einen Zug. „Egal, ich setz schon mal Kaffee auf. Magst Du auch einen?“
Kike schüttelt den Kopf. „Kaffee ist alle. Bis auf den letzten Krümel. Schimmel hat vorhin auch schon getobt wie ein Stier deswegen.“
„Kein Kaffe?! Ey, das gibt´s doch nicht! Wie soll ich denn so in mein Seminar – ungeduscht und ohne Kaffee... Das ist ja wohl nur noch Mist hier.“
Kike lachte schelmisch. „Jetzt wirst du latent aggressiv!“
„Mann, ich werd hier gleich noch was ganz anderes! Boah, wenn ich den erwische, der den letzten Kaffe weggetrunken und keinen Nachschub besorgt hat, ich könnte ihn... Und diese dumme Tussi im Bad soll demnächst zu Hause ihre Show abziehen!“ Abrupt faßte Ray einen Entschluß. „Das bringt doch alles nichts. Ich bin sowieso viel zu spät dran, und ehe ich mich weiter aufrege... Ich geh wieder pennen.“ Er verspürte mit einem Mal eine unwiderstehliche Sehnsucht nach seinen Bett; danach, sich tief unter die Decke zu kuscheln, den Alltag mit all seinen kleinen Widrigkeiten auszuschließen wie einen ungebetenen Gast, die klebrigen Tentakel der Gedanken aus seinem Gehirn zu lösen und langsam hinüberzugleiten in den erlösenden Schlaf...
„Och Mööönsch!“ Kike zog eine Schnute. „Bleib doch hier. Mir ist so langweilig. Ich hab kein Bock, nur allein rumzuhängen.“
„Und was sollen wir dann machen?“
„Irgendwas... Wir könnten zum Beispiel rausgehen. Vielleicht ins Rex Lacerte , die haben seit Neuestem auch unter der Woche Frühstück, mit Kaffee und frischen Brötchen und so.“
Ray zuckte lustlos die Schultern. „Na und? Was bringt das?“
„Weiß nicht...“
„Eben. Ich auch nicht. Kostet doch nur unnötig Geld. Brötchen kannst du dir auch an der Tanke holen, wenn du so wild drauf bist.“
„Aber wir könnten uns wenigstens zusammen die Sendung mit der Maus anschauen.“
„Ach was.“ Ray winkte ab. Die Traurigkeit verwickelte ihn jetzt immer tiefer in ihr filigranes Netz, und er dachte nur noch daran, wie er dieser bedrückenden Melancholie schnellstmöglich entrinnen konnte.

Als er wieder erwachte war es bereits zwei Uhr Nachmittags und Randy Ray stellte resigniert fest, daß er sich mindestens genauso elend fühlte wie zuvor. Den Rest des Tages verbrachte er damit, auf dem Rücken zu liegen, die Arme unter dem Hinterkopf verschränkt, und aus dem Fenster zu schauen und sich der Vorstellung hinzugeben, daß die Dächer und die Kronen der wenigen Bäume in dieser Straße der Himmel seien und der Himmel seine eigentliche Welt. Dann wurde es dunkel. Am Hotel Vineta gegenüber ging die Leuchtreklame an und zeichnete ein verwaschenes blaues Muster auf Rays Bett. Scheiße. Schon wieder einen Tag nur rumgegammelt, ohne irgendwas vernünftiges auf die Reihe gekriegt oder zumindest ein bisschen Spaß gehabt zu haben, unbemerkt waren die Stunden vorbeigezogen und am Ende des Lebens würde man dastehen und sich fragen, warum man nicht mehr aus seiner Zeit gemacht hatte und all diese sinnlos vergeudeten Momente bereuen, bereuen, aus tiefster Seele bereuen.... Ray öffnete das Fenster, der Geruch von Abgasen und frisch gemähtem Gras wehte zu ihm herauf, die Straßenlaternen bildeten eine triste Lichterkette und drei Stockwerke unter ihm hupte ein Bus, er hörte die soeben ausgestiegenen Passagiere reden und eine Frau lachte schrill, ehe sie sich allmählich entfernten und ihre Stimmen verklangen und Ray dachte nur Ich will jetzt nicht alleine sein, verdammt.
Schimmel, sein Mitbewohner, der mit der indianischen Weste und dem Job bei Aldi, lümmelte in der Wohnküche träge auf dem Sofa, hatte seine Füße auf den Tisch gelegt, löffelte kalte Ravioli direkt aus der Konservendose, griff gelegentlich nach seiner Flasche Bier und starrte gelangweilt in den Fernseher. Offenbar lief gerade eine Talkshow. Über den staubigen Bildschirm flackerte, gelegentlich sekundenlang unterbrochen von grauen Störungsstreifen, eine Gruppe Menschen, die sich in der Sitzecke eines Studios versammelt hatten. Ray ließ sich neben ihn fallen. „Wie war´s bei Aldi?“
„Wie immer. Heute haben wir Bohnendosen sortiert. Acht Stunden lang.“
Ray nickte mit dem Kopf in Richtung Fernsehapparat. "Läuft was Korrektes in der Glotze?"
Desinteressiert zuckte Schimmel die Schultern. "Keine Ahnung. Aber die reden schon seit Stunden über Gruppensex!"
"Geil!" Ray warf einen flüchtigen Blick in die Programmzeitschrift und stellte fest, daß die Sendung erst vor zehn Minuten begonnen hatte. Wahrscheinlich war Schimmel mal wieder komplett breit.
Festgetretene Spaghettireste im Teppichboden, vor allem im näheren Umkreis des Herdes, dazwischen überall Brandlöcher und Flecken. In den Ecken des Zimmers und unter dem Regal Staubflocken. Das obligatorische Che-Guevara-Bild an der Wand, daneben das Poster, wo Frank Zappa auf dem Klo hockt, und über der Spüle eine DDR-Fahne. Am Kühlschrank vergilbte Postkarten. Auf dem Tisch eine angebrochene Packung Schokolade und ein überquellender Aschenbecher, ein Glas mit abgestandenem Wein, auf dem bereits eine ansehliche Staubschicht schwamm, mehrere Asterix-Hefte, ein mit Kaffeerändern verziertes Buch über Quantenphysik, ein angefaulter Apfel, Werbebroschüren, ein Quelle-Katalog, auf dessen Titelblatt irgendwer diverse Telefonnummern notiert hatte, Haarklemmen, Feuerzeuge, eine verbogene Kerze, Schachfiguren, eine Schale mit uralten Walnüssen und zahllose andere Kleinigkeiten. Der Mülleimer gehörte längst geleert. Die einst fast bis zur Decke reichende Yucca-Palme war bereits an Wassermangel eingegangen. Niemand hatte sich seitdem die Mühe gemacht, sie zu entfernen. Auch die Grünpflanzen auf der Fensterbank kümmerten ziemlich eingetrocknet vor sich hin. Ray erinnerte sich dunkel, daß es Monate her sein mußte, seit er das letzte Mal daran gedacht hatte, sie zu gießen, und er vermutete, daß seine Mitbewohner sich diesbezüglich ebenso wenig verantwortlich fühlten wie er selbst. Auch die regelmäßige Fütterung mit ausgedrückten Kippen schien ihnen nicht allzu gut zu bekommen. Das einzige Gewächs, das hier von allen sorgsam gehegt und gepflegt wurde und deshalb auch prächtig gedieh war Kikes Cannabis-Staude. In der Spüle stapelte sich dreckiges Geschirr und gammelte behaglich vor sich hin. Ray glaubte, noch nirgendwo sonst solch einen hohen, umfangreichen Geschirrberg gesehen zu haben. Seine WG brach mal wieder alle Rekorde! Fast schon Turmbau zu Babel, irgendwie. Ray fragte sich, wie lange es noch dauern mochte, bis dieses Gebilde aus richtiggehend kunstvoll ineinander verschachtelten Elementen wohl letztendlich zusammenstürzen würde und fand, daß solch ein Bild doch auch zu einer sehr kreativen, neuzeitlichen Bibel-Interpretation anregen konnte: Der gewaltige Turm, welcher fast schon bis in den Himmel ragt, wird nicht im alten Babylon, sondern in Brackstadt von einer total chaotischen Wohngemeinschaft errichtet und besteht ausschließlich aus zu spülenden Küchenutensilien. Irgendwann bekommt die WG deshalb Streit, und jeder schreit so lange die Namen derjenigen Mitbewohner, die er als fürs Saubermachen zuständig erachtet, bis man sich überhaupt nicht mehr verständigen kann und das Gefühl hat, unterschiedliche Sprachen zu sprechen und wütend auseinandergeht.
Die Tür öffnete sich und Jule trat ein, schleuderte ihren Rucksack in die Ecke, grüßte kurz, "Sachma, is´ hier heut´n Fest?!", warf sich auf einen Sessel und öffnete eine Bierdose.
"So was ähnliches! Na, du Fleißige, wart ihr bis jetzt schwimmen?"
Jule nahm einen tiefen Schluck, rülpste und verzog mißmutig das Gesicht. "Nee, nicht wirklich! Bis zu Chrissi und Alice hab´ ich´s immerhin noch geschafft, aber statt ins Schwimmbad zu gehen sind wir irgendwie versumpft und haben den Nachmittag damit verbracht, uns die Lungen schwarz zu rauchen und dabei unser Elend über die Welt in Kaffee mit Wodka zu ertränken."
"Tüchtig, tüchtig!" ließ Ray sich vernehmen.
"Hat jemand für mich angerufen, während ich weg war?"
Gleichzeitig schüttelten Ray und Schimmel die Köpfe.
"Echt? Auch Theo nicht? Scheiße!"
"Vergiß den Kerl doch endlich! Wer so ´ne miese Tour bringt ist es nicht wert, daß du ihm derart hinterhertrauerst!"
"Ja, ich weiß, das gleiche hat Chrissi vorhin auch schon gesagt!"
„Der Typ is´einfach ´n Arschloch, glaub´s mir!“
Jule seufzte. "Ja, aber leider ein  verdammt süßes Arschloch!" Träge erhob sie sich. Ihre stoppeligen schwarzen Haare standen in alle Richtungen ab. "Naja, ich geh dann mal rüber, bis Montag muß ich dieses blöde Referat fertig kriegen, und am Wochenende haben wir Jahressitzung vom Frauenbuchladen-Kollektiv, ich weiß genau, daß ich dann zu sonst nichts mehr komme.“
Schimmel gähnte herzhaft. "Jau, noch ´n Eimer zur guten Nacht, und dann pack ich´s auch."
Ray schreckte auf. „Wie? Willst du nicht noch mitkommen, ´n bisschen um die Häuser ziehen?! Ins Moriartry oder so?“
„Nee, laß mal, ich bin echt fertig!“
„Komm, bitte, nur heute. Mir zuliebe. Ich bin heute voll depressiv irgendwie,“ flehte Ray.
„Ach was, du bist immer depressiv.“
„Aber diesmal so richtig!“
„Quatsch. Das sagst du jedes Mal. Weißt du, was dir helfen würde?!“ Schimmel hob dozierend die drei Papers, die er gerade kunstgerecht aneinanderzukleben gedachte. „Du müsstest arbeiten gehen! Nicht so´n Larifari wie bisher, mal hier ´n paar Gärtchen umgraben und dort ´ne Woche lang Interviews mit Lufthansa-Passagieren führen, je nachdem, was deine Vermittlungstante vom Studiwerk gerade parat hat, sondern richtig, regelmäßig, jeden Tag, 6 Uhr aufstehen, um acht fängt die Schaffe an, zehn Uhr Kippenpause, punkt eins Einheitsfraß in der Kantine, weitermalochen, Feierabend um fünf. So wie ich.“
„Echt? Und das hilft?“ wunderte sich Ray.
„Eigentlich nicht. Aber wenigstens ist man anschließend zu müde, um zu  kapieren, wie beschissen alles ist!“ Schimmel begann zu bröseln und die dunkelbraunen Flocken gleichmäßig auf dem Tabak zu verteilen. „Willst du mitrauchen? Dann tu ich was mehr rein.“
„Mhm. Gerne.“
Schimmel schaute Ray mitleidig an. „Boris meinte, dass er nach´m Plakatekleistern eventuell im Moriartry vorbeigucken wollte. Kannst ja mal versuchen, vielleicht triffst Du ihn.“
„Mhm. Vielleicht. Oder Inga, die geht wahrscheinlich auch hin.“
Der süßliche Qualm wand sich in langsamen Schwaden gen Decke. Ray inhalierte tief und hatte das Gefühl, all seine Gedanken, seine Ideen, seine Energie zögen mit dem Rauch hinfort, und zurück bliebe nur jene schwere, morbide Müdigkeit... Er riß sich zusammen. „Um wieviel Uhr wollte Boris da sein?“
Schimmel staunte ihn aus rötlichen Augen an. „Boris? Wo?“
„Im Rex Lacerte.“
„Im Rex?“
„Äh, nein, ich meinte, im Moriartry.“
„Äh?“
„Ja.“
„Was?“
„Wie?“
„Ich mein, wovon hatten wir´s gerade?“
„Keine Ahnung. Ich hab´s vergessen.“
Sie rauchten weiter, schweigend, die Musik der Nacht brauste jetzt verwegen durch Rays Gehirnwindungen, und dann, eine halbe Weltenumdrehung später, wie ihm schien, nahm Schimmel den Faden erneut auf: „Der Boris... So ab elf, vielleicht, oder auch erst ab zwölf, das heißt, er müsste bald... Oder... Wie spät haben wir´s überhaupt?“
„Jetzt... Moment, ich... Na, is´ auch egal!“
„Hmm?“
„Weil Zeit in solchen Dimensionen eh völlig unberechenbar ist!“
Schimmel lachte rauh und sonor, und es klang, als kämen die Töne irgendwo aus einer ungeahnten Kloake seiner Seele.
„Hab´ ich grad was arg stonedes gesagt?“ erkundigte Ray sich vorsichtig.
„Weiß´ nich´. Schimmel nahm einen letzten Zug und fuhr ungerührt fort: „The sky is high and so am I! Mann, das flasht, nicht?! Das Shit hab´ ich von Eva, du weißt doch, die Schwarzhaarige, wohnt in ´ner total abgefahrenen Land-WG, irgendwo noch hinter Kornweiler, und die haben voll den professionellen Handel aufgezogen, fahren mindestens einmal im Monat nach Holland und beliefern inzwischen halb Brackstadt, hab ich den Eindruck.“
„Ah... ja. Toll.“ Ray fragte sich, wieso alle anderen Leute außer ihm es immer schafften, auch total bekifft Dinge zu sagen, die der Situation angemessen erschienen. Er selbst war dann immer völlig daneben und hatte sich deswegen angewöhnt, Kommunikation wenn möglich auf ein absolutes Minimum zu reduzieren.

Knapp eine Stunde später brauste Ray mit dem Fahrrad über die Brücke in Richtung Moriartry, seine Jacke aus schwarzem Samt lässig über die Schultern geworfen. Fast zärtlich zerzauste der Fahrtwind ihm das Haar, der Fluss schimmerte dunkel und der Geruch nach Regen, nassem Asphalt und Abgasen verwandelte sich in eine purpurne Decke, die Ray umfing, gleich einem guten Kameraden, der dir vertraulich eine Hand auf die Schulter legt und dir dabei zuflüstert, alles ist heute möglich, alles nur erdenkliche kann geschehen, und dann durchbrachen zahllose Glühbirnen und Leuchtreklamen die Finsternis, legten sich wie ein Diadem um das Haupt der Nacht und verliehen ihr dadurch ein fast schon verruchtes Ausehen, tausend Feuer schienen direkt unter der Straßendecke zu lodern,und ein wonnevoller Schauer kroch Randy Rays Rückgrat hinab.


„Mensch, Inga, du bist auch hier?!“ strahlte Ray nur wenige Minuten, nachdem er das Moriartry betreten hatte.
„Mhm. Thorsten übrigens auch. Wir wollten eigentlich grad abhauen, aber warte, ich sag ihm Bescheid, daß ich noch mit dir hierbleibe.“
Inga ging zu Thorsten, die beiden diskutierten kurz, Inga gestikulierte heftig und deutete mehrmals auf Ray, und schließlich wandte sich Thorsten mit mürrischem Gesicht ab und ging.
"Streß?" Ray reichte ihr mitfühlend seine Schachtel Gauloises.
"Ach was, nicht der Rede wert. Zumindest nicht schlimmer als sonst." Inga versuchte ein mißlungenes Lächeln und zündete sich hektisch eine Zigarette an. „Daß der aus allem gleich so eine unnötig bescheuerte Aktion machen muß... Er und Martin wollten jetzt noch weiterziehen ins Rex Lacerte, da sind sie mit ein paar Leuten verabredet, aber ich war, ehrlich gesagt, nicht so begeistert davon, deswegen hatte ich gleich gesagt, wenn ich vorher zufällig noch Bekannte treffe, bleib ich hier... Und jetzt stellt Thorsten sich plötzlich an, was das denn für ein unzuverlässiges und launisches Benehmen von mir ist, ihn so kurzerhand abzuservieren und ob er nur noch als Lückenbüßer dient.“ Ihre Augen funkelten zornig. „Ich meinte noch ganz harmlos, ich rufe ihn morgen im Lauf des Tages an, da schimpft er los, ich solle mir nur keine unnötige Mühe machen, wenn ich was Besseres zu tun hätte, er wäre ja inzwischen dran gewöhnt, lediglich Notnagel zu sein.“
„Huh, das klingt echt übel. Und jetzt?“
Inga seufzte. „Kommt wahrscheinlich das übliche Ritual. Ich fahr morgen Abend noch mal hin, wir reden, alles an unserer Beziehung wird bis ins kleinste Detail analysiert, und wenn wir dann nachts um drei resigniert zu dem Schluß kommen, dass wir eigentlich komplett unterschiedliche Weltsichten und Zukunftspläne und und Erwartungen an eine Partnerschaft haben und deswegen mit uns beiden wohl alles hoffnungslos ist, fallen wir uns heulend in die Arme und stellen fest, dass wir ohne einander nicht leben können. Damit ist natürlich noch lange nichts geklärt, und gleich am nächsten Tag geht die Streiterei wieder von vorne los. Scheiße. Allmählich weiß ich wirklich nicht mehr weiter.“
Randy Ray überlegte kurz, dann drückte er Inga sein Glas in die Hand. „Trink erst mal nen Wein, das beruhigt,“ empfahl er. „Und tu dir bloß keinen Zwang an, ich hab noch ne ganze Flasche im Rucksack. Wir müssen nur aufpassen, daß wir nicht wieder erwischt werden.“
Inga lächelte scheu. „Danke. Du solltest wirklich Paartherapeut werden. Ich wette, bei dir würden nach jeder Sitzung die Leute sturzbetrunken durch die Praxis torkeln und wären noch genauso ratlos wie vorher, aber zumindest häten sie mal anständig gefeiert.“ Sie nahm einen tiefen Schluck und lachte. „Im übrigen ist Thorsten noch immer felsenfest überzeugt, daß ich ihn hemmungslos mit dir betrüge!"
Ray knuffte sie freundschaftlich in die Seite. "Klar, Inga, so sind wir eben: Völlig triebgesteuert! Kaum dreht man uns den Rücken zu, fallen wir brüllend übereinander her und ficken wie die Pferde! Inzwischen weiß es eh schon ganz Brackstadt!"
„Jawoll! So muß es auch sein!“ schrie Inga begeistert gegen die Musik an. „Ausgeschlossen, daß ein Mann und eine Frau sich einfach so gut verstehen! Also bitte, wo kämen wir denn da hin?! Deswegen sehe ich dich auch nicht als den Menschen Randy Ray, mit dem man wunderbar reden, lachen und total verrückte Dinge unternehmen kann, sondern nur als großen geilen Schwanz, und genauso siehst du mich nur als riesige Möse! Und das ist nicht etwa eine sehr beschränkte und einseitig sexualisierte Wahrnehmung, sondern gut und richtig und äußerst moralisch!“
„Iiiihhh, wie eklig! Mit einer riesigen Möse möchte ich jetzt aber eigentlich nicht hier sitzen und die Nacht und das Dasein zelebrieren!“
Sie kicherten entzückt und prosteten einander zu.
"Auf allen Klatsch und Tratsch!"
"Auf uns!"
"Auf die Musik!"
"Auf Äquinox!"
"Auf die Hyänen und Walküren!"
"Auf guten Sex!"
"Und auf schlechten!"
"Und auf Atlantis!"
"Und auf Dyonesis!"
Sie lachten und leerten die Gläser, und die Nacht wurde mit einem Mal gewaltig, ein tanzender Engel, ein Orkan, der sie mitriß und in seinen Böen taumeln ließ, und Ray entkorkte heimlich die Flasche aus seinem Rucksack, aus den Boxen dröhne FireWaterBurn und die Lampen zuckten wie wildgewordene Irrlichter, und später dann, sie waren zu diesem Zeitpunkt schon ziemlich dicht, stürmten sie die Tanzfläche und Ray schwitzte wie ein Tier, während er sich vom Rhythmus der Musik treiben ließ, und er wußte, zumindest für diesen Augenblick hatte er seine verzweifelte Seele retten können.

Irgendwann saßen sie dann, die Nacht war um viele Lieder, viele Gedanken, viele Zigaretten älter geworden, neben der leeren Weinflasche am Rande der Tanzfläche. Ein paar Pärchen wiegten sich eng umschlungen auf und ab. Die meisten Leute waren eh schon gegangen. Inga lehnte sich mit geschlossenen Augen gegen die Wand, während Ray mit schwerer Zunge auf sie einredete. "Der Tod ist der Preis dafür, daß wir Sex haben dürfen,“ deklamierte er, begleitet von fahrigen Bewegungen, „ansonsten könnte man ja sagen, warum sterben Lebewesen überhaupt, ist doch völlig sinnlos, macht uns nur traurig und lenkt uns dadurch vom Überlebenskampf ab... Denn wenn man trauert, mag man nicht essen, mag sich um gar nichts kümmern... Meinst du nicht auch, Inga?“
Inga seufzte kurz, und ihre Augenlider flackerten. Zufrieden nahm Ray den letzten Schluck aus seinem Glas und wischte mit dem Ärmel über den Mund. „Na, siehste. Finde ich nämlich auch. Also, warum sterben die dann? Wäre doch, so gesehen, viel sinnvoller, wenn´s einfach eine begrenzte Anzahl von allen Wesen gäbe, und die leben ewig... Nee, Inga, mach das mal weg, du tust dir sonst weh!“ Behutsam nahm er die Zigarette, die bereits zur Hälfte abgebrannt war, zwischen ihren Fingern hervor und drückte sie auf dem Boden aus. „Also, warum hat die Natur das dann nicht so eingerichtet? Wenn du zum Besispiel sterben würdest, wäre ich ganz doll traurig,“ er wuschelte Inga durch die raspelkurzen wasserstoffblonden Haare, „aber klar, wenn keiner sterben würde, dürfte man sich nicht fortpflanzen, sonst wäre die Erde schon bald völlig überbevölkert. Das heißt, niemand dürfte Sex haben. Also ist der Kummer, wenn jemand stirbt, nichts als der Preis, den wir zahlen müssen, um Sex zu haben. Und ich sage dir, es ist ein verdammt hoher Preis für das bißchen Gezappel und Geschwitze im Dunkel...“
Inga nuschelte irgendwas Unverständliches vor sich, dann kippte ihr Oberkörper langsam nach vorne. Ray hielt sie fest. "Scheiße, was machst du da?! Sag mal, hörst du mir überhaupt zu?!"
Erschreckt richtete sie sich auf. "Mist, ich kack´ grad völlig ab! Ist wohl besser, ich gehe. Hier läuft eh nichts mehr - ich glaube, die gutaussehenden Leute feiern heute alle woanders!"
„Aber hast du mir überhaupt zugehört?“
„Ja, klar,“ Inga rieb sich die Augen, „war echt interessant, deine Gedanken über... Na, egal, ich muß los. Bin völlig am Ende, ehrlich.“
"Du kannst mich doch nicht einfach so alleine lassen!" Panik breitete sich in Ray aus."Komm, trink noch´n Wein, dann geht´s schon wieder..."
"Nee, du, echt nicht! Ich bin seit sechs Uhr heute morgen auf den Beinen und will einfach nur noch pennen! Wenn´s dir irgendwie schlecht geht, kannst du gerne mit zu mir kommen - aber ich muß mich jetzt hinlegen!"
"Ach, laß mal!" Er konnte sich momentan kaum etwas zermürbenderes vorstellen als hellwach und von den kalten, beißenden Ungeheuern seiner Seele geplagt neben einer friedlich schlummernden Inga zu liegen.
"Soll ich dich wenigstens noch heimfahren?“ bot sie an. „Der Laden hier macht eh in ´ner halben Stunde dicht!"
"Nee... oder wart mal..." Ray zögerte. "Vielleicht kannst du mich am Bahnhof absetzen, die müßten um diese Zeit noch aufhaben, ich trink dann noch´n Wein oder zwei, und von da aus bin ich nachher in zehn Minuten zu Hause."
Schwankend erhob sich Inga. "Wenn du meinst!"

Im Innern von Ingas Bully roch es nach Benzin und abgestandenem Rauch. Autos zischten vorbei. Von fern konnte man die Lautsprecherdurchsagen hören. Irgendein Zug aus Hamburg hatte wegen Lokschaden zwei Stunden Verspätung.
"Und du willst wirklich nicht mitkommen?" bat Ray flehentlich.
Inga schüttelte den Kopf. "Sorry, ich bin echt völlig fertig!"
Er gab sich einen Ruck. "Tja, also dann... Mach´s gut!"
"Du auch! Wir sehn uns morgen im Hoffmann-Seminar!"
"Und fahr vorsichtig! Du hast bestimmt hunderttausend Promille!"
Sie umarmten sich flüchtig.
Frostiger Herbstwind schlug Ray entgegen, als er ausstieg. Inzwischen hatte es leicht zu nieseln begonnen. Neben der Bahnhofstür wälzte sich ein Penner leise jammernd in einer Lache aus Schnaps und seiner eigenen Kotze. Direkt über ihm hing, es war fast schon zynisch, fand Ray, ein Wegweiser zum nächsten Beate-Uhse-Shop.
Die Luft in der Bahnhofskneipe war rauchgeschwängert, und Ray hatte Schwierigkeiten, die Worte deutlich auszusprechen, als er seinen Rotwein bestellte. Seine Gedanken waren klebrig, klumpig, wie betäubt, aber die seltsame Unruhe nagte noch genauso penetrant in seinen Eingeweiden wie zuvor. Die drei Typen am Nebentisch debattierten über die besten Zugverbindungen in Richtung Normandie, und einer von ihnen, offenbar der jüngste, pries begeistert die Vorteile, die es hat, Nachts zu fahren. Waren wohl nur auf Durchreise hier, die Glücklichen. Eine Frau im grauen Flanellhemd, mager, mit Pflaumenarsch und wasserstoffblonden Haaren, setzte sich zu Ray an den Tisch. Ihre Bewegungen erinnerten an die einer verschreckten Katze. "Bist du neu hier? Ich kenn dich noch gar nicht! Wie heißt du?"
"Ray! Randy Ray Marut. Und du?"
Sie rückte so nahe an ihn heran, daß er trotz des billigen Parüms den Schweiß unter ihren Achselhöhlen riechen konnte. "Ach, ist doch egal! Nenn mich einfach Niemand!" Ihre Stimme klang so süß und triefend wie eine überreife Kirsche, fand er. "Bist schon ziemlich dicht, oder?! Machst du das oft - dich ganz alleine in irgendwelchen komischen Spelunken besaufen?"
Empört fuhr Ray auf. "Ich besaufe mich nicht - ich inspiriere mich!" lallte er, und vertraulich fügte er hinzu: "Ich bin nämlich Poet, mußt du wissen."
Niemand lachte bitter. "Jaja, ich weiß, das sagen alle hier! Zumindest beim ersten Mal."
"Und du - bist du oft hier?"
"Nur manchmal... Du weißt schon, in solchen Nächten..." Sie senkte die Stimme und schaute sich gequält um, "in den Nächten, wenn die eigenen Gedanken plötzlich Schatten werfen und die Bilder deiner Seele Falten haben..."
"Hmm, und wenn das entsetzliche, abgrundtiefe Grauen dir näher steht als deine Geliebte..."
"Ja. Soll ich dich nach Hause begleiten? Ich könnte dir zum Beispiel einen blasen!"
"Ach was!" Mit fahrigen Bewegungen winkte Ray ab. Alles um ihn herum drehte sich und taumelte in einem wilden, wirren Reigen an ihm vorbei. Plötzlich fühlte er sich unbeschreiblich erschöpft. Er griff in sein Portemonaie und knallte wahllos irgendeinen Geldschein auf den Tisch, unfähig, zu erkennen, um welchen Betrag es sich überhaupt handelte. Seine Beine schienen unter ihm nachzugeben, als er aufstand, ihm wurde schlecht und nur mühsam konnte er sich nach draußen schleppen, ehe er die Genüsse des Abends in umgekehrter Reihenfolge wieder von sich gab. Neonreklamen blinkten, im Schaufenster einer Apotheke warben bonbonfarben leuchtende Schriftzüge für Abführmittel und orthopädische Strümpfe, Plakate am Kiosk versprachen den bevorstehenden Lottogewinn, Motten taumelten gegen den Phosphorschein im Fenster eines Reisebüros, vor der Tanke lungerten ein paar schräge Typen mit Bierdosen herum und Ray wischte sich den Mund ab und wechselte schwankend die Straßenseite. Das leichte Nieseln war inzwischen in einen schweren Regenschauer übergegangen. Eisiger Wind schien durch seinen Körper und selbst durch seine Gedanken zu fegen. Benommen trottete Ray über die grauen Pflasterstraßen, Peitschenstriemen auf dem Rücken jenes Planeten, der ihn nicht wollte, der ihn nie gebeten hatte, auf ihm zu leben und der ihm nun auf eine grausame Weise gleichgültig gegenübertrat. Häuser, Zäune, Straßenlaternen glitten vorbei wie namenlose Geister und wurden sogleich von der gefräßigen Nacht verschluckt, dann die Statue eines einäugigen Mannes mit wallendem Haar und Dreizack, und verwirrt dachte Ray, nanu, diese Figur kenne ich überhaupt nicht, wo bin ich hier bloß, und: aber zum Glück war Inga ja dabei, Inga wird mir morgen sicherlich alle Wirrnisse dieses äquinoktischen Besäufnisses erklären; er zündete sich eine Zigarette an und mußte schon wieder fast kotzen, der Weg kam ihm endlos vor und der Regen hatte sogar noch zugenommen, matt lehnte er sich gegen eine Mauer, steckte sich ein Fishermans Friend in den Mund und beschloß, zu trampen; irgendwann hielt dann ein Typ mit Jacket und gegelten Haaren, und Ray kam sich mit einem Mal entsetzlich schäbig vor und versuchte, dem Blick des anderen auszuweichen, während er murmelte, ja, zur Oststadt müßte ich, am besten in die Pilotenstraße, und der Fahrer lachte saftig und aalglatt, mein Junge, da stehst du aber auf der falschen Straßenseite, am Besten, du gehst noch mal zurück bis zur Ampel und biegst dann nach links ab und später, beim Waschsalon, nochmal rechts und irgendwann kommst du dann zur Windgasse, die dritte, oder nein, die vierte links ist es, und wenn du die immer langläufst, stößt du schließlich auf eine große Straße, da dürfte um diese Zeit schon ziemlich viel Verkehr in Richtung Oststadt sein, und Ray nickte und sagte artig danke, obwohl sein träger, kleisterartiger Geist den Ausführungen keinesfalls hatte folgen können, er stolperte zurück, bog irgendwo ab, dann nochmal, kämpfte sich hindurch zwischen Mülltonnen und handtuchgroßen Vorgärten und Umleitungsschildern, konnte sich kaum noch auf den Beinen halten, jeder einzelne Schritt kam ihm vor wie eine fast unerträgliche Anstrengung, und schließlich waren da Straßenbahnschienen und kurz darauf ein Wartehäuschen, erleichtert ließ er sich auf die hölzerne Bank fallen und warf seinen Rucksack neben sich, der Regen pladderte auf das Dach und Ray fror erbärmlich, und als eine Bahn kam, stieg er einfach ein, argwöhnisch beäugt von den wenigen anderen Fahrgästen. Ihm schräg gegenüber saßen zwei Typen im Blaumann und taten lautstark ihre Meinung kund: „Und guck dir das da mal an. Was das wieder kostet! Weil, die jungen Leute, die wollen ja gar nicht arbeiten, und wenn´s im Betrieb mal heißt, jetzt musst du richtig mit anpacken, dann sagen die, O.K., geh ich halt lieber studieren. Von unseren Steuergeldern!“ Ray konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er selbst der Auslöser für dieses Gespräch war und fühlte sich unbehaglich. „Genau! Die machen nichts, wenn die studieren, und dann kommen sie an und jammern, ach nee, ich hab kein Geld, und der Staat bezahlt denen alles, aber schaffen tun die nichts dafür, und was dabei rauskommt dabei, das sieht man ja da!“ Der Typ deutete direkt auf Ray, und ihm war, als würde ihn inzwischen jeder anstarren. Er bemühte sich, gerade zu sitzen und einen würdevollen Eindruck zu machen, aber konnte nichts dagegen tun, dass er bei jedem Schaukeln der Bahn fast von seinen Sitz fiel.
...Und sie bahnten sich ihren Weg durch das graue Gerippe der Stadt, und mit einem Mal tauchten Bäume auf und ein weites Feld und zusammenhanglos dachte Ray, hier will ich bleiben; er stieg aus und stapfte durch aufgequollene Furchen und schlammigen Morast, fiel hin, rappelte sich wieder auf, Nebel stieg aus dem Boden auf gleich einem kalten, konturlosen Ungeheuer, und Ray stolperte unter einem gewölbten Torbogen hindurch und glaubte, direkt vor sich eine Art Höhle zu sehen, dunkel, geheimnisvoll, Geborgenheit versprechend, er ließ sich auf ihren strohbedeckten Boden plumpsen, rollte sich zusammen und schlief augenblicklich ein, und als er erwachte, schien die Erde zu beben und ein riesiges pelziges Wesen mit langen Zähnen beugte sich direkt über ihn.  

 

~ ° ~ °~ * ~ ° ~ ° ~

~ Nadine ~

Ein dünner, gläsern wirkender Abend am menschenleeren Strand. Machtvoll steht das strahlende, vielarmige Kreuz der Sonne am Himmel und taucht alles in sein glühendes Licht. Allein der allmählich länger werdende Schatten eines verdorrten Baumes in den Dünen zeigt an, dass sich der Tag dem Ende zuneigt. Möwen schreien klagend. Eine von vier schweißglänzenden Pferden gezogene Droschke naht. Das Antlitz des Kutschers ist von einer Maske aus gleißenden Pailletten verdeckt. Es gelingt ihm nur mühsam, die ungestümen, heftig vorwärts drängenden Rösser zu bändigen. Unter dem rastlosen Stampfen ihrer Hufe erbebt der Boden, dennoch ist kein einziger Laut zu hören. Sanft weht der schwere, obsidianschwarze Samt, mit dem die Fenster der Droschke verhängt sind, im Fahrtwind.
Das Meer braust und tost. Riesige Wellen wölben sich unentwegt auf, verharren für einen winzigen Augenblick in ihrem Zenit, stürzen dann donnernd nach vorne und schlagen strudelnd und sprühend auf den Sand. In der Ferne bellt heiser ein Hund. Aus einem Restaurant oben auf der asphaltierten Seepromenade wehen unverständliche Gesprächsfetzen herüber. Es riecht nach Fischen, Teer und getrockneten Algen. Inzwischen hat der Himmel eine rötliche Tönung angenommen und wirkt wie mit Blut benetzt.
Ganz kurz lüftet sich der samtene Vorhang, und aus dem Fenster der Droschke schaut ein uraltes, von Falten durchzogenes Gesicht mit seeblauen Augen. Über der Nasenwurzel ist ein winziger Dreizack eingraviert. Ein Nicken. Der Kutscher zügelt die Pferde, steigt von seinem Sitz herab und schirrt die beiden vorderen Tiere aus. Langsam führt er sie in die schäumende Brandung. Brodelndes Wasser umspült die Fesselgelenke der sich sträubenden Tiere. Wellen lecken wie die Zungen lüsterner Dämonen genüsslich an ihren Beinen entlang. Das dahinschwindende Sonnenlicht zeichnet runengleiche Muster auf ihre muskulösen, angespannten Körper. Immer tiefer schreitet der Kutscher ins Meer. Schließlich lässt er die Zügel los und zieht stattdessen eine lange Peitsche unter seiner Kutte hervor. Nach und nach treibt er die zögernden, immer wieder zurückweichenden Pferde weiter in Richtung der tiefen See. Mit ängstlich rollenden Augen und weit geblähten Nüstern gehorchen die Tiere, bahnen sich durch die strudelnden, wirbelnden Wassermassen ihren Weg und beginnen dann zu schwimmen. Krampfhaft recken sie ihre Köpfe gen Himmel, schnaufend, prustend, während das azurne Wasser ihre bebenden Körper umschließt. Wie erschlaffte Schwingen gleiten Mähne und Schweif über die Meeresoberfläche und tanzen im Rhythmus der Wogen leicht auf und ab.
Die Peitsche knallt.
Plötzlich bäumt sich eine mächtige Welle vor den erschrockenen Pferden auf, wirft sich über sie und drückt sie nach unten. Panisch kämpfen sie dagegen an, strampeln, treten, schnauben, schlucken Wasser, schaffen es schließlich unter qualvollen Anstrengungen, ihre Köpfe emporzurecken und schnappen verzweifelt nach Luft. Die Strömung zieht sie immer weiter fort vom Strand, und schon donnern die nächsten Wogen heran, schlagen über ihren Köpfen zusammen und pressen sie gewaltsam unter Wasser. Noch ein letztes Mal versuchen die beiden Pferde, sich aufzulehnen. Mit dahinschwindenden Kräften stemmen sie sich gegen die brausenden Wogen. Schließlich erlahmt ihr Mut, sie geben den verzweifelten Kampf auf und gleiten reglos hinab in das dunkle, strömende Reich der Quallen, Medusen und Korallenpaläste... Sorgfältig bedeckt das Wasser ihre schlaffen Körper, und schon kurz darauf wirkt die Meeresoberfläche wieder vollkommen glatt und unberührt.
Inzwischen ist leise die Nacht herbeigekrochen und das Firmament hat sich tintenschwarz verfärbt. Eine schmale Mondsichel sendet ihre blassen, gleichgültigen Strahlen über den Strand. Die auf den Sand gespülten Algen wirken in diesem Licht weich wie das Haar Anadyominaes. Durch die kargen, dürren Dünengräser saust hexenhaft kichernd der Wind. Wieder schlägt der Hund an, doch diesmal geht sein Bellen über in ein wolfsähnliches Geheul. Oben auf der Promenade lacht irgend jemand schrill und kreischend. Der Kutscher kehrt mit nasser Kutte zu seinem Gefährt zurück, nimmt erneut auf dem Kutschbock Platz und treibt mit einem Zungenschnalzen die beiden übriggebliebenen Pferde an. Lautlos setzt die Droschke ihren Weg gen Westen fort, ohne auf dem weichen, nachgiebigen Sandboden auch nur die geringste Spur zu hinterlassen...

...„Heh, Nadine!“
Hände auf ihren Schultern. Etwas kitzelte ihr Gesicht. Nadine schnappte nach Lupft. Ihr Herz raste, als wolle es zerspringen. Schwere, klebrige Angst durchtränkte ihre Gedanken. Sie bebte am ganzen Körper. Kaum wagte sie es, die Augen zu öffnen. Wer weiß, welch schrecklicher Anblick sie erwarten würde... Furchtsam blinzelte sie zwischen den langen Wimpern hindurch.
„Nadine, wach auf!“ Es war bloß Patrizia, die sich besorgt über sie beugte und ihr die verschwitzten Haare aus der Stirn strich, erkannte Nadine. „Alles O.K.?“
„Ich... ich weiß nicht.“ Desorientiert schaute Nadine sich um. Ihr Zimmer sah aus wie gewohnt, nichts hatte sich verändert, und doch schien das namenlose Grauen noch immer irgendwo zu lauern, jederzeit bereit, sich auf sein wehrloses Opfer zu stürzen. „Was ist los?“ flüsterte sie furchtsam.
„Keine Ahnung. Du hast geträumt, nehme ich an. Als ich in die Wohnung kam, war alles taghell erleuchtet und das Radio lief in voller Lautstärke. Ich dachte erst, du bist vielleicht noch wach, aber als ich dich gerufen hab, kam keine Antwort. Also habe ich in deinem Zimmer nachgeschaut, und du lagst da in deinen Reitklamotten, ganz zusammengekrümmt, und hast so komisch geröchelt... Himmel, hab ich mich erschreckt!“
Die Pferde. Der Strand. Wellen, die über sich sträubenden Körpern zusammenschlagen. Seeblaue Augen und schwarzer Samt. Mühsam versuchte Nadine, die Bilder aus ihrm Gedächtnis zu verbannen. „Ich... Ja, ich glaub, ich hab geträumt,“ stammelte sie.
Patrizia erhob sich. Der leichte Geruch nach Wein, Zigaretten, und Moschusparfum umwehte sie wie die Fahne eines fernen Kontinents, von dem Nadine sich längst viel zu weit entfernt hatte. „Soll ich dir einen Johanniskraut-Tee kochen?“ schlug sie vor. „Mit viel Honig, ja? Das beruhigt.“

Mit beiden Händen hielt Nadine die heiße, dampfende Tasse fest und versuchte, ihr Zittern unter Kontrolle zu bekommen.
„Und, was hast du so Schlimmes geträumt?“ erkundigte Patrizia sich mitfühlend.
„Irgendwas... Da waren so Pferde... Und eine Kutsche, glaube ich... Am Meer... Und der Kutscher, der hatte eine Peitsche oder einen Strick...“ Schon allein bei diesen Worten polterte die Angst erneut wie ein Felsbrocken durch ihre Gedanken. Nein, wahrscheinlich war es besser, nicht darüber zu sprechen. Die bereits in Dämmerung versinkenden Bilder des Schreckens einfach ruhen zu lassen. Sie würden sowieso früh genug von selbst wieder erwachen. „Ich weiß es nicht mehr,“ log Nadine.
„Das kommt vor.“  Patrizia schenkte sich ein Glas Wein ein. „Und gegessen hast du bestimmt doch wieder nichts, oder?“
„Nö.“
„Als ob du nicht eh schon mager genug wärst! Manchmal übertreibst du wirklich.“ Patrizia seufzte.
„Du, ich hab auch noch Hunger. Komm, wir tauen uns den Apfelstrudel vom letzten Sonntag auf und veranstalten ein kleines Nachtmahl. So richtig schön dekadent, mit Bergen von Zucker und Sahne. Und von Kalorien will ich heute nicht hören, O.K.?!“
Nadine nickte. Ein Gefühl der Geborgenheit breitete sich langsam in ihr aus. Es tat gut, mit Patrizia hier im Hellen zu sitzen und alle Ängste wohlig hinfort zu reden. Sie sehnte sich plötzlich danach, ihre Mutter ins Vertrauen zu ziehen und zumindest für kurze Zeit nicht mehr ganz alleine in die Welt geworfen zu sein. „Überhaupt war´s heute irgendwie so gruselig,“ begann sie zögernd, und dann schilderte sie Patrizia in Grundzügen alles, was sich an diesem Tag zugetragen hatte, angefangen mit Moonchild, die so aufgedreht war, über Ruths ungewöhnliche Besorgnis und Ikarus´ schreckhaftes Verhalten bis hin zu dem Nachhauseweg durch die Thule-Weiden. Nur die komischen Leute an der Haltestelle ließ sie vorsichtshalber aus. Beruhigend legte Patrizia eine Hand auf Nadines Arm. „Oh je, so ein Schreck... Komm, trink Deinen Tee aus, ehe er kalt wird, ich koche dir gleich einen Neuen. Und mach Dir keine Sorgen, für alles gibt es eine ganz logische Erklärung.“
„Echt?“ Nadine schaute ungläubig auf.
„Aber selbstverständlich. Jeder fürchtet sich schließlich mal. Vor allem nachts, alleine, auf dem abgelegenen Hof... Ich würde mich da auch gruseln, aber ganz gewaltig! Außerdem, hast du´s nicht gesehen, wir haben Vollmond. Da sind die Nerven eh angespannter als sonst. Und wenn man einmal anfängt, Angst zu haben, kann man sich wunderbar reinsteigern, das kenne ich auch.“
„Und Ikarus?“
„Wahrscheinlich hat sich deine Furcht auf ihn übertragen. Du hast mir schließlich selbst erzählt, wie sensibel Pferde sind und dass sie auf jede Gefühlsregung ihres Reiters sofort reagieren. Stimmts?!“
Nadine nickte.
„Aber eins noch,“ Patrizias Stimme klang mit einem Mal ungewöhnlich streng, „ich möchte nicht, daß du nachts alleine von Hof Vineto nach Hause gehst. Zumindest bis zur Haltestelle läßt du dich in Zukunft begleiten, versprich mir das, ja?!“
„Ach, Patricia,“ mit betonter Langeweile dehnte Nadine die Stimme, „muß das sein? Die kurze Strecke... Sind doch keine zehn Minuten. Was ist denn jetzt auf einmal los? Gerade hast du mir noch erklärt, daß ich mir alles nur eingebildet habe, und dann tust du selbst, als ob da was-weiß-ich für Gefahren lauern unterwegs.“
„Das ist etwas ganz anderes. Ich denke nicht an Gespenster, sondern... Meine Güte, was sich da für Gestalten rumtreiben könnten in der Dunkelheit, ist ja direkt an der Weststadt, und du läufst da völlig unbedarft rum... Wenn ich das gewußt hätte, ich hätte keine Minute ruhig sitzen können heute Abend. Mir wird jetzt noch ganz schlecht! Nadine, das ist jetzt keine Bitte, sondern ich bestehe drauf: Zumindest wenn´s dunkel ist, setzt du alleine keinen Fuß mehr in die Thule-Weiden. Kümmere dich früh genug drum, daß Ruth oder sonst jemand, den du kennst, dich mit dem Auto zur Haltestelle fährt, und wenn mal irgendwas dazwischenkommt, kannst du mich jederzeit auf dem Handy anrufen und ich hole dich ab. Aber damit eins klar ist: Sollte ich je erfahren, daß du wieder nachts alleine da rumgelaufen bist, ist mit Ikarus und dem ganzen Spaß augenblicklich Schluß. Haben wir uns verstanden?!“
„Ja, schon gut.“ Nadine verdreht die Augen. Warum mussten Erwachsene auch grundsätzlich so nervig sein? Kaum glaubte man mal, mit ihnen ein bisschen nett plaudern zu können, schon fingen sie sofort wieder mit irgendwelchen lästigen Ermahnungen an. Aber egal, sie tat ja schon lange immer nur das, was sie wollte, und sie war geübt darin, anderen etwas vorzuspielen... Dass jede Lüge ein weiterer Schritt in ihre Einsamkeit war, daran mochte sie jetzt lieber nicht denken.

 

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