AtlanticVisionCinemaIsland - Part 3

 

4. September

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Nadine Kühleborn

"Nadine, komm frühstücken, dein Kaffee ist fertig!"
Unwillig warf Nadine einen letzten Blick in den Spiegel und streifte den dunklen Kapuzenpulli über. Die schwarze Jeans schlackerte um ihre magere Hüfte, und Nadine zog den Gürtel enger. Resigniert stellte sie fest, daß ihre Haare heute mal wieder aussahen wie ausgebleichte Algen, und übellaunig streckte sie ihrem Spiegelbild die Zunge heraus. Ihr übliches Morgenritual. Dann gähnte sie lautlos. Wenigstens waren die Klamotten dunkel und unauffällig. Nichts dabei, was in irgendeiner Form provozierte. Und zum Glück wunderte sich zu dieser Jahreszeit niemand mehr, daß sie grundsätzlich nur langärmelige Kleidung trug. Nadine staunte immer wieder, wie unscheinbar sie im Grunde genommen wirkte.
Denn daß ihr Inneres ein gewaltiger Abgrund war, ein Labyrinth verworrener Visionen, durch das sie Nacht für Nacht in einem grausigen Reigen taumelte, durfte niemand wissen. Ja, irgendwo tief in ihr befand sich jene verwunschene Krypta ihrer Seele, die für sie eine letzte Zuflucht geworden war, ein fremder, versunkener Kontinent, der ihr allein gehörte, zu dem sie sich zurückzog, wenn das Dasein unerträglich war, und wo keine Erniedrigung, keine Demütigung sie je berühren konnte... Doch nachts forderte diese innere Welt ihren Tribut und peingte sie mit qualvollen Bildern, die Boten eines finsteren, sinistren Seins erwachten dann zum Leben, eine entstellte Parade schauderhafter Kreaturen kroch durch die Katakomben ihrer Träume, und das Grauen legte langsam seine verwesten Krallen um ihren Hals... Sie war eine einsame Wandlerin auf einem unheilvollen Pfad, den niemand außer je zu betreten vermochte.
„Nadine, wo bleibst du? In zwanzig Minuten fährt der Bus! Hast du schon deinen Ranzen gepackt?“
Nadine schreckte auf.  Montag Morgen. Gleich in der ersten Stunde Chemie, anschließend Sport. Horror pur!
Sie setzte ein forciertes, gequältes Grinsen auf und schlenderte in die Küche. "'n Morgen, Patrizia!"
"Hi Nadine! Du bist ganz schön spät an. Hier, dein Kaffee ist jetzt garantiert nur noch lauwarm. Gut geschlafen?"
Was für eine Frage! Die ganze Nacht lang war sie durch die Schattengewölbe ihrer Seele gehastet und hatte mit konturlosen Dämonen gerungen, die Erinnerung jagte ihr noch immer einen Schauer über den Rücken, und jetzt mußte sie sich so einen Mist anhören?! Sie riß sich zusammen. "Ja, danke, und selbst?"
"So lala... Meine Güte, du bist heute aber wieder erschreckend blaß! Totenbleich, glaub' mir! Richtig krank siehst du aus. Und du willst tatsächlich wieder nichts essen zum Frühstück?!"
"Du weißt doch, so früh am Morgen krieg' ich keinen Bissen runter.“
„Aber findest du nicht, du solltest wenigstens mal versuchen, ob...“
„Nö. Ich hab dir dich schon mal gesagt, bei den anderen ist das genau so. Mira, Biggi und so, du weißt schon. Keine Ahnung, vielleicht liegt´s grad an den Hormonen oder so. Die Pubertät. Meint Biggi auf jeden Fall.“ Sie zwang sich ein kümmerliches, mißglücktes Lachen ab, während sie innerlich weiterhin mit dem dunklen, namenlosen Grauen rang. Ihre Mutter Patrizia zuckte bedauernd die Schultern in dem eng anliegenden, apricotfarbenen Pulli. Nadine fiel auf, daß ihre exakt gezupften Augenbrauen zwei symmetrischen Bögen glichen.
"O.K., wenn du meinst... Aber dann nimm nachher wenigstens Geld mit und kauf´ dir unterwegs was Leckeres beim Bäcker, ja?! Mein Portemonnaie liegt draußen bei der Garderobe."
"Mhm. Danke. Echt lieb von dir!" Nadine nippte an ihrem angeblich abgekühlten Kaffee, verbrannte sich die Zunge und verschüttete vor Schreck fast den gesamten restlichen Inhalt ihrer Tasse. Ein Scheißtag war das! Patrizia seufzte. Ihre langen, bordeauxroten, exakt gefeilten Fingernägel trommelten ungeduldig auf die Tischplatte.
„Kannst du denn nicht aufpassen, ich hab dir doch schon tausendmal gesagt...  Na, egal, ich muß los. Drück' mir die Daumen, daß der Nissan heute ausnahmsweise mal direkt anspringt! Ciao!"
Mechanisch nickte Nadine und gähnte erneut. Sie wußte nicht, welche Welt schlimmer war: Jener dunkle Kerker ihrer Seele, in dem Nacht für die Nacht die Angst ihren Rachen aufsperrte und Nadines Verstand zu verschlingen drohte, oder die alltägliche Welt, die sich zwar auf den ersten Blick hell und freundlich präsentierte, aber in der ebenfalls an jeder Ecke, hinter jedem scheinbar freundlichem Lächeln, jeder vermeintlich wohlwollenden Geste, Haß und Missgunst lauerte... Ja, die Fassade der Nacht war der Schlummer, die Fassade des Tages die Fröhlichkeit, doch beide konnten nur kurzzeitig die Hölle verbergen, die uns ewig gefangenhält. 

In der Straßenbahn war natürlich mal wieder kein Sitzplatz mehr frei. Kein Wunder: Was kann ein Tag schon bringen, der mit dem Aufstehen anfängt?! Eigentlich hatte Nadine jetzt noch schnell die Latein-Hausaufgaben erledigen wollen, stehend erwies sich dies jedoch als ein recht aussichtsloses Unterfangen. Resigniert schob sie mit dem Fuß den Ranzen beiseite. Ihre Unlust, sich tatsächlich in die verhasste Schule zu begeben, wuchs. Durch das schmutzige Fenster beobachtete sie, wie zwischen den Trümmern der Nacht allmählich der fahle Morgen heranbleichte, indem eine matte, kränkliche Sonne über den grauen Horizont kroch, sich gelangweilt zwischen den Wolken hervorschob, einen Blick auf die einheitlichen Vorstadthäuser mit den winzigen, akkurat abgeteilten Gärten riskierte und diesen neu angebrochenen Tag in einer tristen Stadt schon jetzt mindestens genauso zu verabscheuen schien wie sie, Nadine selbst, es tat. Träge und stinkend zog der Fluß dahin, gleich einem Schweißbach, der über den Körper eines Onanierenden rinnt. Über den nur schemenhaft in der Ferne erkennbaren, weit jenseits den Grenzen der Stadt liegenden Hügeln hing schleierförmig weißer Nebel, beraubte diese Shilouette zärtlich ihrer harten, starren, kompromißlosen Formen und schien jene Gegend so in ein mystisches, sternengesäumtes Elfenreich aus irgendeiner längst in Vergessenheit geratenen Sage zu verwandeln.

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Sylvia Vrickschat-Höhlerien

Sie war erstaunlich früh wachgeworden, und seitdem schleppte sich die Zeit träge dahin. In der Nachbarwohnung dudelte ein Radio. Schlagermusik. Der Tag war leer und bedeutungslos. Sylvia trank einen Kaffee mit Rum. Es half nur wenig. Fahles Sonnenlicht zeichnete sich gemächlich bewegende Staubkringel in die Luft. Die kahlen Wände sendeten ihr einen bleichen, stummen Gutenmorgengruß entgegen und atmeten dabei sterile Gleichgültigkeit aus. Bonjour Tristesse. Welcome at the Gateway to endless Melancholy. Sylvia trank Rum pur. Setzte sich auf den schäbigen Tisch, steckte sich einen Schokoriegel in den Mund und beschloß, dies als Frühstück zu bezeichnen. Versuchte, sich an der Vorstellung zu erfreuen, was Hermann, der Exakte, der Akkurate, der penible Verfechter gesunder Ernährung, zu ihrem Verhalten sagen würde und hoffte, sich nun wild und verwegen vorzukommen. Es misslang. Stattdessen fühlte sie sich so erbärmlich wie selten zuvor.
Bestimmt bereitete Hermann genau in diesem Augenblick auf einem Stichwortzettel bevorstehende Gespräche mit wichtigen Kunden "seiner" Firma vor. Vielbeschäftigt und unentbehrlich für alle Mitarbeiter, wie immer. Ihr Fehlen am Küchentisch würde er in diesem Moment kaum bemerken. Vielleicht trug er gerade den Sacco, den sie ihm letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hatte und trank seinen Kaffee aus jener dickbauchigen, lila gemusterten Tasse, die sie selbst sonst zu benutzen pflegte...
Sylvia lehnte sich zurück und starrte auf die fleckige Wand über dem Herd. Hatte das Gefühl, ganz in ihrer eigenen Schwere zu versinken, sich nie wieder auch nur zu irgendeiner Bewegung aufraffen zu können... Sie stellte fest, daß sie fror und eigentlich einen wärmeren Pulli überziehen sollte. Blieb dennoch sitzen. Wozu sich um irgend etwas bemühen, wenn doch letztendlich eh alles sinnlos war, wenn sie genau wußte, daß sie sich eh keinen Deut besser fühlen würde, egal, ob mit oder ohne Pulli...
Es hatte heute keinen Grund gegeben, aufzustehen und der freudlosen Welt entgegenzutreten, ebenso wenig wie gestern oder vorgestern, und ebenso wenig, wie es morgen einen geben würde, nie wieder vielleicht; dennoch war ihr auch keine Rechtfertigung eingefallen, einfach im Bett liegen zu bleiben.
Ja, natürlich, am besten wäre, sie würde sich jetzt ablenken. Schließlich taten das all die munteren, selbstbewußten Single-Frauen in den Romanen, die sie früher so leidenschaftlich gern gelesen hatte, auch immer. Die konnten das, einfach so etwas unternehmen, bummeln gehen, Abends interessante Konzerte besuchen, und schwupps – schon hatten sie innerhalb kürzester Zeit eine Menge neuer Freundinnen gefunden, vielleicht sogar den ein oder anderen Verehrer, und schon war der trübselige Ex vergessen. Nur sie selbst war offenbar unfähig, auch nur die geringste Anstrengung zu unternehmen. Wozu auch? War doch egal, ob es ihr schlecht ging oder nicht. Sie hatte das Gefühl, isoliert zu sein, isoliert von einer freudigen, erregenden Welt, die da draußen, irgendwo anders, fernab von ihrem eigenen Leben, stattfand, isoliert selbst von den eigenen Wünschen, eingesperrt in ihrem Kummer, an dem jeder hilfreiche Gedanke abprallte... Und niemand würde sich bemühen, die da rauszuholen... Inzwischen existierte nicht mal die Aussicht auf jene geheuchelte Vertrautheit am Abend, mit der sie und Hermann einander so lange über das vollkommene Desinteresse hinweggetäuscht hatten und die ihr doch dank ihrer Alltäglichkeit das Gefühl von Heimat und Sicherheit hatte vermitteln können...
Sylvia begann zu weinen und wusste, niemand würde zufällig hereinkommen und ihren Kummer sehen, sie tröstend in die Arme nehmen, beruhigende Worte in ihr Ohr murmeln...
Ja, sie hatte Hermann fast abgöttisch geliebt!
Seine friedliche Gelassenheit. Sein Selbstbewusstsein, das niemals laut und aufdringlich erschien. Seine Geduld, wenn er ihr irgendeinen komplizierten Sachverhalt oder die Funktionsweise eines technischen Gerätes erklärte. Seine stolze Souveränität in allen nur erdenklichen Lebenslagen. Das Funkeln seiner Pupillen, wenn er sich bei einem seiner Lieblingsthemen in Begeisterung redete. Seine Sanftheit im Umgang mit Tieren. Seine Umarmungen. Seine wunderbar weiche, glatte, beinahe seidige Haut. Der beruhigende Lavendelgeruch seines Rasierwassers im Schlafzimmer, sogar dann, wenn er gar nicht zu Hause war. Und dazu all die zahllosen kleinen Wunder, die er stets aufs Neue vollbracht hatte und zu denen auschließlich er fähig war... Ja, nur Hermann hatte unter ihren Tränen immer wieder ein leises Lächeln hervorzaubern können, er allein war in der Lage gewesen, einen tristen, trüben Novembertag in ein kleines Fest zu verwandeln, lediglich er vermochte ihre Ängste, ihre Zweifel und ihre Einsamkeit mit einem einzigen Wort hinwegzuwischen und nur er konnte durch einen Blick, eine Geste, eine winzige Berührung das Gefühl in ihr wecken, ihr zuvor noch so klägliches Leben habe sich plötzlich in eine Ansammlung verheißungsvoller Tage verwandelt und nichts könnte ihre künftigen Freuden je trüben...
Wie oft schon hatte sie sich nachts in seine muskulösen Arme geschmiegt und war vom Glück, hier neben ihm liegen zu dürfen, so erfüllt gewesen, dass sie kaum einschlafen konnte; ja, nicht einmal laut zu atmen gewagt hatte vor Angst, alles könnte sich bloß als ein schöner, flüchtiger Traum erweisen...
Tränen rannen über ihre Wangen. Der Schmerz war kaum zu ertragen. Sylvia sehnte sich danach, ihre Gedanken und Erinnerungen auf immer auslöschen zu können.
Schließlich hatte sie das alles doch nicht so gemeint!
Hatte bloß bluffen wollen, ihm Angst einjagen, ihn zum Reden, zur Auseinandersetzung zwingen, als sie mit gepackten Koffern vor ihm stand.
Warum also hatte er sie nicht festgehalten, sich nicht geweigert, sie so einfach ziehen zu lassen?! Warum, verdammt noch mal, zeigte er nicht bereit, alles daran zu setzen, ihre Liebe zurückzugewinnen?
Insgeheim war sie während der ersten Tage immer noch davon ausgegangen, jeden Moment müsse Hermann vor dem Hotel stehen und sie bitten, wieder zurückzukommen, mit zerknirschtem Gesicht und hängenden Schultern, wie schon so oft, wenn er bereit war, einen Fehler einzugestehen oder zumindest so tat als ob, und seinen üblichen Satz sagen, alles wird gut, my Honey, aber bitte, lass uns drüber reden...
So oft hatte er diese Dinge gesagt... Wir lieben uns, wir schaffen das schon... Alles wird gut... Unsere Liebe ist groß genug, um alles zu ertragen, jede Krise  zu überstehen... Ich weiß, es ist schwierig, aber ich glaube an uns...
Klar, in den letzten Jahren hatte er nicht mehr so oft von ihrer vermeintlich so starken, unbezwingbaren Liebe gesprochen, wenn es nicht unbedingt nötig war und irgendein Streit es zwecks Versöhnung erforderte. Vielleicht hatte der Beruf ihn zu sehr vereinnahmt, um daran zu denken. Natürlich tat es Sylvia weh, dass für sie die Stunden mit Hermann das wichtigste Ereignis überhaupt waren, der Höhepunkt des Tages, auf den sie hinlebte und nach dem sie stets all ihr Denken und Handeln ausrichtete, während Hermann das Zusammensein mit ihr lediglich als Randerscheinung seines Lebens betrachtete, als wohlverdienten, aber belanglosen Ausklang eines ereignisreichen Tages... 
Aber Männer sind eben so, hatte sie sich gesagt. Schließlich stand das ja auch in all den Zeitschriften, den Beziehungs-Ratgebern, und außerdem bestätigten das all die anderen Frauen, mit denen Sylvia über Beziehungen sprach, immer wieder.
...Na ja, Männer halt. Können ihre Gefühle nicht zeigen. Erst recht nicht drüber reden. Wer pathetische Liebeserklärungen erwartet oder gar hofft, am Hochzeitstag würde der Gatte mit einem Strauß roter Rosen auftauchen, hat sich getäuscht. Ihre Zuneigungen drücken sie in kleinen, alltäglichen Dingen aus. Vielleicht hat er mal dein Auto gewaschen oder ein neues Bücherregal gezimmert oder Unkraut gejätet in deinem Blumenbeet? Na also. Das ist seine Art, zu zeigen, wie viel du ihm bedeutest. Also nörgle nicht, wenn du dich ungeliebt fühlst – er hat schließlich, zumindest aus seiner Sicht, genügend Liebesbeweise erbracht. Du würdest ihn nur unnötig kränken. Natürlich fühlt sich der Alltag an wie eine Grube voll Scheiße, wenn du denkst, deine Träume, deine Sehnsüchte würden zerschellen am Zusammenleben mit einem Mann, der deine innige Liebe nicht erwidert, aber versuche, die Perlen, die in der Scheiße schwimmen, herauszufischen und dich an ihnen zu erfreuen. Vielleicht ein Kneipenabend mit Kumpels, den er hat sausen lassen, weil´s dir gerade nicht gut ging und er dich pflegen wollte. Oder das Fußball-Länderspiel, das er schweren Herzens nicht angeschaut hat, weil ausgerechnet an dem Abend ein Film mit George Clooney kam, den du unbedingt sehen wolltest. Na bitte. Romantik? Männer sind keine Romantiker. Wenn du Romantik willst, geh ins Kino, aber verliebe dich nicht.
Sie waren so tröstend gewesen, diese Worte. Dank ihnen hatte Sylvia es immer wieder geschafft, Liebesbeweise zu entdecken, Hermanns vermeintliches Desinteresse als Nichtigkeit abzutun, freudig Rücksicht zu nehmen… Und doch hatte tief in ihr drin stets die Unzufriedenheit geschwelt, die ferne Ahnung, dass irgendwo etwas Großartiges auf sie warten müsse, ein wildes, gewaltiges Dasein voll brausender Leidenschaft und Lebenslust, von dem sie sich mit jedem Zugeständnis, das sie machte, jedem Kompromiß, den sie einging, jedem Tag, an dem sie ihre Wünsche hinten anstellte, ohne aufzubegehren, immer mehr entfernte…
Natürlich hatten die Jahre sie gelehrt, realistisch zu werden. Das Leben ist nun mal kein Wunschkonzert, sondern eine grottenschlechte Radiosendung, bei der du dankbar sein kannst, wenn ab und zu mal ein halbwegs ordentlicher Hit gespielt wird. Den Sender wechseln? Ach was. Pubertäres Geschwätz.
Wie all die andere Frauen auch, die sie kannte, hatte sie sich gediegen gekleidet, ihren Gatten zu wichtigen Abendveranstaltungen begleitet, ihm zugehört, wenn es Probleme in der Firma gab, und sich eingeredet, sie sei der glücklichste Mensch der Welt, als er ihr offenbarte, dass es ihnen nun, da er endlich in der Firma aufgestiegen war, möglich sein würde, ein eigenes Haus zu kaufen, selbstverständlich in einem der gehobeneren Vororte. Sie hatte all ihre Lebensgier, all ihre Sehnsüchte, all ihr trotziges Aufbegehren weggepackt, zusammen mit den bunten Blusen und ausgefransten Röcken, die sie einst getragen hatte, und hatte sich dabei eingeredet, sehr reif und erwachsen zu handeln.
Und doch – insgeheim waren ihre Träume von einem besseren Sein stets eine Hintertür gewesen, die sie vielleicht nicht bewusst offengelassen hatte, aber durch die doch stetig der verheißungsvolle Wind des Glücks wehte und sie mit betörender Stimme nach draußen locken wollte... Sie hatte sich selbst gehasst dafür, gehasst, daß sie nicht so einfach zufrieden sein konnte wie all die anderen Frauen, gehasst, daß sie immer irgend etwas auszusetzen hatte an ihrem Zusammenleben mit Hermann, gehasst, dass ihr Fernweh sich auch durch all die teuren Reisen, die Hermann mit ihr unternahm, niemals stillen ließ...
Gewiß, sie hatte sich Mühe gegeben. Hatte versucht, den Wind des Glücks hineinzulocken, hinein in ihr Leben, ihre Liebe... Schließlich hatte sie immer wieder versucht, mit Hermann zu reden!
Und wo war sie jetzt gelandet, wo hatte ihr ewiges Streben nach einem freudvollen Sein sie hingeführt?
In ein heruntergekommenes Ein-Zimmer-Appartement in der Weststadt, wo es jeden Tag aufs Neue darum ging, sich der Einsamkeit, dem Kummer, dem Schmerz zu stellen, ohne Aussicht, dass sie sich irgendwann besser fühlen würde...
Jetzt war es endgültig um Sylvias Fassung geschehen. Sie schluchzte laut auf, und dann weinte, weinte, weinte sie, als hege sie die vergebliche Hoffnung, auf diese Weise endlich ihre verwundete Seele fortschwemmen zu können oder womöglich selbst ganz in Tränen zu zerrinnen...
Nebenan wurde das Radio lauter gedreht.

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