~ ° ~ *  ~ ° ~ 21. Oktober (Fortsetzung) ~ ° ~ * ~ ° ~

~ Nadine ~

Sie saßen gemeinsam beim Abendessen, Nadine und Richie, es gab Karotten-Zwiebel-Auflauf mit Champignon-Soße, und Nadine stocherte lustlos auf ihrem Teller herum. Sie hatte keinen Hunger. Das kalte, feindliche Unbehagen ballte sich wie eine Faust in ihrem Magen zusammen. Die Albträume waren in der vergangenen Woche noch schlimmer geworden, und allein bei dem Gedanken daran, dass die Dunkelheit bereits um das Haus schlich und ihre schwarzen Klauen nach Nadine ausfuhr, dass schon in wenigen Stunden erneut die vertrauten schauerlichen Bilder von verzerrten Fratzen und brennenden Sturzbächen, von erhängten, verbrannten und verstümmelten Nixen, von kenternden Schiffen und von Blutschlieren auf der Meeresoberfläche über sie hereinbrechen würden, wurde Nadine übel vor Angst. Sie rührte in der sämigen rötlichbraunen Sosse herum, verteilte sie kunstvoll auf dem Tellerrand und zerdrückte einige Karottenstücke, um zumindest den Anschein zu erwecken, sie habe eifrig dem Essen zugesprochen und nicht etwa eine ganze Portion, sondern bloß ein paar unansehnliche Reste übriggelassen. Richi bemerkte nichts von alldem und erzählte eine langwierige Geschichte, wie bei der Arbeit ihrer Abteilung kürzlich ein schwerwiegender Fehler unterlaufen war und wie ihr Chef ihr die Schuld dafür zuschieben wollte, fälschlicherweise angeblich, aber wie sich aufgrund ihrer Beliebtheit und ihrer allgemein bekannten Kompetenz das gesamte Kollegium geschlossen hinter sie gestellt hatte und für sie eingetreten war. Nadine hörte zu und spürte, wie die lähmende Schwere sich immer weiter in ihrem Körper ausbreitete. Nein, dachte sie traurig, so lebhaft, souverän und selbstbewusst wie Richie würde sie wohl niemals sein. Auch ihr Vater war, so viel sie wusste, ein tüchtiger, erfolgreicher, tatkräftiger Geschäftsmann, und ihre Schwester Clarissa, die damals, nach der Scheidung, zum Vater gezogen war, war ebenfalls hübsch, attraktiv und charmant und hatte darüber hinaus in diesem Sommer ihr Abitur mit 1, 3 bestanden und studierte jetzt Medizin. Nur sie, Nadine, war stets so plump, langweilig und unbeholfen... Sie fühlte sich wie ein Fremdkörper in dieser Familie, und nicht zum ersten Mal fragte sie sich, ob sie nicht möglicherweise versehentlich direkt nach der Geburt im Krankenhaus vertauscht worden war.
Richie unterbrach Nadines trübsinnige Gedanken. „Aber jetzt erzähl doch mal, was hast du so erlebt?“ forderte sie eifrig. „Wir haben uns ja kaum gesehen diese Woche... Was macht denn die Schule?“
„Och... Na ja, nichts Besonderes,“ murmelte Nadine. Nein, von Mira Nova, die gestern in der Fünfminutenpause Nadines Lateinbuch aus dem Fenster des dritten Stocks geworfen hatte, und von Birte und Cora und Isabell und all den anderen, die Nadine währenddessen festgehalten und ihr die Arme auf dem Rücken verdreht hatten, konnte sie wirklich nicht erzählen! Richie würde doch nie verstehen, dass ihre eigene Tochter so hilflos, so unbeliebt und so willkürlich den Launen und Demütigungen anderer ausgesetzt war... Richie ließ jedoch nicht locker. „Wie läuft´s in Bio?“ fragte sie. „Kommst du da im Moment zurecht? Und was machen deine Freundinnen?“
Nadine stöhnte innerlich auf, während sie sich mit fahrigen Bewegungen ein Glas Wasser eingoss. Gewiss, wenn sie munter und ausgeruht war, genoss sie es, heitere Geschichten und Anekdoten über ihre vermeintlichen Freundinnen zu erfinden, dabei regelrecht in diese imaginäre Welt einzutauchen und sich so zumindest für kurze Zeit selbst zu täuschen und sich der Illusion hinzugeben, sie sei eine beliebte, sorglose Schülerin – aber an solchen Tagen wie heute, wenn sie sich einfach nur müde, kraftlos und ausgelaugt fühlte, wenn ihre Gedanken auf einem Karussell des Grauens immer nur im Kreis fuhren und wenn die Angst unentwegt an Nadines Verstand nagte, gab es kaum etwas Zermürbenderes, fand sie, als zu lügen, erfinderisch und kreativ zu sein und so angestrengt ihre Maskerade in diesem närrischen Gaukelspiel aufrecht zu erhalten... Nadine sehnte sich nach Ruhe, Verständnis und vor allem danach, sich ein Mal, ein einziges Mal nur, in blindem Vertrauen einfach fallen zu lassen. Nichtsdestotrotz strahlte sie Richie herzlich an: „Bio ist zwar tierisch anstrengend gerade, aber insgesamt läuft´s ganz gut, würde ich sagen. Und Mira... Du, Richie, stell dir vor, Mira hat sich jetzt tatsächlich noch mal mit diesem schrägen Typen getroffen, im Rex Lacerte, das ist irgendeine komische Szenekneipe, meinte sie, und seitdem ist sie komplett hin und weg! Der Typ verarscht sie nur, aber Mira lässt sich alles gefallen! Heftig, oder?!“
Im Grunde genommen interessierte es Nadine nicht im Geringsten, was Mira in ihrer Freizeit tat, sie hatte die Sache mit diesem halbwahnsinnigen Freak namens Morgan, auf den Mira anscheinend derart abfuhr, nur zufällig mitbekommen, Mira prahlte es ja laut genug herum, aber Richie zuliebe gab sie sich Mühe. Nadine wusste, Richie war so stolz auf sie, und sie selbst liebte und bewunderte Richie zu sehr, niemals hätte sie ihr eine solche Schmach antun können... Nein, lieber schwieg sie, aus Scham und aus Angst, dass hinterher alles nur noch schlimmer werden könnte.
Richie lächelte milde: „Nun, ein bisschen Verständnis solltest du für deine Freundin schon haben. Du hast mir ja selbst erzählt, dass Mira ein sehr schlechtes Verhältnis zu ihren Eltern hat und über persönliche Dinge gar nicht mit ihnen sprechen kann; na, und ich war ja auch richtig entsetzt, als ich beim letzten Elternabend Frau Nova kennen gelernt habe, so eine altmodische, konservative und distanzierte Person... Da ist es doch kein Wunder, dass Mira in irgendwelchen Beziehungen jene Geborgenheit sucht, die sie zu Hause nicht findet und sich dabei natürlich auch sehr leicht von dubiosen Typen beeinflussen lässt.“ Und Nadine fand es regelrecht zynisch, dass Richie nun fortfuhr: „In gewissem Sinne kann ich Mira sehr gut verstehen, bei mir war es früher ja ganz ähnlich... Und glaub mir, ich bin richtig froh, dass es bei uns beiden, dir und mir, völlig anders läuft und wir uns so gut verstehen und offen und ohne jede Heimlichtuerei miteinander reden können!“

Später lag Nadine im Bett und wurde wieder einmal von Gewissensbissen geplagt. Mensch, Scheiße, Richie, was ist bloß mit uns los?! dachte sie resigniert; warum nur müssen wir auf eine so grausame Weise aneinander vorbeileben? Warum gelingt es uns nicht, das Schweigen zu brechen und einfach aufeinander zuzugehen? Im Grunde genommen ist es doch die gleiche unheilvolle Flamme, die in uns beiden brennt – nämlich das Feuer der Einsamkeit und des rastlosen Aufbegehrens... Du hast es mir ja oft genug erzählt; deine Eltern waren alt, ernsthaft, verbohrt und weigerten sich, Verständnis für dein Leben aufzubringen, für deine Musik, deine Freunde, deinen Hunger nach Glück und unbeschwerter Fröhlichkeit, und nun willst du für mich genau die Mutter sein, die du dir immer gewünscht hast – modern, munter, lebensfroh... Du kaufst mir hübsche Kleider und lädst mich zum Eis im teuersten Café der Stadt ein, einfach so; und ich bin überzeugt, wenn ich mit irgendwelchen typischen Teenager-Sorgen zu dir käme, es gäbe keine bessere Freundin und Ratgeberin als Dich! Hätte ich Liebeskummer oder Streit mit Lehrern – niemand würde mich so unterstützen wie du! Du gibst mir deine Liebe und deine Zuneigung und willst nichts anderes, als dass es mir gut geht – aber warum, verdammt noch mal, traust du mir nicht zu, selbst zu entscheiden, was richtig  für mich ist? Warum setzt Du grundsätzlich dich selbst als Maßstab? Warum erstreckt sich dein vermeintliches „Verständnis“ immer nur auf das, was zu begreifen dir nicht schwerfällt, weil es identisch ist mit deinem eigenen Lebensmodell? Oder erschreckt es dich, wie ähnlich wir einander sind? Fürchtest dich vor deinem eigenen Spiegelbild, das ich verkörpere? Denn wir ziehen einander unweigerlich an und lassen uns dennoch gegenseitig im Stich... Wir sind uns gleichzeitig so fremd und vertraut... Oder bin alleine ich Schuld – bin ich roh und undankbar, und du hättest eine viel aufgeschlossenere, ehrlichere und mutigere Tochter verdient als mich...
Nadine warf sich unruhig hin und her. Das Gefühl, sich immer tiefer in ihr Netz aus Verrat und Lüge zu verstricken, ließ sie nicht zur Ruhe kommen. Sie haßte und verachtete sich selbst. Und, kam Nadine ausgerechnet jetzt in den Sinn, da inzwischen sogar die Gefahr bestand, dass Ruth ihr verbieten würde, die Vormittage bei Ikarus zu verbringen, zog die Schlinge des Verderbens sich immer enger um sie zusammen. Seit der Auseinandersetzung mit Frau Berthald hatte Nadine sogar die Stunden auf Hof Vineto nicht mehr richtig genießen können. Durch das Fenster fiel der Vollmond genau auf ihr Bett. Das weiße Nachthemd klebte unangenehm an Nadines Körper. Und dann all die furchtbaren, absonderlichen Träume, Nacht für Nacht! Wie immer, wenn die Müdigkeit von ihr Besitz ergriff und sie kurz davor war, endgültig in den Schlummer hinüberzugleiten, keimte ein unbestimmtes Entsetzen in Nadine auf, und sie hatte plötzlich das Gefühl, beobachtet zu werden von einem fremden Wesen, das sich jenseits von Zeit und Raum aufhielt... Ja, der Moment, in dem der Schlaf sie überwältigte, war das Schlimmste überhaupt! Nadine haßte es, sich direkt unter unter der Haut des Schlafes zu befinden; schließlich wusste man nie, ob man wieder auftauchen würde... Sie fand, es war ein ähnliches Gefühl wie im Schwimmbad, wenn man vom Fünfmeterbrett grsprungen ist und ins strudelnde, schäumende Wasser eintaucht - oben kannst du zwar das Licht sehen, und du weißt, die Schwerkraft und die eigene Lebensgier werden dich unweigerlich wieder an die Wasseroberfläche drücken, aber trotzdem überfällt dich für einen kurzen Augenblick immer die Angst, dass es diesmal aus irgendeinem Grund nicht gutgehen wird... Ja, genauso fühlte sich der Moment vor dem Einschlafen an, überlegte Nadine. Nur mit dem Unterschied, dass es im Wasser nie lange dauerte, bis man wieder auftauchte, während die Nacht sich über viele Stunden hinzog... Und auch jetzt waren der Wahnsin und die Angst allgegenwärtig; wie Kellner in einem vornehmen Restaurant, die dicht hinter den Stühlen der Gäste warten, jederzeit bereit, ihnen einen neuen Drink einzuschenken. Ja, sie war nur einen einzigen Atemzug vom Abgrund entfernt; sie, der schattengejagte Harlekin in den Katakomben ihrer Seele, das unheilvolle Saturnuskind... Ihre Tage waren ein Labyrinth hässlicher Bilder und vibrierender Gedanken, ein Ozean aus niederen Grausamkeiten und Gemeinheiten, in dem sie sich nur mühsam behaupten konnte, und angstumflort waren auch ihre Nächte, wenn sie hilflos dem Sog ihrer Gedanken ausgeliefert war und nicht wusste, ob irgendwo am Meeresgrund ihrer Seele vielleicht ein Schatz verborgen war, oder ob dort bloß das ewige Verderben lauerte, ihr Sprung in den Untergang... Das Grauen überwältigte sie. Nadine schaltete die Nachttischlampe ein und griff nach der kleinen herzförmigen Schatulle auf ihrem Nachttisch.

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~ Randy Ray ~

Den Rest des Abens hatte Randy Ray nur noch sehr verschwommen in Erinnerung. Er wusste noch, er hatte zusammen mit Inga, Esther, Angela und Flori herumgestanden, trübsinnig an seinem Cuba Libre genippt und einsilbige Antworten gemurmelt, wenn man ihn etwas fragte. Wie Inga prophezeit hatte, war die Band zum Erbrechen schlecht, und während Inga, Esther, Angela und Flori aufgeregt aufeinander einredeten, hatte Randy Ray immerzu an das vorangegangene Gespräch mit Inga denken müssen und sich dabei richtig mies gefühlt. War er tatsächlich so egozentrisch und unerträglich, wie Norman offenbar dachte? Was, wenn Norman wirklich aussteigen würde aus Libertalia? Könnten sie dann je wieder einen Keyboarder finden, der so brilliant war wie Norman und der es vor allem dauerhaft mit ihm, Randy Ray, aushielt? War er selbst vielleicht, ohne es zu wissen, Libertalias Untergang? Was, wenn die übrigen Bandmitglieder insgeheim Normans Meinung teilten? War es tatsächlich purer Zufall, dass außer Inga heute Abend angeblich niemand Zeit hatte, noch mit auf die Party zu kommen? Und hatte Timon ihm nicht vorhin hinter seinem Rücken einen richtig bösen, hasserfüllten Blick zugeworfen? Aber verdammt, Libertalia war für ihn inzwischen weit mehr als irgendein belangloses Hobby. Libertalia war sein Leben, seine Zukunft, seine Berufung, sein Göück und seine Freude! Oh, um nichts in der Welt wollte er mehr auf dieses rauschhafte Gefühl verzichten, von Beifall umtost auf einer Bühne zu stehen, im Blitzlichtgewitter der Aufmerksamkeit, und seine Lieder zu singen... Und wenn er nicht mehr regelmäßig die Initiative ergriff, würde er damit ebenfalls das Ende von Libertalia herbeibeschwören – dann würde nämlich wieder alles genauso laufen wie in der ersten Zeit, sie würden nur planlos herumlärmen, sich dabei zwar großartig amüsieren, auf Dauer aber nichts Nennenswertes auf die Reihe bekommen und deswegen allmählich die Lust verlieren...
Bedrückt schaute Randy Ray sich um. Sein Schatten wirkte im rötlichen Diskolicht wie eine Blutlache. Mit einem Mal fühlte er sich entsetzlich einsam. Ja, er gehörte nicht hierher, er war unnötig, ein Stachel im Fleisch der Welt... Egal, was er tat, es war falsch. Er kam sich vor, als sei er versehentlich in einen falschen Film versetzt worden, dessen Handlung er nicht kannte, wo es für ihn nichts Sinnvolles zu tun gab und wo zweidimensionale Zellophanfiguren, deren Verhaltensweisen ihm ewig unerklärlich und rätselhaft bleiben würden, ihn mit voyeuristischer Neugierde anstarrten, als ob sie irgendwie ahnten, dass er nicht hierhergehörte. Randy Ray fühlt sich wie ein Eremit inmitten der Menschenmassen, ja, ein heimatloser Mann, der rastlos durch die Wüste des Lebens streift...

Irgendwann, Randy Ray wusste nicht, wie lange er so herumgestanden hatte, kam Inga und brachte ihm einen zweiten Cubra Libre und brüllte ihm dabei irgendwas ins Ohr wegen der Rumflasche, die die anderen mit auf die Party geschmuggelt hatten und dass er bloß keine Hemmungen haben sollte, davon zu trinken, er solle sich nur nicht wieder erwischen lassen, und sie versuchte, Ray tröstend auf die Schulter zu klopfen, auch wenn sie sich dazu ziemlich strecken musste und fast umfiel, anscheinend hatte sie ihren eigenen Ratschlag bereits ausgiebig beherzigt, und Ray war fast schon gerührt, wie besorgt Inga um ihn war, und gehorsam hatte er einen großen Schluck getrunken und war dann Inga hinterhergetrottet, um sich zeigen zu lassen, in welchem Rucksack die Rumflasche versteckt war und um auch gleich sein Glas aufzufüllen, Inga hatte ihn lobend angelächelt, und schließlich, es musste etwa in der Mitte des dritten Cuba Libre gewesen sein, hatte Ray plötzlich gedacht, hey, Scheiß drauf, ich werde mir doch nicht so einfach den Abend verderben lassen, nein, auch wenn man mich noch so sehr haßt, und auch wenn morgen alles den Bach runtergeht, zumindest jetzt, in diesem Moment, soll niemand Macht über über mein Denken haben, niemand soll mich beherrschen, indem er meine Laune beeinflusst und mir die Party vermiest, erst recht nicht Norman; ich bin ein freies Wesen, ich werde dem Unheil lachend ins Gesicht spucken, ich will den Tango des Lebens auf meine Weise tanzen, ekstatisch und immer am Rande des Abgrunds, und dazu brauche ich eure Erlaubnis nicht; trotzig warf er seine Haare in den Nacken und trank sein Glas in einem Zug aus, jawoll, dachte er, ich hab mir in meinem Leben schon so manche Frau schöngetrunken, da werde ich es ja wohl auch schaffen, mir heute die Welt schönzutrinken, diese elende alte Hure... Inzwischen hatte die Band aufgehört zu spielen und der DJ legte endlich gute Songs auf, die Musik streichelte Randy Rays wunde Seele, und kurz darauf hatte er bei Inga, Flori, Angela und Esther gestanden, die vier hatten heute offenbar einen gesegneten Durst, alle schrieen und johlten durcheinander, Esther gab irgendwelche Anekdoten aus ihrem Job zum Besten, sie arbeitete als Küchenhilfe in einem Heim für psychisch Kranke und war offenbar der Meinung, ihre Kollegen seien wesentlich durchgeknallter als die Insassen, Inga faselte was von einem Salamender, den sie neulich gefunden hatte, und dann ging es um den Undine-Film, der demnächst im Kino anlaufen sollte, Esther meinte, sie hätte bereits Karten für die Premiere reserviert, so freue sie sich darauf, aber Flori unterbrach sie und kreischte, das sei ja wohl der übelste kommerzielle Kitsch, von dem sie je gehört hätte, und Ray brüllte und lamentierte mit, gierig trank er seinen Cuba Libre, und irgendwann später dann hatte er mit Esther an der Bar gestanden, und oh, Esther war absolut großartig, sie redete aufgeregt auf ihn ein und gestikulierte dabei wie wild, so dass die Umstehenden sich bereits verwundert nach ihr umdrehten, und noch später waren Ray und Inga wie Furien auf der Tanzfläche herumgetobt, sie stampften und schwitzten und sprangen umher, hingebungsvoll und selbstvergessen, und grölten alle Liedtexte mit, die sie kannten, und dann hieß es plötzlich, die Party ist beendet, und zornig war Inga zu dem Barkeeper gegangen und hatte beide Arme auf den Tresen gestützt, und ihr hagerer Körper bebte vor Empörung, während sie schimpfte, was soll das, auf den Plakaten stand, es wäre eine Veranstaltung mit Open End, und der Typ mit dem verquollenen Raupengesicht und dem schwarzen Kapuzenpulli hatte gegrinst, ja natürlich, aber das bedeute noch lange nicht, dass er sich die komplette Nacht um die Ohren schlagen müsse, nachdem alle Gäste gegangen sind, nur weil fünft besoffene Verrückte einfach nicht genug kriegen können, und anschließend hatten sie draußen gestanden, oben am Himmel leuchtete der Vollmond und die rote Lichterkette glühte noch immer wie eine Reihe dämonischer Augen durch die Dunkelheit und Ray hielt etwas unbeholfen seine komplett zerknitterte schwarze Samtjacke im Arm und fragte sich, wie um Himmels Willen die da hingekommen war; Flori nickte anerkennend und meinte, Inga sei ja schon ziemlich dreist, sich erst den ganzen Abend lang heimlich an mitgebrachtem Rum betrinken und zum Abschluß noch den Leuten an der Bar Frechheiten machen, und Inga grinste nur, tjah, man muss jede Gelegenheit genießen, die sich noch bietet, um dem Wirt die Meinung zu sagen, und verschwörerisch blinzelte sie Ray zu; keiner von ihnen hatte Lust, jetzt schon nach Hause zu gehen, und so marodierten sie weiter durch die Straßen, ziellos, die Nacht gewann an Intensität und allmählich geriet alles außert Kontrolle, Flori stolperte und fiel in eine Pfütze, Inga brach einen Mercedesstern ab und lachte dabei schrill und ansteckend, es klang fast schon diabolisch, Esther, die wunderschöne, geheimnisvolle Styxnymphe, sprang schwungvoll in einen Haufen mit ordentlich aufgeschichtetem Laub und wirbelte alles durcheinander, einfach so aus Spaß, und dabei lächelte sie unergründlich wie eine kleine Sphinx, und erneut hatte Randy Ray plötzlich das Gefühl einer unnennbaren Bedrohung, die irgendwo in der Zukunft auf ihn lauerte, ihm wurde übel, aber die unangenehme Ahnung verschwand sofort wieder, als er sich eine Kippe anzündete, und sie stürmten weiter durch die sakrale, gewaltige Nacht, ihre Schatten rollten hinter ihnen her und das Echo ihrer Schritte hallte durch die leeren, einsamen Straßen, sie befanden sich jetzt im lodernden Auge der Ekstase, ja, sie waren die Gallionsfiguren einer neuen Welt der Freude und der rauschhaften Lebensgier, Schweiß rann Randy Rays Rückgrat hinab und seine Lippen schmeckten salzig, während sie immer weiter sie durch das Labyrinth der Stadt irrten, und dann plötzlich wurden sie von der vergorenen Nacht ausgespuckt auf einen hell erleuchteten Platz, direkt vor der Tanke im alten Industriegebiet, und Inga schlug vor, man könnte hier ja noch einen Wein kaufen und sich dann in den Proberaum verziehen, der läge eh nur ein paar Straßen weiter, begeistert stimmten alle zu, und Randy Ray lehnte sich an ein rostiges Brückengeländer, neben ihm stand Esther, mit dem zartem, verletzlichen Gesicht einer kleinen Elfe, dunkelblauen Augen und Haaren, die sich gleich Schlangen über ihre Schultern ringelten, ja, und dann hatten sie im Proberaum gehockt, die vorherige Euphorie wich allmählich einer lähmenden Müdigkeit, nach und nach hatten sie sich auf dem Boden zusammengerollt, unter ihren Mänteln und Jacken und den alten Bettlaken, auf denen mit bunter Farbe Libertalia stand und die Inga großzügig verteilte, und das letzte, was Randy Ray mitbekam, er war zu diesem Zeitpunkt bereits im Halbschlaf, war, dass plötzlich Unruhe aufkam, ein nackter Fuss patschte mitten in sein Gesicht, auch die anderen knurrten und grunzten unwillig, und dann flog mit einem Knall die Hintertür auf, draußen würgte und röhrte jemand und wimmerte leise, mühsam versuchte Ray, den Geschehnissen gedanklich zu folgen, obwohl sein Geist immer wieder in die sanften, trunkenen Gefilden des Schlafes abdriftete, im nächsten Moment blitzte das viel zu grelle Licht auf und Inga wankte durch den Raum, die kurzen platinblonden Haare wild zerstrubbelt, und murmelte „Ich seh mal nach, was da los ist,“ und Ray fielen erneut die Augen zu, er driftete durch Grenzbereiche seines Bewusstseins, vorbei an der Wiese, auf der Einhörner spielten und wo ein Mann mit goldenen Flügeln Pfeile nach der Sonne schoss, durch die Dünen mit dem entsetzlichen Baum bis hin zum Meer; über den Strand züngelten lüsterne Flammen und Nixen mit feuchten Gewändern tanzten einen seltsamen Reigen, sie waren lilienbekränzt und trugen in ihren Händen Amphoren und mit Blutschlieren besudelte goldene Gefäße, und immerzu brauste und pfiff der Wind, ein Hahn krähte laut und dann näherte sich eine von vier Pferden gezogene Kutsche, Ray fiel auf, dass sie keinen Schatten warf, der Wind nahm sogar noch zu, es war beinahe unerträglich jetzt, die Schiffe mit dem hohem Bug und den verbrannten Segeln schwankten bereits heftig und aus den Wogen stiegen riesige Schlangen empor, und dann knallte die Tür erneut und Inga stand da und erklärte: „Flori ist schlecht. Ich glaube, bei ihr gab´s heute Nudeln zum Abendessen, und zwar ziemlich viele. Aber macht euch keine Sorgen, ansonsten ist mit ihr alles O.K.“

* ° *

 

~ Nadine ~

Versonnen beobachtete Nadine, wie der zierliche rote Fluss, der filigrane Magmastreifen, sich an ihrem Unterarm hinabschlängelte. Sie hatte aufgehört zu zittern, und ihr Herz raste nicht mehr zum Zerspringen. Ja, die Umarmung des Schmerzes tat gut, sie beruhigte, sie lenkte ab. Der Schmerz war das liliengeschmückte Tor, das sie fortführte aus dieser tristen, öden Welt... Er gab ihr Mut, Kraft und Zuversicht; er machte sie zu einer Heldin, zu einer Auserwählten für eine Nacht. Er war die Flamme, die tief in ihrem Inneren loderte und ihr Leben von einer Aneinanderreihung bedeutungsloser Tage zu einem wilden, stolzen Tanz auf dem Vulkan werden ließ; er war das strahlendste Juwel in dem Diadem, welches sie zur unschuldigen schwarzen Königin krönte. Wenn der Schmerz ihre Haut streichelte, fühlte sie sich nicht mehr so alleine und hilflos. Der Schmerz war ihr einziger treuer Gefährte in dieser kalten, grausamen, unberechenbaren Welt. Er war immer da, allgegenwärtig, untrennbar verwoben mit ihrem Sein... Warum also kämpfen, warum aufbegehren? Warum nicht einfach den Schmerz von einem Feind zu einem Verbündeten machen?! Warum nicht nachgeben, wenn er sie verführte, wenn er sie lockte mit seiner Stimme aus Kristall? In seiner nachtgetränkten Umarmung, voll Furcht und Ekstase gleichermassen, konnte sie sich immer wieder aufs Neue beweisen, dass sie stark genug war, alles zu ertragen... Der Pakt wurde stets besiegelt, indem er ihr das korallenrote Armband anlegte, und nun gab es kein Zurück mehr.
Nadine legte die Klinge wieder in die herzförmige Schatulle auf ihrem Nachttisch, löschte das Licht und schloß die Augen.

(...)

 

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