23. September

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Lindhorst, Olaf Koloman Ignaz

Lange, schnurgerade, weißgekachelte Gänge. Die Fenster vergittert. Uniform gekleidete Menschen eilen umher, wechseln gelegentlich ein paar Worte forcierter Fröhlichkeit und setzen dann ihren Weg fort. Auf dem blanken Boden hinterlassen ihre Füße keine Spuren. Das zierliche junge Mädchen mit den blauen Strähnen in den Haaren schiebt einen Teewagen mit schmutzigem Geschirr vor sich her. Ventilatoren surren lustlos. Überall der beißende Geruch nach Desinfektionsmitteln.
Olaf Konrad Ignaz Lindmann, 33, aschblonde Haare, wasserblaue Augen, liegt in Zimmer 101 auf dem schmalen Bett und starrt mit glimmenden, schwelenden Magmaaugen an die Decke.
Da ist sie wieder, die Angst, gepaart mit der unermesslichen Freude, extatisches Glühen, machtvoll, tief, profund, Elmsfeuer seines Blutes; sein Kopf dröhnt und tausend Stimmen aus Kristall jagen durch die Windungen seines Gehirns, wispernd, kichernd, einander wiederhallend; wie gewaltiges Meeresbrausen tosen sie umher, eine finstere, archaische Parade von skizzenhaften Schmerzen in den Schluchten seines Bewußtseins; gequält presst er beide Hände auf seine Ohren und seufzt; entstellte, clowneske Fratzen bleckten die Zähne in der rosenbestreuten Nacht bleiche Grimassen zwängen sich durch böse wollüstige Träume haltloser Sturz in den Rachen jener uralten karnevalistischen Stadt dickbäuchige bocksbeinige Satyre buhlen um eine anemische Kurtisane aus Papier geflohen aus dem Wanderzirkus Triumph des Deliriums Schwertschlucker Zerrspiegelkabinett der eigenen Träume unter dem Slum klagt die Erde im Herbst und die Augen des Mädchens zwischen den lodernden Flammen gepriesenes Fegefeuer - - -
„Ssst, ist ja schon gut.“ Die quellbusige ältliche Dame in der gestärkten Schwesterntracht beugte sich über ihn, und ihr säuerlicher Atem umwehte ihn wie die Fahne eines fremden Königreichs
- - - willenloser Reiter unter dem Kommando jenes einäugigen Propheten glutvoll seine Gelüste im berstenden Schlaraffenland der Nacht einsam triumphierte der Schnee zertrümmerte Augen staunen ob gewaltiger Kreaturen seine Tränen sind salzige Fontänen des Todes in denen der Glaube ertrinkt und nur noch der blanke Hedonismus regiert geifernde Feuerbrünste über ödem Land und okzidentale Verwesung strömt durch alle Gassen Undine blättert im Quelle-Katalog und Ödipus freut sich auf Muttertag Welcome to a Burning Graveyard Fuck - - -
„Heute gehen wir wohl besser nicht zur Arbeit, was? Wenn wir uns so schlecht fühlen...“
Ein mildtätiges Lächeln ob der eigenen verständnisvollen Güte huscht über das fahle, breiige Gesicht der Schwester.
- - - güldene Engel mit schwärenden Schwingen taumeln zwischen Kanistern und tausend Fackeln erhellen den Strand sündiges verruchtes Dasein voll Glanz und Moder gestoßen in den Abschaum der Zivilisation ewig gepriesen sei die Salamandernacht über Atlantis während Gewächshäuser bersten - - -
„Bleib schon liegen, ich sag´s dem Doktor, der macht dir eine Spritze, dann kannst du einfach weiterschlafen; hab keine Angst...“
- - - Herrscher über ein geheimes Empirium lodernder Lohe im trunkenen Wind... trägen Wind... schlafenden Wind... taumelnde Begierde sinkt in sich zusammen... Ermattet sinkt das schwarzäugige Pferd zusammen... Schwefelgeruch der eigenen Seele...

Ventilatoren surren ihr monotones Lied. Geschirr klappert. Weißgekachelte Wände. Das junge Mädchen mit den blauen Strähnen in den Haaren spült, als ginge es um ihr Leben. Glücklose verlorene Sekunden zwischen Seifenschaum. Der Typ neben ihr wischt sich mit dem angeschmuddelten T-Shirt durch das schweißnasse Gesicht und beginnt dann, Schüsseln mit graustichigem Kartoffelpüree, bleichen Erbsen und wäsrigem Joghurt auf abgenutzten Tabletts zu verteilen. „Die zweite Fressrunde. Jetzt ist das Pflegepersonal dran. Danach wir. Noch ´ne halbe Stunde oder so, maximal. Hältst du´s solange noch aus?“
„Mhm. Klar.“
Halb mitleidig, halb begehrlich musterte er ihren zierlichen Rücken, dessen Schulterblätter unter dem lose fallenden Hemd wie die gestutzen Schwingen eines Engels wirkten. „Ich hoff, es war bisher nicht zu arg für dich, ich mein, das Geschrei und so, vorhin auf der Station, kriegt man ja schon so einiges mit...“
„Ach nee. Ging schon.“
„Normalerweise ist´s auch nicht so krass wie heute. Liegt halt am Vollmond, da sind sie immer besonders durchgeknallt. Und außerdem ist Äquinox...“
„Laß mal. Ich pack das schon.“
„Du, Esther...So heißt du doch, oder... Sorry, ich hab so´n mieses Namensgedächtnis... Ich geh mal rüber eine rauchen. Kommst du mit? Ja? Und du, Murat? Rauchen?“
Der Türke schaute ihn geistesabwesend an, schüttelte den Kopf und schrubbte dann mit seiner träumerischen Vehemenz weiter den Boden. Dachte vielleicht an die Strände seiner fernen Heimat oder an seine Familie, der er allmonatlich sein Geld schickte oder an den Softporno, den er sich gestern nach Feierabend noch reingezogen hatte.

Olaf Koloman Ignaz Lindhorst schlief. Feuergeflügelte Elfen mit brennenden Kronen beseelten seine Träume. Flammen schlugen am geschmeidigen Leib des Mädchens empor und tauchten den Strand in ein göttliches Licht, während sie schrie... Er lächelte.

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 ~ Nadine ~

 

Es war ein heftig geiler Tag gewesen, fand Nadine. Und Moonchild, die graziöse, nebelfarbene Connemara-Stute mit den pechschwarzen Augen und den rot umrandeten Nüstern, war einfach absolut die Wucht! Strahlend strich Nadine sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und lachte leise vor sich hin. Schon so lange hatte sie sich insgeheim gewünscht, auch nur ein einziges Mal auf Moonchild reiten zu dürfen – und whow, es war kaum zu fassen, jetzt war dieser Traum tatsächlich wahr geworden! Aus unerfindlichen Gründen war Moonchild heute während der Vier-Uhr-Reitstunde komplett überdreht gewesen, hatte gebuckelt und getänzelt und nach den anderen Pferden ausgekeilt und jedes Mal gescheut, wenn sie sich dem großen Spiegel an der Wand gegenüber der Tür näherte, bis Jenny, die knapp fünfzehnjährige Besitzerin, nur noch völlig verängstigt, den Tränen nahe, im Sattel kauerte – und da Nadine gerade zufällig auf der Tribüne der Halle saß, fand Ruth, die Reitlehrerin, es offenbar angebracht, Jenny ein wenig Ruhe zu gönnen und Moonchild für den Rest der Reitstunde Nadine anzuvertrauen. Hach, es war einfach herrlich gewesen, die kraftvollen Bewegungen des Pferdes zu spüren und die kaum zu bändigende Energie, dann wie immer das nervöse Ziehen in der eigenen Magengegend, als sie die ungebärdige Stute zum Galopp antrieb, eine kurze Unsicherheit, die es zu überwinden galt – und daraufhin sofort die raumgreifenden Sprünge des Pferdes, das Spiel der Muskeln, das schweißglänzende Fell, zwischendurch ein störrisches Bocken, ein Aufbegehren, und tatsächlich, für einen Augeblick hatte Nadine gedacht, Moonchild würde die Oberhand gewinnen, doch schon im nächsten Moment hatte das Pferd den Nacken gesenkt und den Hals gerundet und die Ohren gespitzt und auf der Trense gekaut, und aufmerksam hatte es jeder noch so kleinen Anweisung Folge geleistet, hatte beim Zirkel artig den Leib gerundet, und bei der Länge der Bahn hatte es sogar genau auf Nadines Geheiß hin die Hand gewechselt... Am liebste hätte Nadine laut gejubelt vor Freude, doch sie beschränkte sie sich lediglich darauf, Moonchild den von weißlichem Schaum bedeckten Hals zu tätscheln, während sie langsam erst zum Trab und dann zum Schritt durchparierte und Ruth verschwörerisch zuzublinzelte. Ruth blinzelte zurück. Später, in der Sattelkammer, waren Jennys Eltern, die der Stunde beigewohnt hatten, auf Nadine zugekommen und hatten sie gelobt für ihren Mut, ihre Besonnenheit und ihre Selbstdisziplin, mit der sie alle eigenen Gefühle zurückgenommen und sich ganz auf das Pferd eingestellt hatte, und Nadine war rot angelaufen und hatte verlegen irgendwas vor sich hingestottert und nicht so recht gewusst, was sie darauf antworten sollte.
Jetzt war sie gerade damit beschäftigt, Ikarus zu striegeln. Noch immer von überschäumendem Glück erfüllt zog Nadine sanft Ikarus´ Kopf zu sich hinunter. „Aber weißt du was, mein Hübscher?“ flüsterte sie ihm leise ins Ohr, „auch wenn Moonchild noch so klasse ist – der aller-aller-allersüßeste auf der ganzen Welt bist immer noch du!“ Unwillig riß Ikarus sich von ihr los und stampfte auf den Boden, dass es nur so schallte. Nadine fuhr gleichmütig fort, ihn zu putzen. Kurz darauf trat Ruth neben sie. "Ich hab´ gesehn, Esther war da.Gibt´s was Neues?" eröffnete sie das Gespräch, und Nadine nickte schweigend. Esther war die Besitzerin von Ikarus, aber sie hatte nur wenig Zeit für ihr Pferd.
"Und?!" fragte Ruth weiter.
"Sie kam grad von ihrem neuen Job, im St. Florian, du weißt schon. Wir haben vereinbart, daß sie in Zukunft immer Donnerstag, Freitag und Samstag arbeitet und Sonntags halt lernt oder so, weil ich mich da am ehesten um Ikarus kümmern kann."
"Und sonst? Wie verkraftet sie die Trennung von Dennis? Seit zwei Monaten ist er jetzt in Atlanta, oder?!“
Nadine zuckte mit den Schultern. "Keine Ahnung, haben wir nicht drüber gesprochen, sie hatte es ziemlich eilig."
"Aber hat sie dir wenigstens inzwischen erzählt, was da Anfang September los war?!"
"Nee, kein Wort. Ich hab´ aber auch nicht mehr nachgefragt. Weißt du, allmählich wird´s mir einfach zu blöd, wir kriegen eh nichts aus ihr raus, und sie ist auch nur abgenervt, wenn man zum hunderttausendsten Mal mit der alten Geschichte anfängt... "
Ruth hob die Hände. "Eben, man erfährt einfach nichts Konkretes! Als sie damals bei mir angerufen und den Dressurlehrgang abgesagt hat, kam nur diese total wirre Geschichte, daß sie bei irgendeinem Rockfestival in Schwierigkeiten geraten und zu guter Letzt sogar im Krankenhaus gelandet ist. Mehr hab´ ich nicht verstanden, und ich bin sicher, genau das war auch Esthers Absicht! Wetten, daß da irgendwie Drogen mit im Spiel waren?!"
Dann fiel Ruth plötzlich ein, daß sie dringend losmusste, ungeduldig klimperte sie mit ihrem Autoschlüssel und trat dabei von einem Fuß auf den anderen und versuchte, Nadine zu überreden, sich von ihr im Auto nach Hause fahren zu lassen: „Ich haben dir ja erzählt, was sich hier in den Thule-Weiden früher, vor dem großen Brand, immer für finstere Gestalten rumgetrieben haben, und für mich ist´s wirklich kein Umweg, kurz über die Ringstetter Straße zu fahren und dich dort abzusetzen, ich muß eh in Richtung Nordache."
"Hey komm, was soll schon passieren?!" Nadine lächelte sie geistesabwesend an. "Das mit dem Brand ist doch bestimmt schon zwanzig Jahre her. Und eigentlich wollte ich jetzt Ikarus noch 'ne halbe Stunde oder so longieren. Er hat gestern und heute nur auf der Weide gestanden, und du weißt, wie störrisch er werden kann, wenn er mal ein paar Tage lang überhaupt nicht gefordert wird. Er ist jetzt schon ganz neben der Spur.“ Wie zur Bestätigung warf die Ikarus den Kopf in den Nacken und schnaubte nervös. Ruth wirkte hin- und hergerissen. "Klar, toll wär's schon, wenn du ihn ein bißchen rannehmen könntest. Esther meinte auch schon, in letzter Zeit sei er manchmal kaum zu bändigen. Aber ich mach' mir eben auch Sorgen was deine Mutter von mir denken soll, wenn ich einfach so abhaue und dich ganz alleine heimgehen lasse."
"Ach, Patrizia - die kriegt das doch gar nicht mit!" Nadine machte eine wegwerfende Handbewegung, woraufhin Ikarus sogleich drohend die Ohren anlegte. "Die trifft sich heute mit ein paar Freundinnen und das geht immer bis tief in die Nacht, da kriegt sie gar nicht mit, wann und wie ich nach Hause komme!"
„Und du meins ganz sicher...“
„Klar, heh, ist doch nich das erste Mal, dass ich abends noch die Strecke laufe!“
Ruth war überredet. "Nadine, du bist echt ein Schatz!" meinte sie, während sie sich zm Gehen wandte, "ich wüßte gar nicht, was wir ohne dich hier machen würden - vermutlich im totalen Chaos versinken! Eigentlich hättest du einen ganz, ganz großen Orden verdient... Oder nein, warte, ich weiß was viel Besseres!" Sie blieb stehen. "Was hälst du davon, wenn ich dich als Dankeschön mal zu einem netten Tagesritt inclusive Picknick einlade - vielleicht in drei Wochen oder so, wenn´s hier mal etwas weniger stressig zugeht?!"
"Au ja, gerne! Super!"
"O.K., also dann viel Spaß noch!"

Nadine war jetzt endgültig alleine. Gleich einem voyeuristischen Gespenst lugte die Dunkelheit ins Fenster der Stallgasse und schien jede einzelne von Nadines Bewegungen genau zu beobachten. Die Schatten verschwammen. Es roch nach Pferden und Moder. Draußen schrie klagend ein Käuzchen. Ikarus blähte nervös die Nüstern und trippelte unruhig hin und her, so weit das Seil es zuließ. Trockenes Stroh knisterte. Ab und zu war ein verhaltenes Schnauben und Prusten zu hören. Jedes Geräusch kam Nadine jetzt viel lauter vor als tagsüber. Ihre Nerven waren so straff gespannt wie die Saiten einer Harfe, auf der jemand ein böses, grausiges Lied spielt. Die Boxen mit den hölzernen Türen und den teilweise bis zur Decke reichenden trennenden Gitterstäben erschienen ihr wie die Zellen eines verbotenen Kerkers. Nadine versuchte, sich auf irgend etwas Fröhliches zu konzentrieren, doch es gelang ihr nicht. Ihr war, als hätte eine fremde, boshafte Macht von ihren Gedanken Besitz ergriffen und dränge ihr immerzu dunkle, unheimliche Bilder auf... Bilder von weißen, konturlosen Gestalten, die über die Schaumkronen von brausenden Meereswogen hinwegtanzten... Von Flammen, die über verwesenden Leibern zusammenschlugen... Von einer hageren, einäugigen Gestalt mit verfilzten Haaren und einem eintätowierten Dreizack zwischen den Augen, die am Bug eines Schiffes stand und nach irgend etwas Ausschau hielt... Von einem Octopus, der mit seinen langen Tentakeln ein sich wild sträubendes Einhorn umschlang...
Im nächsten Moment sprang Nadine erschrocken zur Seite. Ikarus hatte nach ihr geschnappt. Verdammt, das hatte er doch bisher noch nie getan! Wütend gab Nadine ihm einen festen Klaps auf die Nase, und Ikarus schaute sie aus seinen samtbraunen Augen so traurig und fassungslos an, als könne er selbst nicht verstehen, was da gerade in ihn gefahren war.
„Die spinnen doch alle,“ murmelte Nadine halblaut vor sich hin, während sie durch die spärlich beleuchtete Stallgasse zur Sattelkammer ging und dabei ängstlich nach den zuckenden, deformierten Schatten in den Ecken lugte, „erst Moonchild, dann Ruth mit ihrem übertrieben besorgten Getue, dann Ikarus, und jetzt werde ich anscheinend auch noch hysterisch und fange an, Gespenster zu sehen...“
Ikarus hob warnend einen Huf, als Nadine sich mit dem Zaumzeug näherte. Energisch trat sie neben ihn und streifte ihm die Trense über den Kopf. Ihr Herz schlug hart und schnell. Wie kam es, dass Ikarus sich plötzlich so unmöglich gebärdete, ausgerechnet heute, wo sie selbst von dieser seltsamen, unnennbaren Furcht befallen wurde? Konnte es dafür überhaupt eine natürliche Erklärung geben? Oder war vielleicht irgendein finsteres, unsichtbares Wesen hier eingedrungen, das alles Sein an sich riß und jede bisherige Sicherheit grausam zerschellen ließ? Die Nacht erschien ihr mit einem Mal so papierdünn, als könne sie jeden Moment zerreißen und den Blick auf fremde, ungeahnte Sphären freigeben... Sie führte Ikarus nach draußen. Am Himmel stand ein blutroter, katzengesichtiger Mond und grinste mit gebleckten Zähnen höhnisch auf Nadine hinab. Eine neue Woge der Angst rollte über sie hinweg. Ihr war, als würde alles, was ihr bisher so vertraut gewesen war, plötzlich auf geheimnisvolle Weise eine neue, fremdartige Existenz annehmen und nur noch als Symbol für eine grauenvolle, tief unter der Oberfläche der Dinge schlummernde Wahrheit dienen... Sie betrat die Reithalle und begann, tapfer ihre eigene Furcht unterdrückend, Ikarus zu longieren. Das Pferd tänzelte unruhig, schlug mit dem Schweif, blähte die Nüstern, rollte mit den Augen, dass das Weiße darin zu sehen war und war schon nach kurzer Zeit schweißüberströmt. Die bebenden Flanken glänzten feucht im flackernden Licht der Neonröhren. „Ist ja gut, mein Süßer, ist ja gut...“ murmelte Nadine beruhigend und merkte, dass ihre eigene Stimme zitterte. Ikarus machte einen unkontrollierten Sprung zur Seite, als wolle er auf diese Weise entsetzlichen Gestalten entgehen, die in den Ecken oder im Spiegel lauerten. Nadine spürte, wie die unerklärliche Furcht sich immer tiefer in ihre Eingeweiden fraß. Verzweifelt bemühte sie sich, das unruhige Pferd unter Kontrolle zu halten und gleichzeitig ihre eigene Angst zu bezwingen. So bestimmt wie möglich gab sie die Befehle, doch jedes Mal, wenn Ikarus scheute, erschrak auch Nadine selbst und erwartete insgeheim, jetzt, genau jetzt, müsse jenes Etwas, das Ikarus derart verstörte, sich als konkrete Gestalt manifestieren und grausam lächelnd aus der aufgeplatzten Haut der vermeintlichen Realität hinaustreten... Plötzlich quitschte Ikarus laut auf, als habe man ihn geschlagen, buckelte wild und gallopierte los. Die Longierleine glitt Nadine, die für einen kurzen Moment unaufmerksam gewesen war, aus der Hand. Panisch raste Ikarus durch die Halle, prallte mit der Schulter gegen die Wand, trat auf die Longe, strauchelte kurz, rappelte sich wieder auf, stürmte weiter und blieb schließlich zitternd in einer Ecke stehen. Nadine war den Tränen nahe. Sie bebte am ganzen Körper. Nein, verdammt, um nichts in der Welt wollte sie noch länger hier alleine sein! Es war ihr egal, daß es überall hieß, man solle eine Trainingsstunde mit einem Pferd grundsätzlich nie mit einem Misserfolgserlebnis beenden. Bloß fort, fort von hier...
Nadine brachte Ikarus zurück in den Stall. Immerzu hatte sie das Gefühl, irgendeine fremdartige, bedrohliche Gestalt belauere sie lautlos, stünde direkt hinter ihr und könne ihr jederzeit eine Pranke mit scharfen Krallen auf die Schulter legen. Die Zeit, bis sie endlich damit fertig war, Ikarus´ schweißnasses Fell mit Stroh trockenzureiben, kam ihr endlos vor, und sie konnte sich kaum überwinden, alleine durch die spärlich beleuchtete Stallgasse zur Sattelkammer zu gehen, um das Zaumzeug wegzubringen. Die Kisten in der Sattelkammer wirkten im Halbdunkel wie Sarkophage. Dann machte sie sich auf den Weg durch die Thule-Weiden nach Hause.
Langsam schritt Nadine dahin. Wind raschelte durch die dürren Sträucher gleich körperlosen Stimmen, die Nadine locken wollten, ihnen in ihr Geisterreich zu folgen. Die Schatten der Zweige wanden sich auf dem Boden wie in einem verruchten Totentanz. Mühsam zwang Nadine sich, ruhig zu bleiben, bloß nicht schneller zu gehen. Sie wußte, wenn sie erst einmal ihrer drängenden Furcht nachgab, war sie verloren. Das Unheimliche, was immer es auch sein mag, egal, ob es wirklich irgendwo da draußen lauert, oder tief in mir drin im Labyrinth meiner Seele, es darf keine Macht über mich gewinnen, murmelte sie leise vor sich hin. Im Grunde genommen ist es sich nicht anders als bei einem Tier, einem dummen, unbeholfenen, feigen Hund beispielsweise... Sobald ich fliehe, spürt er seine Stärke und wird mich verfolgen, aber wenn ich mir meine Angst nicht anmerken lasse und mich ihm mutig entgegenstelle, wendet er sich winselnd und mit gesenkter Rute ab...
Zerbrochene Laternen. Rostige Gartengeräte auf einem Haufen. Ein umgeworfener, geborstener Kutschwagen aus morschem Holz. Daneben ein Bündel fauliger Lilien. Trockene Blätter wehten leise raschelnd über den Asphalt. Es klang, als ob zahllose kleine Füße umherhuschten. Ein dunkles, niedriges Gebäude schwamm vor Nadine aus der Dunkelheit empor, daneben die Shilouette eines knorrigen Baumes mit weit ausladenden Ästen. Und an einem dieser Äste hing, Nadine konnte es kaum fassen, ein Körper und pendelte sanft hin und her... Sie stöhnte auf vor Schreck. Ihre Knie schienen nachzugeben. Neben ihr erhob sich krächzend ein Vogel aus dem Gebüsch. Eine stärkere Windböe fegte über die Thule-Weiden hinweg, ruckartig bäumte sich der bisher nur leise schaukelnde Leib auf, krümmte sich dann wie in rasenden Schmerzen zusammen und sank anschließend zur Erde hinab. Nadine sah jetzt, daß es sich lediglich um eine dunkle Plane handelte, die sich im Geäst des Baumes verfangen hatte. Aber warum hatte dieses glatte, leblose  Stück Plastik gerade eben noch so... So organisch, so körperhaft irgendwie, gewirkt? Sie wandte den Blick zu dem Gebäude: Die ausgebrannte Ruine eines Gartenhauses. Klar, schon tausend Mal war sie hier vorbei gegangen, aber noch nie hatte das alte Gemäuer derart finster und bedrohlich ausgesehen. Ein schweigender Bote aus alten Zeiten, der ein unheilvolles Geheimnis barg... Plötzlich glaubte sie, sie Rauch zu riechen und den stechenden Geruch schwelenden Holzes, und gleichzeitig war ihr, als würde irgend jemand sie aus den toten, leeren Fensterhöhlen beobachten... Ein Wesen, daß sich nicht zu erkennen gab und sich nur heimlich an ihrer irrsinnigen Furcht ergötzte... Eine weitere Windböe fuhr jaulend durch die Zweige des Baumes, und jetzt konnte sie in den wogenden, sich pechschwarz vom Nachthimmel abzeichnenden Blättern Figuren erkennen, schuppige Echsen, sich windende Schlangen, Medusenköpfe, Nymphen mit hektisch zuckendem Fischschwanz, wehrhaft aufgerichtete Rösser, rollende Wellen, schäumende Gischt, züngelnde Flammen, und dann ein ein Inferno aus abscheulichen, grausam entstellten Fratzen, die über alles andere herfielen und es mit weit aufgerissenen Mäulern verschluckten...
Nadine rannte los. Panisch. Blieb mit ihrer Jacke an irgendeinem Strauch hängen und zerrte mit beiden Händen an den dornigen Ranken, bis sie wieder frei kam. Spürte kaum, wie das warme Blut zwischen ihren Fingern entlangtröpfelte. Höhnisch kicherte der Wind hinter ihr her. Sie legte an Tempo zu. Endlich – das glatte Band der Straße. Vor ihr ein schwarzes Loch: Die Unterführung. Nein, um nichts in der Welt würde sie in diesen höllischen Abgrund hinabsteigen! Nadine stürmte quer über das Feld. Stolperte hektisch durch aufgebrochene Rillen und Furchen. Dann wieder fester Boden. Bloß nicht stehenbeiben! Grelle Lichter direkt neben ihr. Bremsenquitschen, Hupen. Mit einem letzten Satz rettete sie sich auf den gegenüberliegenden Bürgersteig, stolperte dabei über den Bordstein und schlug mit voller Wucht auf den Boden. Für einen kurzen Moment wurde ihr schwarz vor Augen, und als die formlosen Schatten über ihr zusammenschlugen, dachte sie, verdammt, bin ich dafür geflohen – nur um letztendlich feststellen zu müssen, daß sie mich überall, auch jenseits der Thule-Weiden, jederzeit ergreifen können...
Keuchend richtete sie sich auf. Zwei junge Mädchen im hautengen Jeans und mit Ohrgehängen, die fast bis auf die Schultern reichten, starrten sie unverhohlen an. Eine dicke Frau redete mit schriller Stimme auf eine etwas jüngere Frau mit grauem Flanellhemd und wasserstoffblonden Haaren ein, wobei sie immer wieder vorwurfsvolle Blicke in Nadines Richtung warf.  „...hab ich doch gedacht, jetzt hätt´ es sie erwischt, die Kleine. Verdammt knapp war´s für sie. Dass sie noch entkommen ist – da muß eine ganze Heerschar von Schutzengeln am Werk gewesen sein. Das Auto war ja praktisch schon auf ihrer Höhe, als sie noch voll Karacho auf die Fahrbahn... Haben Sie´s denn nicht gesehen? Aber ich sag ja immer, warum müssen die jungen Leute auch dauernd so rennen und hetzen, ständig haben sie´s eilig, sind doch selbst Schuld, wenn dann mal was passiert, das alles kann kein gutes Ende nehmen...“
Gelangweilt schnitt die Wasserstoffblonde ihr das Wort ab. „Manchmal hat man eben Gründe, zu laufen, die kann niemand anderes verstehen.“ Mit einem vertraulich Zwinkern nickte sie Nadine zu. „Besonders, wenn man so wunderschöne, weltentrückte Nixenaugen hat wie du, nicht wahr?!“ Nadine wandte sich ab. Ein massiger Typ mit Dreitagebart, Bierdose in der Hand, Zahnlücke und  schmuddeligem Sweater grinste sie hintersinnig an. „Was bist du so gerannt? Die Bahn kommt erst in zehn Minuten, und was mich angeht – auf so was Süßes wie dich warte ich gern auch länger, aber dafür komme ich dann sofort.“ Er lachte dröhnend, und Nadine beschloß, schon mal zur nächsten Haltestelle vorzugehen. Anscheinend waren heute wirklich nur ausgesucht bescheuerte Gestalten unterwegs.

Endlich zu Hause angekommen. Nadine öffnete die Tür, und die Wohnung gähnte ihr wie ein schwarzer Schlund bedrohlich entgegen. Nervös tastete sie nach dem Lichtschalter. Huschte mit klopfendem Herzen den Flur entlang in die Küche und wünschte, sie wäre nicht alleine heute Abend. Auf dem Tisch lag ein Zettel mit einer Nachricht in Patrizias großzügiger, geschwungener, stark nach rechts geneigter Handschrift: „Liebe Nadine, ich hoffe, Du hattest einen schönen Tag. Wir sind erst im Little Mermaid essen und anschließend wahrscheinlich bei Aylin. Ich bin jederzeit auf dem Handy zu erreichen. Im Gefrierfach gibt´s noch Tofu-Kartoffel-Eintopf, den kannst du Dir in der Mikrowelle auftauen, wenn Du magst, oder lass Dir einfach eine Pizza kommen. Geld findest du wie immer auf der Kommode.“
Eine Botschaft aus einer glücklichen, friedvollen Welt, die so unendlich weit entfernt lag... Nadine hatte keinen Hunger. Sie schlich ins Wohnzimmer, ließ sich auf die Couch fallen und schaltete den Fernseher ein. Hoffte, sich auf diese Weise ablenken zu können von dem entsetzlichen Gefühl, dass in jedem anderen Raum oder vielleicht auch draußen, direkt vor dem Fenster, etwas Grausiges, Unnennbares auf sie warten könnte... Offenbar hatte sie irgendeine schlechte Talkshow erwischt. Eine dickbusige Dame mit dem aufgequollenen Gesicht einer Runkelrübe erzählte gerade von ihrem ersten Besuch im Swingerclub, während das Publikum begeistert applaudierte. Was für ein Scheiß. Nadine zappte weiter. Auf dem nächsten Programm lief eine wissenschaftliche Sendung über Meeresarchäologie. Auf einem Schiff bereiteten sich Taucher für eine Expedition vor. Dann wurden Fundstücke in einem Museum gezeigt, die winzige Statuette eines Pferdes aus Obsidian, steinerne Amphoren mit einem eingeritzten Muster aus Lilien, ein seltsam deformierter Klumpen, dessen Formen entfernt an ein Schiff mit hohem Bug und geblähten Segeln erinnerte... Mit einem Mal wurde Nadine schlecht. Eine neue Welle der Panik wallte über sie hinweg, und plötzlich hatte sie das Gefühl, sie habe ganz ohne eigenes Zutun eine verbotene Schwelle gekreuzt und müsse nun furchtbare Geheimnisse erfahren, die sie nicht würde ertragen können, ohne dabei wahnsinnig zu werden... Von einem unaussprechlichen Grauen erfüllt schaltete sie den Fernsehapparat aus, stürmte in ihr Zimmer, warf sich aufs Bett und vergrub den Kopf zwischen den Armen. Nein, sie wollte nichts mehr sehen, nichts mehr tun, nur noch schlafen und so den quälenden Gedanken an mögliches Unheil entrinnen... Die Stille schrie ihr ihre Einsamkeit entgegen. Hektisch schaltete Nadine das Radio ein und hörte gerade noch den Schluß von Wooden Ships.

 

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